
Jungfrau
Was
vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.
(Hegel)
Wie gerne wäre ich mit
Gebrauchsanleitung und Gerätbeschreibung geliefert worden.
Wie gerne würde ich exakt bestimmen: das bin ich.
Wie sehr ängstigt mich jegliche Ungewißheit.
Und wie sehr muß ich daher suchen und forschen nach mir,
immer wieder den sicheren Boden des schon Gewissen verlassend,
hineingehen ins Ungewisse, mitten hineingehen in die Angst.
Alles Ungewisse ist mir ein Grauen.
Doch letzte Gewißheit zu erlangen, heißt immer wieder:
das ängstliche Zögern überwinden und hineinleuchten ins Ungewisse,
auf daß dunkles Ahnen zu neuer Gewißheit wird.
In der
Löweseele gibt es noch keine Vergänglichkeit, um so mehr kommt diese im
letzten Sommermonat ins Bewusstsein. Das Jungfrausymbol entstand einst - wie
auch das sehr ähnliche Skorpionsymbol - aus der “Sterbe-Rune” (ti-Rune). Der
nächste Winter kommt bestimmt , das weiß und spürt man in dieser Zeit. Da
heißt es vorsichtig zu sein, die Ernte einzufahren, um für die dunkle
Jahreszeit gerüstet zu sein. Die Naivität der Hochsommerstimmung weicht der
ernüchternden Erkenntnis, dass jedem Aufschwung ein Niedergang folgt, jedem
Wachstum eine Rezession. Mit dieser Wahrheit zu leben hat manchmal eine
schwer zu ertragende Unnaivität zur Folge - es ist, als würde man schon als
Kind mit einer gewissen Erwachsenheit geboren, mit dem Wissen um
unabänderliche Gesetze, mit dem Wissen auch, dass alles einmal ein Ende hat.
Vereinfacht gesagt, siehst Du durch die Brille des Löwen das Halbvolle,
durch die Brille der Jungfrau das halbleere Glas, bist insofern der geborene
Optimist oder Pessimist.
Die
Organentsprechung ist hier der Darm- und Verdauungstrakt. Dort wird die
Speise ‚geordnet‘ nach dem Prinzip der Nützlichkeit, nach einem
‚analytischen‘ Verfahren sozusagen. Als Jungfrau hast Du demgemäss die
Aufgabe, in Deinem Umfeld ein ‚wandelnder Darm‘ zu sein, funktionierende,
gesunde Strukturen und Ordnung ökonomischer sowie ökologischer Art um dich
herum zu schaffen. In der psychoanalytischen Lehre der frühkindlichen
Entwicklungsphasen kommt nach der oralen Phase (die astrologisch im
Mondbereich bzw. in den Zeichen Krebs und Stier ihre Schwerpunkte hat) die
anale Phase, die Phase der Sauberkeitserziehung. Hier lernt das Kind, zu
funktionieren, sich zu kontrollieren, aber auch, etwas zu ‚machen‘, Leistung
zu bringen.
Weiterhin
hat der Ausscheidungsvorgang auch zu tun mit Loslassen, mit Vergänglichkeit
(hier sei an das Widder-Märchen erinnert, in dem der Held beim Anblick
seines Hinterteils das Grauen lernte).
Der Segen und
der Fluch der Jungfrau-Wahrnehmung ist die Sensibilität für das, was “in
Ordnung” ist, und was nicht. Kosmos bedeutet - wörtlich übersetzt - Ordnung.
Der Ordnungsbegriff bedeutet weit mehr, als die Kochbuchinterpretationen
bzgl. Jungfrau es gemeinhin ausdrücken. Natürlich gibt es die extremen
Auswüchse des Erbsenzählers und Zwangsneurotikers, aber dem allem liegt die
fundamentale Weisheit zugrunde, dass im winzigen Atom das gesamte Universum
repräsentiert ist (wie oben, so unten), und deswegen das Kleine, das Detail
dieselbe Achtung verdient, wie das Große. Eine Geschichte dazu: In seinem
Buch “Der leere Spiegel” beschreibt der Autor W. van de Wetering seinen
Aufenthalt in einem japanischen Zen-Kloster. Eines Morgens, als er zu seinem
Lehrer geht, sagt ihm dieser folgendes: “Ich habe Dich gestern beobachtet,
wie Du mit Deinem Moped an einer Kreuzung abgebogen bist, ohne den Arm
auszustrecken. Hinter Dir musste deswegen ein Auto bremsen. Nun stell Dir
vor, hinter diesem wäre ein weiteres Auto gewesen und dessen Fahrer hätte
nicht mehr rechtzeitig bremsen können und es hätte einen Auffahrunfall
gegeben. Da der hintere Fahrer sich gerade ein neues Auto gekauft hat und
dieses jetzt beschädigt ist, ist er natürlich wütend, geht nach Hause und
beginnt einen Streit mit seiner Frau. Schließlich gibt er ihr eine Ohrfeige.
Diese ist so empört über die ungerechte Behandlung, dass sie - noch voller
Erregung - das neugeborene Kind beim Wickeln fallen lässt, und dieses stirbt
an den Folgen des Sturzes. Und - dieses Kind hätte ein Zen-Meister werden
können! Also - weil Du Deinen Arm nicht ausgestreckt hast, ist ein
Zen-Meister ermordet worden.
Mit dem
Bewusstsein zu leben, dass kleine Unachtsamkeiten dramatische Folgen haben
können, ist alles andere als leicht. So oft wird man sich (und anderen)
sagen: Ich habe es kommen sehen. Ich habe es gleich gesagt. Und mit dieser
angeborenen Wahrnehmung für die “Richtig-Falsch-Dimension”, mit dieser
inneren Gewissheit, dass Du erntest, was Du säst, wirst Du oft zum
unbeliebten Kritiker und Oberlehrer, oft gehasst, weil Du nämlich meistens
recht behältst. Es ist eben nicht egal, ob Du nach einem ausgiebigen
Kneipenbesuch mit dem Auto heimfährst, weil es ja nur zwei Kilometer sind,
gerade da kann es passieren.
Die Gratwanderung zwischen vorsichtiger Lebensklugheit und lähmender
Lebensängstlichkeit (Leben ist schließlich lebensgefährlich) bestimmt hier
große Bereiche des Lebens. Was ist richtig, was ist falsch?
Im Märchen
gibt es darauf interessante Antworten. Ein Jungfrau-Märchen ist die
Geschichte von Frau Holle. Holle kommt von dem germanischen Hel; sie
repräsentiert die große Naturgöttin und wacht über die Einhaltung der
Naturgesetze. Goldmarie achtet die Gesetze der großen Göttin, sie macht
alles richtig. So nimmt sie das Brot zum rechten Zeitpunkt aus dem Ofen,
schüttelt den Apfelbaum zur rechten Zeit, dient bereitwillig im Haus der
Göttin und schüttelt auch die Kissen zur rechten Zeit aus. Sie achtet die
Naturgesetze und ist bereit, sich der natürlichen Ordnung der Jahreszeiten
zu fügen. Konsequenterweise wird sie dafür mit Gold überschüttet. Ihre
Schwester Pechmarie ist zu faul dazu, hat keine Lust zu dienen, verachtet
die Gesetze der Großen Göttin - konsequenterweise erntet sie dafür Pech.
Glück und Pech, das lehrt dieses Märchen, sind abhängig von der Bereitschaft
zu dienen und zwar nicht irgendeiner beliebigen Autorität, sondern der
Natürlichen Ordnung. Also: Du erntest, was Du säst. Es gibt einen
Ordnungsbegriff, der nicht beliebig ist, nicht korrumpierbar durch
Wissenschaftler, Politiker oder sonst irgendjemanden. Bestimmte Dinge sind,
wie sie sind: die Sonne geht morgens auf und abends unter, Schnee fällt im
Winter und nicht im Sommer, die Ernte wird im Herbst und nicht im Frühjahr
eingefahren. Die Autorität des Jungfrauprinzips basiert auf dem Wissen um
die kosmische Ordnung. Und: es ist ein tiefes inneres Bedürfnis, diese
Ordnung zu erhalten da wo sie besteht und sie herzustellen wo sie nicht
besteht. Eine nützliche, gesunde Zelle im großen kosmischen Körper zu sein
und durch eigene Arbeit einen Beitrag zu leisten zu einer Welt, die gesund
ist und im guten Sinne funktioniert - das ist hier der Auftrag.
Auch Aschenputtels Körnerverlesen ist eine Jungfrau-Tätigkeit: “die guten
ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Das ist alles andere als eine
niedere Tätigkeit. Hier soll das Lebendige vom Toten getrennt werden, das
Fruchtbare vom Unfruchtbaren. Es gibt auch Märchen, in denen männliche
Helden diese Aufgabe haben. Jungfrau hat einen begnadeten Blick dafür, was
in Bezug auf eine bestimmte Struktur nützlich und gesund bzw. unnütz und
ungesund ist. Das ist lebendige Ordnung, wie sie auch der Darm erschafft.
In vielen Märchen müssen Helden oder Heldinnen, Königssöhne oder
Königstöchter einfache Arbeiten verrichten, die im Gesamtzusammenhang aber
unverzichtbar für die persönliche Entwicklung sind. So muss der Königssohn
im Eisenhans-Märchen eine Zeitlang Garten- und Küchenarbeiten ausführen und
sein goldenes Haar unter einer Mütze verstecken. In dem Märchen König
Drosselbart muss die Königstochter in einer einfachen Waldhütte niedrige
irdische Tätigkeiten erledigen. Natürlich kann man, wenn man will auch da
wieder das Problem patriarchaler Herrschaft hineininterpretieren, das kommt
auf den Blickpunkt an. ‚Dienen‘ ist heute ein heißes Wort, das man wie ein
rohes Ei behandeln muss. Trotzdem: das wohlverstandene Jungfrauprinzip lehrt
freudiges Dienen im Sinne der Goldmarie oder des Königssohns im
Eisenhansmärchen. Mit der irdischen Alltagswirklichkeit zurechtzukommen, mit
täglichen Routinearbeiten, ist eine genauso große Herausforderung wie die
Besteigung von Himalayagipfeln oder das Aufstellen von Weltrekorden. Der
Meister, der, nach seiner besonderen Weisheit befragt, antwortet: “ich esse,
wenn ich hungrig bin und schlafe, wenn ich müde bin” - besitzt die Weisheit
der Jungfrau. Das Schlichte, Einfache, Gewöhnliche ist weiser als
imponierendes Heißluftgebläse. Die Schlichtheit des einfachen Arbeiters, der
das, was er tut, mit Liebe und Sorgfalt tut, der Weg des rechten Handelns,
der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit mit dem Ziel, Schädliches zu vermeiden
und Gesundes zu fördern, das ist hier der Weg - im Großen wie im Kleinen.
Das beginnt mit der Verantwortung für den physischen Leib. Die
Aufmerksamkeit für das, was dem Körper nützt und was ihm schadet, ist hier
von vorneherein besonders groß. Das beginnt bei der Ernährung. Du bist, was
Du isst, könnte man hier sagen. Es ist kein Zufall, dass die griechische
Göttin Demeter, die viel Jungfrausymbolik besitzt, ihren Namen in der
Naturkostbranche zur Verfügung stellen muss. Die Verantwortung für den
Körper lässt sich auch auf den Körper der Familie, in der wir leben,
ausdehnen, weiterhin auf den Organismus der Gesellschaft, der wir angehören,
zuletzt auf den großen kosmischen Leib, in dem wir als einzelne verpflichtet
sind, eine gesunde Zelle und keine Krebszelle zu sein, bzw. zu werden.
Eine
Geschichte: Nach einer langen Wanderung durch die Wüste kommen eines abends
der Meister und sein Schüler an einer Oase an. Der Meister trägt dem Schüler
auf, vor dem Schlafengehen die Kamele anzubinden. Dieser ist jedoch so müde,
das er sich an einen Satz seines Lehrers erinnert: “Allah gibt auf alles
acht!” Also, denkt er, wird er auch auf die Kamele acht geben und legt sich
schlafen. Am nächsten Morgen sind die Kamele weg und er wird gefragt, warum
er sie nicht, wie befohlen, angebunden habe. Er verteidigt sich: “Du selbst,
Meister, betonst immer wieder, dass Allah auf alles acht gibt, deshalb
meinte ich, er würde auf die Kamele aufpassen”. Darauf der Meister:
“Vertraue auf Allah, aber binde zuerst Deinem Kamel die Knie.” Dieser
Meister könnte Jungfrau gewesen sein. Man fühlt sich an den Satz erinnert:
“Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.” Der Jungfrau-Gegenpol Fische
besitzt die Weisheit der bedingungslosen Hingabe an den Fluss des Lebens.
Würde man diese Haltung verabsolutieren, so würden einem tagtäglich die
Kamele davonlaufen. Aber auch eine Verabsolutierung des Kontrollprinzips
macht lebensuntüchtig; denn jede Einseitigkeit ist auf Dauer gesehen dumm
und unlebendig. Es könnte Dir dann gehen, wie jenem Mann, der an die Pforte
zum Himmelreich kommt und dort zwei Eingänge vorfindet. Über dem ersten
steht “Eingang zum Himmelreich”. Über dem zweiten: “Eingang zu Vorträgen
über das Himmelreich”. Er wählt die zweite Tür.
Übertriebene
Vorsicht, über alles Bescheid wissen müssen, bevor man es einfach ERLEBT,
das hieße, erst ins Wasser gehen, wenn man schwimmen kann. Und - wie die
russische Baba Jaga im Märchen von Wassilissa sagt: “Viel wissen macht alt!”
Die einzige Möglichkeit ist hier, immer wieder bewusst die Gratwanderung
zwischen Vorsicht und Vertrauen zu gehen. Es gibt auch einen Witz, der auf
dem Jungfrau-Fische-Gegensatz aufbaut: Es regnet seit Wochen und Monaten, so
dass die Bewohner des Dorfes ihre Häuser in Booten verlassen, um ihr Leben
zu retten. Plötzlich merken sie, dass der Dorfpfarrer nicht bei ihnen ist
und eins der Boote fährt zur Kirche, um ihn zu holen. Der erklärt den Leuten
jedoch: “Ich verlasse meine Kirche nicht, ich vertraue auf den Herrn, er
wird mich nicht umkommen lassen.” Es regnet noch mehrere Wochen und die
geflohenen Dorfbewohner sagen: “Der Pfarrer wird ertrinken.” Und sie
schicken ein Boot, das ihn holen soll.
Als das Boot den Ort erreicht, steht das Wasser schon so hoch, dass der
Priester sich auf das Dach der Kirche hat retten müssen. Die Bootsbesatzung
fordert ihn auf mitzukommen, da er andernfalls ertrinken würde. Er weigert
sich jedoch und wiederholt, dass er darauf vertraue, dass Gott ihn retten
würde. Unverrichteter Dinge legt das Boot wieder ab. Da es noch weitere
Wochen regnet, entsenden die Dorfältesten nochmals ein Boot in der Hoffnung,
dass der heilige Mann nun zur Vernunft gekommen sei und einsehe, dass er
sich in Sicherheit bringen müsse. Das Wasser steht schon so hoch, dass der
Pfarrer auf der Kirchtumspitze hat Zuflucht suchen müssen. Jedoch sein
Vertrauen in den Herrn ist so unerschütterlich, dass er sich auch jetzt noch
weigert, das Haus Gottes zu verlassen. Bestürzt rudert die
Rettungsmannschaft davon und es regnet und regnet und der Priester ertrinkt.
Als er endlich vor seinem Schöpfer steht, sagt er: “Ich habe so in Dich
vertraut, und Du hast mich nicht gerettet!” “Was beschuldigst Du mich?”
entgegnet ihm Der Herr. “Ich habe Dir dreimal ein Boot geschickt, und Du
hast Dich jedes mal geweigert einzusteigen.”
Die Verbindung der Fische-Weisheit mit der Jungfrau-Weisheit lautet daher:
“Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.”
Mit anderen
Worten Gott leistet Hilfe zur Selbsthilfe: du bekommst alles, was Du
brauchst, um deine Probleme anzupacken und zu lösen, aber Du darfst nicht
erwarten, dass jemand anderer Dir den Teil, der von Dir als Eigenleistung
erwartet wird, abnimmt.
Ist in einem Familiensystem viel Jungfrau-Energie vorhanden, findet sich
eine ganz undramatische, praktische Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft;
man kann sich versorgt und sicher fühlen. Der Vorrat an Holz, den man im
Sommer angelegt hat, ist so groß, dass man auch in sehr strengen Wintern
nicht frieren muss. Falls jemand krank wird, sind genug Heilkräuter da und
auch die richtigen Rezepte für die Kräutermischung. Verlässliche Strukturen
mit klaren Regeln bestimmen, wer in der Familie wann welche Aufgaben zu
erledigen hat. Das Haushalten mit den verfügbaren Mitteln geschieht auf eine
Weise, dass sich kaum wirkliche Existenzsorgen einstellen können. Die dunkle
Seite dieses Systems ist die perfekte Familie, der perfekte Haushalt ohne
Lebendigkeit. Wer aus der Ordnung fällt, wird permanent kritisiert und
belehrt; jede Handlung wird unter Begründungszwang gestellt; Spontaneität
und Kreativität werden als Naivität, Dummheit oder einfach als unnütz
abqualifiziert. Einseitige Leistungsorientierung züchtet brav
funktionierende Kinder ohne Lebensfreude. Hier gedeiht nicht Vertrauen,
sondern Angst. Angst, nicht zu genügen, Angst vor Kritik, Angst “es” nicht
zu schaffen, nichts wert zu sein, wenn Du es nicht bringst, Angst vor dem
Leben überhaupt.
Bist Du
geboren mit Sonnenstand Jungfrau, so ist Dein innerer König ein kluger,
aufmerksamer Herrscher, der sich als Hüter einer übergeordneten
Gesetzmäßigkeit begreift. Er ruht sich nicht aus auf seinem Thron, sondern
sorgt durch sein Handeln täglich neu dafür, dass in seinem Reich Gesundheit
und Produktivität herrschen - er ist zugleich Herrscher und Diener, sich
niemals zu schade für einfache Arbeit. Er kümmert sich in
verantwortungsvoller Weise um sein Volk, ist beliebt und manchmal auch
gefürchtet wegen seines kritischen Auges, dem nichts entgeht, was Schaden
bringen könnte.
Als Kind mit
Jungfrau-Sonne wirst Du diese Qualitäten zunächst im leiblichen Vater
suchen. Er soll Dir die Welt erklären, allerdings nicht wie der
Zwillingskönig nur Geschichten erzählen, sondern Lebenspraxis vermitteln.
Ein Mann mit Jungfrau-Sonne berichtete in einer Gruppe, das einzige schöne
Erlebnis, das ihn mit seinem Vater verbinde, sei, dass dieser ihm einmal
zeigte, wie man ein Fahrrad repariert. In diesem Moment war er ein
wirklicher Jungfrau-Vater: er erklärte dem Sohn anhand des Fahrrads, wie die
Weltordnung funktioniert. Der Vater soll Dir zeigen, wie die Dinge
funktionieren, soll sich kümmern und zuständig fühlen und in der
unbekannten, gefährlichen Welt Sicherheit vermitteln durch seine Klugheit
und Erfahrung. Es ist für Dich wichtig, dass Du von ihm ernst genommen
wirst, dass er Deine Leistung kritisch würdigt, sich mit Dir
auseinandersetzt. Was Du ihm schwer verzeihen wirst, ist schlampiges
Desinteresse, eine faule, unkritische und unbewusste Lebenshaltung, sei es
im familiären oder auch im politisch-gesellschaftlichen Rahmen. Er muss das,
was er tut, schon auch kritisch hinterfragen bzw. sich von seinem Sohn, von
seiner Tochter hinterfragen lassen. “Warum tust Du das?” Auf diese Frage
muss eine antwort kommen. Du bist hier nicht das unkritische Kind, das einem
Vater unbesehen ein Podest einräumt; Du wirst ihn an seinem Handeln messen.
Auch du möchtest wiederum, dass er Dir bestätigt: “Das hast Du gut gemacht!
Du bist in Ordnung!” Und - diese Sätze sollen dann kein Gerede sein, sondern
Deiner tatsächlichen Leistung angemessen. Du merkst, wenn Dich einer lobt
aus Schmeichelei oder weil er seine Ruhe vor Dir haben will.
Als Frau mit
Jungfrau-Sonne lebt dieser Vater-König als Möglichkeit auch in Dir, wird
sich aber zunächst in mehr oder weniger bewusste Erwartungen an Männer
einschleichen, vor allem den Mann betreffend, der Vater Deiner Kinder sein
könnte. Du suchst dann nach einer Mischung aus fürsorglichem Vater-Typus und
tatkräftig-fleißigem Helden. Nicht nach bodenlosen, verkannten Genies oder
verträumten Lebenskünstlern wird es Dich verlangen und wenn, dann nur
kurzfristig; denn auf Dauer bringt das schließlich nichts. Der Mann soll mit
der irdischen Wirklichkeit zurecht kommen, soll Boden unter den Füßen haben,
soll vernünftig und erwachsen sein. Im negativen Fall wirst Du Dir Männer
suchen, die dich dauernd kritisieren, denen Du nichts recht machen kannst,
von denen Du Dich reduziert fühlst auf eine Funktion, sei es Mutter,
Hausfrau oder Gehilfin. Dann wirst Du wie ein kleines Mädchen vor dem
kritisch prüfenden Blick des Mann-Vaters zittern - und das so lange bis Du
Dich mit Deinem inneren kritischen König auseinandersetzt, Deine eigenen
Vorstellungen von Ordnung und Klarheit definierst. Dein Selbstbewusstsein
hat hier sehr viel zu tun mit dem Beitrag, den Du leistest, Deine
schöpferische Energie ist untrennbar mit den Themen Nützlichkeit und
Gesundheit verbunden. Der Rahmen der Verwirklichung kann sehr verschieden
sein, es kann genauso gut heilend-helfende, wie politische Arbeit sein oder
auch die alltägliche gewissenhafte Arbeit an Dir selbst mit liebevoller
Aufmerksamkeit für die scheinbar unbedeutenden, kleinen Dinge des Lebens. Am
Ende Deines Lebens wird jemand in Dir fragen: “Was hast Du gemacht? Was war
Dein Beitrag? Wozu war Dein Leben nütze?
Das
Jungfrau-Beziehungsmodell ist die gesunde, funktionierende Beziehung, in der
man achtsam und bewußt miteinander umgeht. Fritz Riemann, der die Venus in
diesem Zeichen hatte, schrieb einst ein kleines Buch: “Die Fähigkeit zu
lieben”. Hier ist klar, dass Liebe nicht nur ein Geschenk des Himmels ist,
das einfach so gegeben und genommen wird, sondern dass Liebe geübt und
erarbeitet sein will, auch da, wo die Anfangsverliebtheit anderes verheißt.
H. Jellouschek hat in einem seiner Vorträge gefordert, die Paarbeziehung als
gemeinsamen Übungsweg zu begreifen und stellt dieses ‚ernüchternde‘ Modell
der immer noch häufig anzutreffenden Vorstellung gegenüber, Liebe müsse
immer und jederzeit romantisch sein, müsse einfach so da sein und geschehen
ohne Arbeit. Liebe bekommt hier oft das Gesicht einer schlichten,
hilfsbereiten Kameradschaft mit viel Aufmerksamkeit für die (materiellen)
Bedürfnisse des anderen. Man lässt die Beziehung nicht verschlampen, sondern
ahnt und spürt, wann Reparaturen am Beziehungsgebäude notwendig sind. Es ist
ein realistisches Bewusstsein für die Möglichkeiten und Begrenztheiten der
Partnerschaft vorhanden, ohne deswegen groß ins Lamentieren zu geraten - so
ist es eben im Leben. Wenn die Beziehung ‚nichts mehr bringt‘, ungesund und
unfruchtbar geworden ist, kann man das einfach sachlich-objektiv anschauen
und Konsequenzen ziehen; man wird nicht Energie in ein totes oder
destruktives System investieren. Dazu ist das Leben zu kostbar. Immer wieder
müssen die Beziehungskörner im Sinne Aschenputtels verlesen werden - und,
wenn die kosmische Ordnung es will, erwächst daraus ein altes Paar, das
liebevoll-ehrlich und bewusst-kritisch den gemeinsamen Weg gegangen ist.
Die Schattenseite ist hier die tote funktionierende Beziehung, die man
ausschließlich unter dem ökonomisch-praktischen Gesichtspunkt führt, in der
jeder sich nur noch über seine Funktion definiert, ansonsten aber als Person
schon lange nicht mehr gefragt ist. Die perfekte, durchgestylte Beziehung
mit verhaltenstherapeutisch eingeübten Belohnungsmustern, funktionierend
nach der Kosten-Nutzen-Rechnung; denn Scheidung kommt zu teuer. Die
irrationale Welt der Gefühle ist längst schon erfolgreich aus der Beziehung
verbannt (‚nun werde bloß nicht hysterisch!‘ oder ‚sag Bescheid, wenn man
wieder vernünftig mit Dir reden kann!‘). Sex ist zur Pflichtübung verkommen
(‚Schatzi heute ist Samstag!‘) oder wird kühl und perfekt gemanagt. Eine
andere Variante ist die Beziehung, in der mörderische Rechthaberkriege an
der Tagesordnung sind; kein Anlass ist zu gering, um daraus nicht eine
Grundsatzdiskussion zu machen. Aus tiefer Angst vor der unberechenbaren
Buntheit des Lebens wird der Partner unter dem Deckmantel von Vernunft und
Vorsicht zu Tode kontrolliert. Man ist eben besorgt und man meints ja nur
gut: “Was kann nicht alles passieren?”
Zur therapeutischen Strategie im Sinne des Jungfrauprinzips ist es
entscheidend, wie im Laufe des Lebens die Begriffe ‚richtig‘ und ‚falsch‘
definiert werden, ob im Sinne einer natürlich-lebendigen oder im Sinne einer
steril-lebensfeindlichen Ordnung. Wolf Büntig (Jungfrau-Sonne) hielt vor
Jahren einen Vortrag in Lindau über seine Arbeit mit Krebspatienten. Ein
Pfarrer meldete sich in der anschließenden Diskussion zu Wort: “Ich
begleitete vor kurzem eine sterbende Frau, und sie fragte mich: “Herr
Pfarrer, was habe ich falsch gemacht?” Sie meinte damit, warum sie diese
Krankheit bekommen musste. Ich wusste keine Antwort. Was hätten Sie gesagt?”
Büntigs Antwort: “Ich hätte Ihr gesagt: der einzige Fehler, den Sie gemacht
haben, war, dass sie versucht haben, etwas richtig zu machen.” Das ist es!
Unsere Begriffe von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ haben meistens wenig mit dem
Leben zu tun, sondern sind Konzepte gut funktionierender Söhne und Töchter
mit Waschzwang und Spinnenphobie. Die “anständige Schweiz” gilt als
Jungfrau-Land. Nirgends auf der Welt gibt es mehr Bunker in Relation zur
Bevölkerungszahl, ganz abgesehen von den Bankbunkern. Als ob dadurch der Tod
überlistet werden könnte! Die oben beschriebene Krebspatientin hat bestimmt
vernünftig gelebt, ist sicherlich nicht randalierend in Kneipen aufgefallen,
ist sicherlich nie aus der Kirche ausgetreten und war vermutlich eine gute
Tochter ohne Schatten. Es ist so bitter, dass gerade der Mensch, der es
immer gut meint, nie Fehler macht, nie negativ auffällt, Opfer einer
destruktiven Krankheit wird. Und doch ist es geradezu logisch. Was Du nicht
lebst oder nicht leben lässt, lässt Dich nicht leben! “Es bleibt ein
Erdenrest, zu tragen peinlich - und wär er von Asbest, er wär nicht
reinlich” sagt Goethe (Jungfrau-Sonne). Ein echtes Waschmittelproblem. Wer
erfindet den “Weißen Supercop”, der auch diesen peinlichen Schattenanteil
besiegt?
Im Märchen
gibt es kaum einen Helden oder eine Heldin, der/die ohne Fehler bleibt.
Entweder es wird die verbotene Kammer aufgemacht oder es wird eine Wache
verschlafen oder das Schweigegebot gebrochen oder, oder, oder ... Diese
‚Fehler‘ sind entscheidender Grund dafür, dass Entwicklung passiert. Denk an
Dein eigenes Leben: Deine größten Fehler waren Deine größten Lehrer; sie
haben Dir mehr Erkenntnis vermittelt als tausend gute Taten. Die schlimmsten
Sünden sind oft die, die wir nicht begangen haben. Wenn Du Fehler vermeiden
möchtest, kannst Du gleich im Bett liegen bleiben und nie mehr aufstehen -
und das wäre auch ein Fehler. Du kannst Dich auch bemühen, die RICHTIGEN
Fehler zu machen (Herr und Frau Sorgenfrei im Fasching: jetzt wollen wir uns
mal RICHTIG daneben benehmen). Oder - Du kannst die Definition ‚richtig -
falsch‘ Gott überlassen. Dann wirst Du bei allem, was Dir auf Deinem Weg
begegnet, bei allem Bemühen und Scheitern, Gewinnen und Verlieren sagen: Es
ist, wie es ist - und aus. Der Wirklichkeit ist es egal, ob Du sie mit
Deinen noch so klugen Denkmustern als richtig oder falsch erachtest - sie
IST einfach. Du kannst als einsam rufender Rechthaber in der Wüste sterben
nach dem Motto: “Und ich hätte doch gewusst, wie es besser und richtiger
gegangen wäre” - oder Dich und die Welt von Moment zu Moment willkommen
heißen, Deine persönliche Klugscheißerei immer wieder demütig der göttlichen
Weisheit unterordnend.
Text von
Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
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