
KREBS
Die Sommersonnwende
markiert den Eintritt der Sonne in das Tierkreiszeichen Krebs. Zwar ist die
sommerliche Wärme jetzt zu spüren, Mutter Natur ist freundlich und
großzügig, und doch ist der längste Tag vorbei, das lichte Prinzip nimmt
wieder ab, die Sonne hat den Rückwärtsgang eingelegt. Das Symboltier, der
rückwärtsgehende Krebs, ist ein entwicklungsgeschichtlich uraltes Tier und
weist auf Frühformen des Lebens hin. Rückwärts, dort ist die Welt der Großen
Mutter, aus der wir alle kommen, zu der wir alle irgendwann zurückkehren.
Im Zeichen
Zwillinge hatte die Sonne, das Symbol für Bewusstsein und Lichtkraft des
Geistes ihren höchsten Stand erreicht. Die große Gefahr an diesem Punkt
bestand darin, von dieser geistigen Höhe aus zum interessierten Zuschauer,
zum coolen Beobachter und persönlich weder betroffenen noch berührten
Kritiker des Lebens zu werden. Geradezu als ausgleichende und
ausbalancierende Reaktion auf diesen geistigen Höhenflug folgt nun im
Tierkreiszeichen Krebs der Abstieg in die tiefsten Gründe und Abgründe des
Gefühlslebens. Hier begegnen wir unserem sensibelsten Organ, der
Hautlosigkeit und Ungeschütztheit des Seelenkernes. Wer mit diesem Innersten
in Kontakt ist, sieht die Welt mit anderen Augen. Was sieht man mit diesen
anderen Augen? Wie sieht man mit diesen anderen Augen? Herz und Auge sind
für uns in erster Linie Körperentsprechungen des Tierkreiszeichens Löwe und
seiner Herrscherin, der Sonne. Die alte Astrologie ordnete jedoch das rechte
Auge der Sonne zu und das linke dem Mond. Die westliche Menschheit hat
zwischenzeitlich verlernt, auf dem Mondauge zu sehen. Das Mondauge sieht im
Dunkeln, es sieht das, was nicht augenfällig ist. Organisch blinde Menschen
machen sich zum Beispiel ein Bild von ihrer Umwelt, das meist sehr viel
präziser ist, als das der organisch Sehenden. Mit dem Sonnenauge gesehen ist
das Herz ein kräftiger Motor, ein Hort der Lebenskraft, mit dem Mondauge
gesehen ist es ein abhängiges Organ, das mit Blut und Sauerstoff versorgt
werden muss; ein Organ, das nicht nur agiert, sondern auch reagiert:
empfindsam, berührbar, verletzbar. Dieses Krebs-Herz-Sehen versucht nicht zu
differenzieren, zu kategorisieren und zu strukturieren, es versucht einfach
nur zu verstehen, wie's Dir geht und was Du brauchst, bzw. was Dir fehlt.
Gibt es Wärme und liebevolle Begegnung in Deinem Leben? Oder bist Du so
vernünftig, dass Du glaubst, Dir Gefühle nicht leisten zu können? Dürfen
Deine Gefühle fließen, erlaubst Du Dir zu lachen, wenn Du Dich freust, und
zu weinen, wenn Du traurig bist? Das sind Fragen aus dem Geiste des
Krebs-Prinzips - nicht nur an den Krebs.
Es sind
urmütterliche Augen, die Dich da anschauen, wissende Augen, eine Qualität
von der Erich Neumann schreibt: "Diese weiblich-mütterliche Weisheit ist
eine Weisheit liebender Bezogenheit, kein abstrakt 'interesseloses' Wissen".
Ein anderes Beispiel: In einem Fernsehinterview sagte ein Gentechniker:
"Meine Auftraggeber sind nur daran interessiert, was ich als Wissenschaftler
zu sagen hebe, das was der ehemalige Bauernbub in mir darüber zu sagen hat,
wie man mit Tieren umgehen kann und wie nicht, das interessiert niemanden
von denen". Um diese, außer Mode gekommene, nicht auf Effektivität und
Gewinn ausgerichtete Sichtweise der Dinge geht es im Zeichen Krebs. "Man
sieht nur mit dem Herzen gut" - um die Qualität dieses Sehens zu erlernen
oder wiederzuerwerben, müssen wir zunächst mal den Blick abwenden von den
scheinbaren Gegebenheiten und Sachzwängen der äußeren Realität.
Dazu eine
kurze Geschichte: Rabia, eine weise Frau, lebt in Indien in einem kleinen
Dorf. Eines Tages wird sie auf dem Marktplatz gesehen, wie sie angestrengt
etwas zu suchen scheint. Die Leute kommen und fragen: "Hast Du etwas
verloren? Sollen wir Dir suchen helfen?" "Ich habe meine Nähnadel verloren"
sagt sie. "Wo hast Du sie denn verloren?" "Ich habe sie bei mir zuhause
verloren." "Warum suchst Du sie dann auf dem Marktplatz?" "Ich wollte Euch
nur einen Spiegel vorhalten: ihr alle sucht etwas draußen, was ihr drinnen
verloren habt!" Der Blick nach innen ist gefragt: Einsicht. Aber nach innen
schauen hat auch was mit Erinnern zu tun, so wie sich der oben genannte
Gentechniker an den Bauernbuben von damals erinnerte.
Als wir die
Welt aus der Stier-Perspektive betrachteten, waren "Erinnern" und
"Gedächtnis" ganz zentrale Themen: Mutter Erde als Erbgedächtnis der
Menschheit und der Baum, der seine inneren Jahresringe nie verliert, sind
uns als symbolträchtige Bilder in Erinnerung geblieben. Im Zeichen Krebs
geht es nun um eine ganz andere Art von Erinnern. Der Herrscher dieses
Zeichens, der Mond, ist, wie man heute weiß, sehr viel älter als die Erde.
Der Mond erinnert uns an etwas, das war, bevor es die materielle Realität
der Erde für uns gab, an etwas, das nicht im Erbgedächtnis der Erde
gespeichert ist, an etwas, für das es keine sichtbaren und nachzählbaren
Jahresringe gibt. Die Geschichte der Menschheit, aber auch die des Einzelnen
reicht viel weiter zurück, als das bewusste Gedächtnis. Für den
Einzelmenschen ist es die Zeit, die er im Mutterleib verbracht hat und auch
noch ein Teil der ganz frühen Kindheit. Menschheitsgeschichtlich gesehen
erinnert uns der Mond an eine vorbewusste Zeit. Inzwischen sind wir mehr
oder weniger bewusste Beobachter unserer Bewegtheit geworden, aber die
uralten Kräfte, die uns bewegen, sind dieselben geblieben.
E. Neumann
meint dazu: "Die tiefenpsychologische Forschung hat nachgewiesen, dass das
Bewusstsein mit seinen Erwerbungen ein später 'Sohn' des Unbewussten ist,
und dass die Entwicklung der Menschheit im Ganzen und der menschlichen
Persönlichkeit im Einzelnen in positiver Abhängigkeit von den im Unbewussten
schlummernden Geistkräften verlaufen ist und verlaufen muss."
Man kann wohl
sagen, dass die Erde das bewusste Gedächtnis der Menschheit symbolisiert,
der Mond aber das vorbewusste Gedächtnis. So wie der Mond etwas außerhalb
oder jenseits der Erde Liegendes ist, das vor ihr da war, so gibt es für
jeden Menschen etwas außerhalb der Mutter Seiendes, das vor ihr da war: die
Großmutter, als symbolische Vertreterin der Urquelle des Lebens, der Großen
Mutter. Und wieder erscheint das Bild des Baumes, aber diesmal in Form des
Stammbaumes; nicht nur unsere eigenen Jahresringe tragen wir in uns, wir
sind zudem noch die Erben der Menschheitsgeschichte und die Erben unserer
eigenen Familiengeschichte. Alles was mit Geschichte, Herkunft, Heim und
Heimat, aber auch mit Gebären, Ernähren, Wärmen, Bekleiden, Versorgen, mit
mütterlich Lieben zu tun hat, begegnet uns im Horoskop über den Mond und
über das Tierkreiszeichen Krebs. Wenn der Mond uns heimsucht, dann
widerfährt uns das manchmal als ein heimliches Glück, das uns beschleicht,
und andere Male als das Unheimliche, das aus alten Grüften und Gräbern
erwacht. Dieses Alte, Uralte, das immer noch unser Heute mitbestimmt, reicht
viel weiter zurück als das Licht, in eine Zeit als es noch kein Sehen gab,
aber schon ein Hören. So kann es zum spannenden Abenteuer werden, tief in
uns hineinlauschen, ob da eine Stimme ist, die uns Geschichten erzählt über
das Leben, die niemand weiß, niemand wissen kann. Wenn wir voll in der Welt
engagiert sind, wenn unsere geistigen Zentren auf Hochtouren laufen, dann
können wir diese Stimme nicht vernehmen. Erst im Zustand der Entspannung, im
Traum oder in einer depressiven Phase, wenn wir nicht mehr ein noch aus
wissen, dann kann es sein, dass sie sich meldet: die Stimme des inneren
Kindes.
Saint-Exupéry
hat in seinem "Kleinen Prinzen" eine solche Situation geschildert. Als er
mitten in der Wüste mit seinem Flugzeug abgestürzt war, weckte ihn in dieser
aussichtslosen Situation plötzlich eine "seltsame kleine Stimme" aus dem
Schlaf. Der Krebs Saint-Exupéry macht sich in diesem Buch über die
Wirklichkeit der Erwachsenen lustig; denn sie sehen in seiner
Kinderzeichnung nicht den Elefanten, der von einer Boa verschluckt wurde,
sondern einfach einen banalen Hut. Die Erwachsenen verstehen eben nicht die
Weisheit des Kindes. Die Lektüre des "Kleinen Prinzen" führt in eine Welt,
in der man sich als Krebs sehr zuhause fühlt: in der der Fuchs meint: "man
kennt nur die Dinge, die man zähmt" und er meint mit "Zähmen" Vertrautmachen.
Eine vertraute Welt, das ist eine Krebs-Welt. Dieses Buch berührt
unmittelbar Dein Herz, spricht eine Sehnsucht und Traurigkeit an, von der du
weißt, dass sie zu Dir gehört.
Aber, wie
Marie Luise von Franz in ihrem Buch "Der ewige Jüngling" plausibel
nachweist, geht von diesem Kind, dem Kleinen Prinzen, auch eine große Gefahr
aus. Er will sich nämlich den Realitäten dieser Welt nicht stellen, es zieht
ihn dorthin zurück, wo er hergekommen ist. Die Gefahr der Regression, des
Wunsches, in die schützende, wärmende, nährende, verwöhnende Geborgenheit
des Mutter- oder Familienleibes zurückzukehren, ist in keinem
Tierkreisabschnitt so groß wie hier. Diese Zeit kann natürlich auch eine
Katastrophe gewesen sein, aber als Krebs-Geborenen zieht es Dich immer
zurück in das Vertraute. Die vertauten Orte, die vertrauten Menschen, die
vertrauten Lebensgewohnheiten kleben an Dir und Du an ihnen zu Deinem
Gedeihen oder Verderben. Und zu alledem gedeihen in der Innenwelt der
Krebs-Wirklichkeit Träume und Wünsche auf das Prächtigste.
Eine der
zwölf Aufgaben des Herakles war die Auseinandersetzung mit Hydra, der
neunköpfigen Schlange. Man kann die Hydra als die urmächtige Wunschnatur des
Menschen sehen, die Dich in Ihr Reich der Lüste und Süchte und leicht zu
habenden Vergnügungen lockt, um Dich dort zu verschlingen. Hier ist der
Gegenpol Steinbock gefragt: Verzichten können, Selbstdisziplin; erst die
Arbeit, dann das Vergnügen! Ganz so einfach geht es allerdings nicht; denn
schlug man der Hydra einen Kopf ab, so wuchsen an seiner Stelle zwei neue
nach. Um dies zu verhindern, musste Herakles die frischgeschlagenen Wunden
ausbrennen.
Das kann
nichts anderes heißen, als dass jede über Bord geworfene Bedürftigkeit oder
schlechte Gewohnheit zwei neue hervorruft, solange man nicht bereit ist, den
brennenden Seelenschmerz, der mit dem Verzicht verbunden ist, zu erleben und
auszuhalten. Dass nicht jeder Wunsch erfüllbar ist und, dass Rosen in dieser
Welt mit Dornen wachsen; das sind bittere Lektionen für den Krebs-Menschen.
Dass Leben immer mit Leiden verbunden ist, das wissen die Krebse nur zu gut;
wie man sich aber dem Leid in einer Wese stellt, dass es sich in
Entwicklung, Erfolg und Freude verwandeln kann, das kann man vom Gegenpol
Steinbock lernen: aus der Badewanne des eigenen Leids heraussteigen und
akzeptieren, dass das Leben grundsätzlich schwierig ist und uns mit einer
Reihe von Problemen konfrontiert, die gelöst werden müssen. Das Lösen dieser
Probleme gibt dem Leben erst seinen Sinn und ist meistens auch die Wurzel
echter Freude und die Triebkraft persönlicher Entwicklung.
Und um
Wachstum und Entwicklung geht es auch im Tierkreiszeichen Krebs, obwohl hier
starke entwicklungshemmende Kräfte am Werk sind, und zwar, um zu verhindern,
dass durch eine Entwicklung ohne "Rücksicht" die Nabelschnur, die uns mit
dem Ursprung verbindet, reißt. Das heißt, wenn die moderne Gentechnik die
jahrhundertealten Erfahrungen und das Wissen der Bauern einfach über Bord
wirft, dann reißt der Kontakt zur Großen Mutter ab, mit den entsprechenden
Konsequenzen. Erich Neumann unterscheidet zwischen dem Elementarcharakter
und dem Wandlungscharakter des Weiblichen. Der Elementarcharakter beinhaltet
die gebärende und nährende Mutter ebenso wie die Todesmutter, die ihre
Kinder wieder verschlingt; das Fruchtbare und das Furchtbare liegt hier zum
Verwechseln ähnlich so nahe beieinander wie die Begriffe, die es ausdrücken.
Die furchtbare Seite des Weiblichen gebiert und zerstört nach Lust und
Laune, jede Art von Entwicklung wird unmöglich gemacht.
Der Elefant
als Symbol der Heldenhaftigkeit und Großartigkeit bleibt, wie im "Kleinen
Prinzen", von der Boa, der verschlingenden Kraft des Unbewussten,
verschluckt. Alles erscheint sinnlos. So fallen viele mutterverschlungenen
Krebse in eine Art Lebensuntüchtigkeit und Lebensunlust bis hin zu der
Aussage: es gibt Tage, an denen sollte man gar nicht erst aufstehen, zum
Beispiel Montag bis Freitag.
Zum anderen
ist dieses innere Kind die Quelle jeglicher Entwicklung. In der Astrologie
symbolisiert der Mond sowohl das Innere Kind, wie auch die Innere Mutter und
das Tierkreiszeichen Krebs steht sowohl für das Reich der Mütter, wie auch
für die eigene Kindheit. Mutter und Kind sind hier wie in Mythologie und
Religion, zum Beispiel Maria mit dem Jesuskind, untrennbar miteinander
verbunden. So begegnen uns auch beide, Inneres Kind und Innere Mutter,
sowohl als entwicklungshemmende oder -verhindernde, wie auch als
entwicklungsfördernde Kräfte.
E. Neumann
äußert sich zum Wandlungscharakter des Weiblichen wie folgt: "Es ist im
Unbewussten der gebärenden und nährenden, schützenden und wandelnden
weiblichen Kraft der Tiefe eine Weisheit wirksam, die der Weisheit des
Tagesbewusstseins unendlich überlegen ist und die, als Ursprung von Vision
und Symbol, Ritual und Gesetz, Dichtung und Wahrheitsschau, erlösend und
richtunggebend, gerufen und ungerufen, in das menschliche Leben eingreift."
Im Gegensatz zum "rücksichtslosen" Widder, der den kosmischen Auftrag hat,
durch Taten Tatsachen zu schaffen, die die Welt verändern, ist es die
Aufgabe des Tierkreiszeichens Krebs, das Neue immer wieder liebevoll dem
Alten einzugliedern, was auch die Welt verändert und sie doch gleichzeitig
bewahrt. Zum Thema Krebs könnten noch unzählige Märchen und Mythen angeführt
werden, weil diese Ausdrucksform der Weisheit des kollektiven Unbewussten
hier zuhause ist, wie nirgendwo anders.
Auch die
Wiege aller Religion dürfte hier zu finden sein: die Frage nach dem Wesen
des Menschen und nach seiner Herkunft. Die lateinische Wurzel für das Wort
Religion ist "religio", was auch "gewissenhafte Berücksichtigung" heißt. Das
ist es, worum es im Tierkreiszeichen Krebs in jeder Hinsicht geht: um
"gewissenhafte Berücksichtigung".
Heute meint
man, Märchen seien etwas für Kinder, dabei enthalten sie archetypische
Entwicklungsmotive, die uns Erwachsenen mindestens genauso viel zu sagen
haben. Die Krebsweisheit als Weisheit des Mütterreichs ist so verachtet, wie
die Weisheit der Großen Göttin im Patriarchat es immer war. Aber, die
kollektive Entwicklung dreht sich, zwar hoffentlich nicht in Richtung eines
neuen Matriarchats, aber in Richtung Rehabilitierung der matriarchalen
Weisheit. Vielleicht bewirkt der Zeitgeist des Wassermann-Zeichens, dass
Sonnen- und Mondgottheit ihre Gleichwertigkeit wiedererlangen UND, dass wir
wieder auf beiden Augen sehend werden.
Familien- und
Beziehungssystem
Das
Familiensystem einer krebsbetonten Familie ist das warme, bergende Nest, in
dem sich jeder einzelne geschützt und genährt fühlen kann. Der Umgang
miteinander ist rücksichtsvoll und einfühlsam; wenn Du Dich klein, schwach
oder krank fühlst, wirst Du Trost und Anteilnahme finden. Musische und
künstlerische Interessen werden geachtet und gefördert, oft sind sie es, die
die Familie verbinden. Hier steht immer ein Bett für Dich bereit; hierher
kannst Du heimkommen und Dich vom harten Lebenskampf erholen. Die
Schattenseite dieses Systems ist der ängstliche Kleinfamilienwichtel, der
sich und die seinen von der Außenwelt abschottet und zum Nesthocker ohne
Entwicklung wird. In dieser Familie ist pausenlos jemand gekränkt, verletzt
oder beleidigt; vor lauter Rücksicht und dröhnender Empfindsamkeit schleicht
man permanent um einen heißen Konfliktbrei herum. Kranksein ist hier an der
Tagesordnung, schließlich ist optimale Versorgung immer garantiert. In
dieser Familie gedeihen Hühner, aber keine Adler; Schafe, aber keine Tiger.
Das ist alles natürlich sehr idealtypisch formuliert, und in der Realität
gibt es tausende Varianten.
Eine
interessante Variante ist der gepanzerte Krebs, der so hart werden hat
müssen, weil er so weich ist. Es handelt sich hier vor allem um ein Problem
von Männern, die sich notgedrungen mit dem Gegenpol Steinbock (gelobt sei,
was hart macht!) identifizieren und ihre weibliche Seite unterdrücken.
Entsprechend tyrannisch treten sie dann Frau und Kindern gegenüber auf.
Diese Steinbeißerkrebse, die in unserer Leistungsgesellschaft gar nicht so
selten vorkommen, haben dann oft Magengeschwüre und werden von ihren
Familien als sogenannte "geliebte Ekel" trotzdem umsorgt und bemuttert, weil
man ja spürt, dass sie "gar nicht so sind" und weil man irgendwie Mitleid
mit ihnen hat. Beziehungen, in denen das Krebsmotiv eine wichtige Rolle
spielt, sind oft Badewannenbeziehungen, in denen es warm und gemütlich
zugeht, in denen das Mutter-Kind-Schema zu finden ist. Das Orale ist meist
sehr betont. Die Partnerschaft soll ein Zuhause sein und der Rahmen der
Herkunftsfamilien ist meist sehr wichtig. Nicht selten sucht man sich im
Partner, die beschützende Mutter oder man lebt diese Rolle selbst, indem man
ein hilfsbedürftiges Kind heiratet. Das "ich brauch Dich" spielt als
Beziehungsgrundlage eine große Rolle. Nun ist dies nicht nur zu verurteilen.
Jeder Mensch braucht Liebe und Seelennahrung, so wie auch jeder von uns
einmal die Mutter gebraucht hat; sei's manchen von uns auch noch so
unangenehm.
In einer
Zeit, in der Trennung, Verlassen und Verlassenwerden völlig alltäglich sind,
ist ein positives "ich brauche Dich", ein Bekenntnis zu einer Beziehung,
enorm wichtig, wenn auch nicht modern. Die von Erich Fromm in seinem Buch
"Die Kunst des Liebens" formulierten Varianten "ich liebe Dich, weil ich
Dich brauche" und "ich brauche Dich, weil ich Dich liebe" sind in der
fließenden Realität des menschlichen Lebens immer beide gleichzeitig
vorhanden oder nicht vorhanden. Als aufgeklärte Menschen streben wir eine
reife Form der Beziehung an und entscheiden uns natürlich für das "ich
brauche Dich, weil ich Dich liebe". Das Motiv ist edel, es zeigt, wie wir zu
sein streben. Mutterliebe aber sieht und nimmt uns so, wie wir sind.
Als
Krebsmensch weißt Du, dass die Wurzel aller Liebe darin besteht, Dein
inneres Kind so zu lieben, wie es ist, Dein "ich liebe Dich, weil ich Dich
brauche" liebevoll anzunehmen und auch dem anderen seines zuzugestehen; auf
solchem Boden kann mit der Zeit heimlich und still eine tiefe und echte
Liebe reifen. Die Blüte oder die Frucht der Pflanze, deren Wurzel "ich
brauch Dich" heißt, kann dann ein tiefes und aufrichtiges "ich liebe Dich"
sein. Tiefe Verbundenheit einer echten Begegnung wird durch Krebsenergie
möglich, sowie Anteilnahme am Leben des anderen, wenn er leidet, anstelle
der "Das-ist-Dein-Problem"-Haltung. Wenn das innere Kind in einer Beziehung
nicht mitleben darf, wenn kein Raum für Gefühl und Nähe ist, wird es kalt
und unmenschlich.
Die
Gratwanderung ist allerdings: Wie kann ich den Kontakt zur Gefühlsweisheit
des inneren Kindes bewahren, ohne mich von ihm tyrannisieren zu lassen, ohne
kindisch und sentimental zu werden? Aus dem Gefühl der eigenen Abhängigkeit
heraus, aus dem "ich brauch Dich" und "ich kann ohne Dich nicht leben"
entwickeln Krebsmenschen mitunter eine zweifache Strategie. Diejenigen, die
in der Kindheit verwöhnt worden sind, bleiben ihr Lebtag lang in irgendeiner
Weise hilfsbedürftig und locken auf diese Weise die "hilflosen Retter" an,
die dann an Mutters Stelle der Speck für die Made sind, sie werden
aufgezehrt. Die anderen, die verlassenen und unterversorgten werden selbst
zu Helfern, jedoch nicht zu hilflosen, sie helfen wirklich, aber das geheime
Motiv ist, möglichst viele von diesen, denen sie helfen, von sich abhängig
zu machen; denn man braucht sie so sehr. Die Hilfe dieser Menschen ist sehr
einseitig; man bekommt keine Gelegenheit auch mal für sie etwas zu tun, man
ist und bleibt ihnen immer etwas schuldig und somit ist und bleibt man an
sie gebunden; als man ihre Hilfe in Anspruch nahm, ist man unmerklich zu
ihrem Kind geworden. Mütter brauchen Kinder, sonst sind sie als Mütter
überflüssig. Daher die geduldigen Frauen, die ihrem alkoholabhängigen Mann
jeden Rückfall großmütig verzeihen und sich selbst und den anderen
weismachen, dass sie nichts so sehr wünschen, wie seine Gesundung.
Oder Männer
und Frauen, die immer wieder an kranke oder depressive Partner geraten. Oft
ist eine tiefe Angst davor, nicht mehr gebraucht zu werden, als Mutter
überflüssig zu werden, der Grund dafür. Im negativen Fall wird hier
unendlich viel Energie in "schwarze Löcher" investiert, in Rette-mich-Spiele
hilfloser Helfer. Natürlich ist es zu achten und anzuerkennen, wenn jemand
sich der Hilflosen annimmt, sozial denkt und handelt. Aber gerade
Therapeuten wissen, dass manche Menschen aufgrund einer inneren Dynamik
nicht gesund werden können oder wollen, was auch immer gesund sein mag. Wenn
Du diesen Menschen immer wieder gibst und gibst, fütterst Du den Teufel.
Aber als echten Krebs kann man Dich kriegen an Deinem Mitgefühl und an
Deiner Fürsorglichkeit - im positiven, wie im negativen Sinn. Die Einfühlung
in fremdes Seelenleben, die untrügliche Stimme des Gefühls, das ist Deine
Stärke. "Ich hatte noch nichts begriffen, aber alles gefühlt" sagte Rousseau
(Sonne in Krebs). Du wirst hier geboren mit dem Gefühl eines nackten
Seelenleibes, verletzlich und schutzbedürftig. Der erste Mensch, der die
schützende Haut für Dich bedeutet, ist Deine Mutter. Später ist es die Liebe
und Zuneigung anderer, die als Seelennahrung notwendig sind. Und es ist
wichtig, die eigene mütterliche Liebesenergie zu GEBEN, "Kinder" dafür zu
haben. So finden sich Nester von Krebsen in sozialen Berufen; der Bezug zum
kollektiven Leid ist hier, wie auch bei Fische, sehr stark - ist man doch
selbst ein Leidender, empfindsam und hautlos. Die Gratwanderung ist
sicherlich zwischen Leidensbereitschaft und Leidverliebtheit zu gehen.
Schmerz, Trauer, Tränen gehören zum Leben, und wenn Du diesen Energien
keinen Platz einräumst, versteinerst Du und wirst zum lebenden Toten. Sich
von diesen Energien nicht verschlingen zu lassen, ist allerdings genauso
wichtig. Prasad, ein Widder-Astrologe, sagt: "Wenn Du als Krebs oder Fisch
in einen Raum kommst, in dem fünf Leidende sind, leidest Du gleich mit.
Einziger Erfolg ist, dass es jetzt sechs Leidende sind."
Therapie
"Wohl dem, der seiner Ahnen gern gedenkt" sagt Goethe. Unsere Kindheit,
unsere Vergangenheit, unser Stammbaum, unsere Position in der Ahnenreihe
können zum Verständnis unseres heutigen Lebens Entscheidendes beitragen, das
weiß nicht nur die Psychoanalyse. Wir alle sind bestimmt von alten
Lebensmustern, die ihre Wurzel in der frühen Kindheit haben, und sind nicht
halb so frei, wie wir meinen. Und doch ist durch Bewusst machen, durch
Erinnern von Lebensgeschichte, vor allem von schmerzhaft-traumatischen
Erlebnissen, auch die Möglichkeit gegeben, von alten, überholten Programmen
Abschied zu nehmen; dazu ist es allerdings notwendig, die "Wunde des
Ungeliebtseins" noch einmal anzusehen und zu spüren.
Die dunkle
Seite dieser Rückwärtsorientierung ist Regression. Die Krebsscheren halten
Dich dann gefangen in Kindheitsmustern; Individuation und Entwicklung finden
nicht statt. Die Körperentsprechung für das Tierkreiszeichen Krebs sind der
Magen und die Ohren. Die Redewendungen "eine bestimmte Geschichte nicht
verdauen zu können" und "einen verstimmten Magen zu haben" deuten schon an,
dass der Magen nicht nur das zu verdauen hat, was den Körper über die
Mundöffnung betritt; auch das, was über die Ohren hereinkommt, wandert in
Richtung Magen und macht sich dort bemerkbar. Und überhaupt braucht jeder
Mensch, um zu überleben, nicht nur physische Ernährung sondern auch
Seelennahrung.
Die
Studien über hospitalisierte Kinder zeigen, dass diese trotz ausreichender
physischer Ernährung starben, wenn menschliche Zuwendung, mütterliche
Liebesenergie fehlte. Alle Eß- und Trinkprobleme sind Mutterprobleme.
Bulimie ist der Kampf gegen die Mutter. Männer mit übermütterlichen Frauen
tendieren zur Schwerhörigkeit: es ist der Versuch aufzuhören, auf sie zu
hören; so nach dem Motto: wenn ich die Augen zumache, sieht sie mich nicht.
Bei
therapeutischen Anregungen muss berücksichtigt werden, ob es sich um einen
vertrockneten oder um einen überbehüteten, lebensuntüchtigen Krebs handelt.
Der zweite Fall ist besonders undankbar: lieber zehn Versagungsneurosen, als
eine Verwöhnungsneurose - das sagte einmal ein berühmter Therapeut.
Verwöhnte Krebse möchten sich schon auch entwickeln, aber unter von ihnen
bestimmten Bedingungen. "Wasch mich, aber mach mich nicht nass" ist ihre
Botschaft an den Therapeuten. Der vertrocknete Krebs dagegen muss viel
nährendes Urvertrauen nachholen, am besten bei einem Therapeuten oder einer
Therapeutin mit viel mütterlicher Wärme. Hier hat die Psychoanalyse ihren
Platz, vor allem auch wegen ihrer Betonung auf der frühen Kindheit, der
Möglichkeit von Regressionsarbeit. Aber auch hier lauert die Gefahr, dem
Regressionsmonster zuviel Futter zu geben und darüber das Hier und Jetzt zu
vergessen. Auch die Gefahr einer Endlosanalyse besteht, zumindest für die,
die sich das leisten können; die therapeutische Badewanne dient dann mehr
zur Stabilisierung der Symptome, als zu deren Verabschiedung. Therapeutische
Gruppenarbeit kann ebenso in diesem Sinne missbraucht werden; man saugt sich
dann an einem Wochenende Nähe und Gefühl rein, stets bereit, andere
Gruppenmitglieder nach der ersten Träne im Hechtsprung zu erbeuten, um sie
dann kaputtzutrösten. Und die Gruppensucht gedeiht, solange Du die dort
gemachten Erfahrungen nicht in Deine Alltagswelt hinüberbringst.
Versiegte
Krebsenergien wieder in Fluss zu bringen, hat viel mit Trauerarbeit zu tun.
Wann hast Du das letzte Mal geweint? Tränen sind Deine besten Freunde;
außerdem enthalten sie eine Menge Körpergift, das Du in Dir behältst, wenn
Du Dir das Weinen untersagst. Gefühle von Trauer und Sehnsucht machen das
Herz weit - letztlich ist es die Sehnsucht, die uns allen in der Tiefe
gemeinsam ist: Heimkommen. Dieser Sehnsucht bewusst Kraft zu geben bedeutet,
den Weg nach innen zu gehen, sei es durch Meditation, Imaginationen,
Traumarbeit oder ähnliches: Eintauchen in die innere Welt ist der Weg. Musik
ist ebenfalls ein heilender Weg. Finde Deine Seelenmusik, ob Du nun selbst
ein Instrument spielst oder einfach nur eintauchst in die Musik, die Du
hörst. Wie schon erwähnt, ist das Ohr eine der Körperentsprechungen des
Mondes. Erlaube Dir zu lauschen und zu träumen, verurteile Deine Phantasie
nicht als unrealistische Spinnerei. Vertraue der Weisheit Deines inneren
Kindes! Und: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben." Diese
Weisheit stammt von Erik H. Erikson. Du kannst als Erwachsener nach dem
Motto leben: "Wie kann ich mich heute freuen am Leben, wo ich doch eine so
schwere Kindheit hatte - oder Verantwortung für Dein Leben hier und jetzt
übernehmen, Verantwortung auch für das Kind, das heute noch in Dir lebt und
genährt werden will.
Sonne in Krebs
Hast Du die
Sonne im Zeichen Krebs, so ist Dein innerer König ein matriarchaler
Herrscher, der sein Reich mit mütterlicher Liebe, mit Mitgefühl und
Verständnis regiert. Seine Macht ist die Sanftheit, sein Wissen kommt aus
der Tiefe; er ist beliebt auch beim niederen Volk. Seine Entscheidungen
fällt er aus dem Bauch heraus, aus intuitiver Schau, nicht aus rationaler
Überlegung. Entsprechend diesem inneren Vaterbild hast Du die Sehnsucht, von
Deinem leiblichen Vater - und später von Vatervertretern in der Gesellschaft
- beschützt und auf einfühlsame Art geliebt zu werden. Dein Vater soll
gefühlsmäßig erreichbar sein, er darf ruhig auch mal ein schwacher Held
sein, krank sein, weinen. Väter, die nie weinen, sind für Wasserkinder eine
schwere Hypothek. Ist Dein Vater solch ein weicher, liebevoller Mensch, so
wirst Du eine innige Gefühlsbeziehung mit ihm aufbauen; vielleicht wirst Du
über ihn viel mehr Mütterlichkeit erfahren oder zulassen, als von Deiner
Mutter. Ist er unerreichbar, hart oder lieblos, so ist dies für ein Kind mit
diesem Sonnenstand schwerer zu verarbeiten als für viele andere. Es wird
dann sein Herz schützen und verstecken, aus enttäuschter Liebe in
Selbstschutzprogrammen versteinern und oft unversöhnlich und nachtragend
sein.
Der Weg wäre
hier, die enttäuschte Sehnsucht wieder aufzuspüren, die Trauer über den
nicht vorhandenen liebevollen Vater zu durchleben und dann selbst ein
liebevollerer König zu werden. Als Mann wirst Du dann Deine Kinder auf den
Arm nehmen, ihnen zuhören und mütterliche Zuneigung zu ihnen verspüren. Oder
Du wirst den liebevollen Vater im beruflichen Rahmen leben als Arzt,
Sozialarbeiter, Therapeut oder hinter dem Tresen der gemütlichen Kneipe, in
der man selbstverständlich auch anschreiben lassen darf. In der Frau wird
dieser Vater-König genauso leben wollen, aber auch ihre Begegnungen mit
äußeren Repräsentanten des Vater-Archetyps bestimmen. Ein Mann, den zu
heiraten sie sich vorstellen könnte, der der Vater ihrer Kinder sein könnte,
der sollte die positiven Eigenschaften eines solchen Krebs-Vaters haben.
Ein
Märchen für den männlichen Krebs-Helden ist "Die drei Federn" von Grimm. Der
Held ist der dritte Sohn, der "Dummling", der von seinen älteren Brüdern,
die eher merkuriale Trickster-Typen sind, verachtet und nicht ganz für voll
genommen wird. Der alte König will seinen Nachfolger bestimmen. Derjenige
soll seinen Thron erben, der ihm den schönsten Teppich bringt. Um den Söhnen
die Richtung vorzugeben, in der sie suchen sollen, wirft er drei Federn in
die Luft. Die der Brüder fliegen waagrecht nach Osten und Westen, die des
Dummlings direkt auf den Boden. Dort sitzt er ganz traurig, bis er bemerkt,
dass dort ein Weg in die Tiefe geht. Unten ist eine Kröte mit ihren Jungen.
Von der bekommt er einen wunderschönen Teppich; später den schönsten Ring
und auch die schönste Frau. Die Brüder wollen es lange nicht glauben, aber
er übertrifft sie immer wieder und erbt am Ende den Königsthron. Die Sonne
zeigt an, welches Dein zentrales inneres Energiepotential ist, welche Deiner
latenten Möglichkeiten der rechtmäßige Erbe des inneren Königsthrones ist.
Der Krebsheld
ist so ein Dummling - allerdings nur aus der Sicht der "schlauen"
merkurialen Brüder. In unseren Breitengraden gelten Gefühlsmenschen als
dumm, Intellektuelle als klug. Die Klugheit des Krebses allerdings ist diese
"Dummheit" des Menschen, der seinem Gefühl vertraut, auch wenn das
unvernünftig zu sein scheint. Was ist die Stärke dieses Helden? Seine
Anbindung ans Unbewusste! Der Krebs-Held muss abwärts, nach unten, in die
Tiefe des Mütterreichs gehen, um sich zu entwickeln. Manchen mag dieses
Märchen langweilig erscheinen, es gibt darin keine getöteten Drachen, keine
Gewalt, kein Stirb-und-Werde. Es ist ein sanfter Entwicklungsweg. Das
hilfreiche Tier ist die Kröte, eine Repräsentantin der Urmutter. Dieses
Märchen kann dem Krebs-Mann eine große Hilfe sein: Steh zu Deiner
Empfindsamkeit, zu Deinem Gefühl, auch wenn alle Welt Dich für dumm erklärt.
Mag sein, dass Du kurzfristig Erfolge verbuchen kannst, wenn Du im
Rattenrennen mitmachst, langfristig begehst Du Verrat an Deiner Seele. Das
Wasser überwindet durch Nachgiebigkeit - dieser Satz aus dem I-Ging könnte
Dein Leitsatz werden.
Krebs-Motive
enthält unter anderem auch das Grimm'sche Märchen "Die Gänsemagd". Die
Heldin kommt aus einer ausschließlich weiblichen Welt, von einem Vater ist
nicht die Rede, und ihre Mutter ist eine einseitig "gute", versorgende
Mutter, die ihr auf die Reise zum Prinzgemahlen ein Taschentuch mit drei
Tropfen ihres Blutes mitgibt als magischen Schutz. Die dunkle Gestalt taucht
hier auf als die Kammerzofe, die mit fortschreitender Entfernung zum
Mutterhaus Macht über die Heldin bekommt. Als die Heldin das Taschentuch und
damit den Schutz der Mutter verliert, zwingt die Kammerzofe sie, die Rollen
zu tauschen und ihr sprechendes Pferd Falada und ihre Kleider an die Zofe
abzugeben. Am Königshof angekommen, lebt die falsche Braut zunächst mit dem
Prinzen, der nicht allzu viel Ahnung vom Weiblichen zu haben scheint, und
die wahre Braut hütet die Gänse, zusammen mit dem kleinen Kürdchen. Dann
wird sie allmählich selbst mit ihrer Hexenenergie vertraut, sie spielt mit
ihrem Begleiter mit Hilfe des Windes, der Kürdchens Hut durch die Gegend
weht, während sie sich ihr wunderschönes Haar in Ordnung bringt. Durch den
alten König kommt schließlich die Wahrheit ans Licht, die böse Zofe wird
nach üblicher Grimm'scher Moral unsanft zu Tode gebracht, die Hochzeit kann
stattfinden.
So wie der
Mond uns von Vollmond zu Neumond immer wieder ein anderes Gesicht zeigt, so
erscheint das Weibliche in vielfacher Gestalt. Die Mondphasen wurden schon
immer durch verschiedene Göttinnen ausgedrückt. Zwischen der einseitig
hellen Vollmondwelt, der nur guten Mutter, und der Neumondwelt, der bösen
Kammerzofe, macht die Heldin ihren Weg. Da in jedem Paradies eine Schlange
wohnt, da Unschuld das Böse anzieht, ist es nicht verwunderlich, dass die
Heldin, die zunächst als reines Unschuldslamm und damit ziemlich langweilig
erscheint, den dunklen Hexenaspekt ihrer Weiblichkeit integrieren muss. Das
macht sie unter anderem dadurch, dass sie Gänse hütet. Die Gans
symbolisierte aber schon im alten Ägypten die Fruchtbarkeit der Urmutter
Hathor als Gebärerin des Welteis und repräsentiert in diesem Zusammenhang
wohl die schlammige, erdnahe Seite der weiblichen Sexualität. Die Mutter,
die wir alle hatten, ist eine gespaltene Person, gespalten in Maria und
Hexe.
Die
Hexenseite der Frau wurde jahrhundertelang verbrannt und verachtet. Daher
mussten unsere Mütter lernen, die Hexenenergie abzuspalten, zu verdrängen
oder sie heimlich und mit Schuldgefühlen zu leben. Sie haben ihre Töchter
nicht einweihen können in die Welt der Hexengeheimnisse. Töchter dieser
Mütter sind daher zunächst völlig hilflos, wenn der Neumondaspekt der
Kammerzofe in ihr Leben tritt, sei es von außen durch "böse Menschen" oder
von innen durch ihre eigenen dunklen Gefühle und sexuellen Sehnsüchte. Da
hilft nur fleißiges Gänsehüten, sich vertraut machen mit den lustvollen und
gefährlichen Hexenenergien, sie hegen und pflegen, damit vollständige
Weiblichkeit geboren werden kann. Dann wirst Du nicht mehr so schnell zum
Opfer der äußeren Hexe. Die Große Mutter ist in fast allen Märchen
vertreten, sei es durch die Großmutter, die russische Baba Jaga, die Hexe
oder das Kräuterweiblein - und es hängt sehr viel davon ab, wie Held und
Heldin mit ihr umgehen; sie kann je nach Kontext gut oder böse sein. Aber
auch da, wo sie böse ist, ermöglicht sie meist Entwicklung.
Im Märchen
"Das Mädchen mit den goldenen Zöpfen" wird die Braut des Prinzen durch
Einwirkung von Hexenkräften in den Bauch eines Walfisches gezaubert.
Symbolisch gesehen wird sie von der Urmutter verschlungen und ist somit für
den Mann unerreichbar. Erst als der Prinz einen Garten angelegt hat, mit
Brücken und fließenden Gewässern mit Fischen darin, wird der Bann gelöst und
die Hochzeit kann stattfinden. Das Eingreifen der Hexenkräfte hat bewirkt,
dass der junge König seine Braut nicht haben konnte, bevor er nicht seine
weiblichen Qualitäten, seine Beziehungsfähigkeit entwickelt hatte. Als Frau
mit Sonne in Krebs bist Du dem Urweiblichen verpflichtet und darfst Dich
nicht von einer reinen, meist auch noch dazu weibliche Werte verachtenden,
Männerwelt in Besitz nehmen lassen; dazu aber benötigst Du Deine
Hexenkräfte. Im griechischen Mythos ist Endymion ein Krebs-Vertreter.
Selene, die Mondgöttin küsste den schönen Jüngling im Schlaf, davon war er
so verzaubert, dass er sich von Zeus erbat, immer schlafen und träumen zu
dürfen. Es wurde ihm gewährt. Niemals wirklich aufwachen wollen in diese
harte Erdenwelt, im Dunkelparadies des Unbewussten zu bleiben, das ist eine
tiefe Krebs-Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Heimkehr ist das Entwicklungsmotiv
und das kann der bewusste Weg nach innen oder die todessehnsüchtige Reise in
irgendeine Drogenwelt sein.
Der Gegenpol
Steinbock schreit nach Anerkennung, auch Winter und Berge gehören zum Leben;
die Herausforderung der materiellen Welt will angenommen sein. Erst und
gerade in der Auseinandersetzung mit den Härten und Widrigkeiten des Lebens
bekommt die nährende und tröstende Einfühlsamkeit des Krebs-Menschen ihre
wahre Qualität. Seine Weichheit und Verletzbarkeit zu entdecken und
anzunehmen, ist in seiner Entwicklung ein wichtiger Schritt, aber ein
zweiter, genauso wichtiger Schritt ist es, dem Leben entgegenzutreten und
standzuhalten. Seine Aufgabe ist es, in der Gesellschaft ein wandelnder
Magen zu sein und da gibt es täglich eine Menge zu verdauen. Aber die
Steinbock-Seite wirklich integriert zu haben, heißt auch, sich nicht alles
reindrücken zu lassen und sich nicht mitleidsvoll aufzuopfern, sondern
konsequent sein soziales und humanitäres Ziel zu verfolgen und: bleibe
verletzbar, aber lass Dich nicht verletzen.
Text von
Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
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