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Ein Krebs-Märchen:
Die Geschichte von den neunundvierzig
Kriegern und der Wasserschildkröte
Zu einer Zeit, lange bevor
der weiße Mann nach Amerika kam, zogen einmal fünfzig junge Krieger über die
Hochebenen Oklahomas. Sie waren vom Stamm der Cheyenne und befanden sich auf
dem Kriegspfad und auf der Suche nach Büffelherden.
In jenen
Tagen kannten die Indianer noch keine Pferde. Auch Feuerwaffen und Messer
aus Eisen waren ihnen unbekannt. Die fünfzig Krieger gingen zu Fuß, sie
trugen Äxte mit steinernen Klingen und Speere mit steinernen Spitzen mit
sich. Um den Hals hatte jeder einige Mokassins hängen, die ledernen Schnüre
zu einer Kette verflochten, denn auf den rauhen Wegen verschliß das
Schuhwerk schnell. Sie kamen vom Osten und zogen nach Westen. Sie gingen
durch die Wälder, in denen man Holz für Zeltstangen schlagen kann, und
stiegen bis in die hohen Berge hinauf. Doch nirgendwo im Land begegneten
ihnen feindliche Stämme: keine Uta, keine Navahos und keine Apachen.
»Laßt uns
umkehren«, sagte daher der älteste unter ihnen, der Häuptling, zu dem Trupp
Krieger. »Vier Tagesmärsche von unserem Dorf entfernt wollen wir mit der
Jagd auf die Büffel beginnen.«
Also kehrten
sie um. Sie stiegen die steilen Abhänge hinab und betraten die unfruchtbare
Pfahl-Ebene im Comanchenland. Trostlos und trocken ist diese begrenzte,
unendlich weite Einöde. Die Comanchen haben in der Pfahl-Ebene einen Pfad
von einer Wasserstelle zur anderen abgesteckt und die übermannshohen Stiele
der Yuccapflanzen mit den Wurzeln nach oben in das Erdreich gerammt; damit
niemand auf dem Weg durch das verbrannte Land verdurstet. Durch diese
Hochebene zogen die fünfzig Krieger,, und sie hielten sich an die
wegweisenden Yucca-Pfähle. Seit dem ersten Tageslicht verfolgten sie die
Spur - sie gingen von einem Yucca-Pfahl zum nächsten und sahen endlich, als
sie schon sehr durstig waren, einen bläulichen Schimmer in der Ferne.
»Wasser!« riefen sie. ~Da vorn muß es Wasser geben!« Es konnte keine
Täuschung sein, denn je näher sie kamen, desto heller wurde der Schein, und
schließlich leuchtete er wie ein gläserner Hügel, auf dem sich die
Sonnenstrahlen spiegeln. Die jungen Männer hielten an und bestaunten den
wundersamen Anblick.
»Laßt uns
dort hingehen und sehen, was das ist!« schlugen einige der Krieger vor.
»Nein!« sagten andere, der Schein sieht so unwirklich aus, das ist keine
Wasserstelle. Dort lauert eine unbekannte Gefahr. Laßt uns lieber den
entgegengesetzten Weg einschlagen.«
»Der Pfad führt dort hin«,
entschied schließlich der Häuptling. »Die Yucca-Pfähle zeigen uns den Weg.
Wir wollen ihnen folgen, denn sie führen zum Wasser. Solange wir nicht vom
Weg abkommen, haben wir keinen Grund, uns zu fürchten, mag der Anblick vor
uns auch noch so wunderlich sein.«
Die Sonne stand schon hoch
am Himmel, als die Männer endlich den glänzenden Gegenstand erreichten. Doch
wie groß war ihr Erstaunen, als sie entdeckten, daß der helle Schein keine
spiegelnde Wasserfläche, sondern der schimmernde Panzer einer
Wasserschildkröte war. Diese Schildkröte aber war größer als alle
Schildkröten im Wasser oder auf dem Lande, und sie folgte den aufgesteckten
Yucca-Strünken als wäre sie ein Comanche-Indianer auf der Suche nach Wasser.
»Wo geht sie wohl hin?«
fragte einer der Krieger, aber keiner konnte seine Frage beantworten.
»Ich werde
mich auf sie setzen«, rief der junge Krieger lachend. »Ich will auf ihrem
Rücken reiten.« Er stieg auf den Rücken der Schildkröte, und die Schildkröte
trug ihn mühelos und kroch langsam, langsam voran, den Pfad entlang. »Schaut
nur, wie stark sie ist!« rief ein anderer und stieg auch auf ihren Panzer.
Die Schildkröte schien das nicht zu kümmern, sie trug die beiden Männer auf
ihrem Rücken und schritt bedächtig weiter. Ein dritter Krieger setzte sich
auf das langmütige Tier, ein vierter und fünfter folgten. Die Schildkröte
war groß, ihr Rücken bot Platz für viele - unbeirrt verfolgte sie ihren Weg
durch die weite Ebene.
»Die sitzen
gut und werden getragen«, sagten sich ein sechster, siebter, achter und
neunter Krieger. Sie stiegen auf - und wurden getragen. Andere folgten, die
Schildkröte aber schwankte nicht einmal unter dieser schweren Last auf ihrem
Rücken. Schließlich ritten alle neunundvierzig Krieger auf der geduldigen
Wasserschildkröte, nur noch der Häuptling war übriggeblieben. Er ging an
ihrer Seite, ihm war nicht geheuer zumute.
»Diese
Schildkröte ist wahrhaftig stark!« rief der Krieger, der zuerst auf sie
gestiegen war. »Ich würde gern ihre Muskeln sehen.« Er nahm seinen Speer mit
der steinernen Spitze und versuchte, die Knochenplatten ihres Panzers
auseinander zu schieben, und die anderen Krieger ahmten ihn nach. Die
Schildkröte aber gab keinen Laut von sich, klaglos und stumm kroch sie auf
ihren kurzen Beinen voran. Die bohrenden Speerspitzen schien sie nicht zu
spüren, und ihr Panzer war unverletzlich.
»Steigt ab«, befahl
schließlich der Häuptling, »steigt ab und laßt uns neben ihr her gehen. Wir
können sie begleiten, solange sie den gleichen Pfad verfolgt. Diese
Schildkröte ist zu groß und zu mächtig, um mit ihr zu spielen. Steigt ab,
Freunde, fordert sie nicht weiter heraus!«
Die jungen
Krieger auf dem Rücken der Schildkröte begannen untereinander zu streiten.
Einige glaubten, die Schildkröte sei ein vom Himmel gesandtes magisches
Wesen und sie müßten auf ihr sitzenbleiben. Andere meinten, sie sei ein
böser Geist, und es wäre besser, sie in Ruhe zu lassen - also versuchten
sie, von ihrem Rücken zu steigen. Doch vergeblich: Die jungen Männer konnten
sich nicht von ihren Sitzen erheben, und sie erkannten, daß sie auf dem
Schildkrötenpanzer hafteten, als wären sie mit ihm verwachsen. Nun
erschraken die Krieger sehr, und sie griffen die Schildkröte mit ihren
steinernen Äxten und Speeren an. Sie schlugen sie auf den Schild und auf den
gepanzerten Kopf und hofften, das unheimliche Tier würde nachgeben und
anhalten. Aber die steinernen Speerspitzen zerbrachen an ihrem Panzer, die
steinernen Äxte zersprangen an ihrem Kopf, und die Schildkröte kroch
gemächlich weiter, Schritt für Schritt, von Yucca-Pfahl zu Yucca-Pfahl, und
beachtete nicht das wilde Treiben auf ihrem Rücken.
Da schrien die
neunundvierzig Krieger und warfen ihre zerbrochenen Waffen fort. »Hilf uns
Häuptling«, riefen sie, »rette uns! Du bist der Anführer unter uns, du bist
der älteste, deine Aufgabe ist es, uns zu helfen«.
»Halt an,
bitte, halt an«, sagte der Häuptling zu der Schildkröte. »Laß meine Brüder
heruntersteigen und wir wollen dich in Frieden ziehen lassen. «
Die Schildkröte aber kroch
weiter, als hätte sie taube Ohren.
»Bleib stehen«, bat der
Häuptling die Schildkröte, »bleib stehen. Meine Freunde haben dir wehgetan,
und nun bereuen sie es. Vergib ihnen und sei großmütig, denn du bist stärker
als sie.«
Die Schildkröte aber kroch
weiter, ohne auf seine Worte zu achten. »Hab Erbarmen«, rief der Häuptling,
»hab Erbarmen. Laß diese armen Männer frei, und sie werden dich für immer
verehren. Sie werden für dich den Sonnen-Tanz tanzen. «
Die Schildkröte setzte
ihren Weg fort, und die jungen Krieger konnten nicht von ihrem Rücken
steigen, so sehr sie sich auch bemühten.
Der Häuptling gab nicht
auf. Er lief neben der Schildkröte her, er beschwor sie und flehte sie an,
er klagte und weinte. Die Schildkröte kroch ungerührt weiter; seine Tränen
schien sie nicht zu sehen, seine Bitten schien sie nicht zu hören und die
neunundvierzig Krieger hingen unlösbar fest an ihrem Panzer und konnten sich
nicht rühren.
Die Schatten
wurden länger, der Abend näherte sich. In der Ferne sah der Häuptling eine
Landsenke und mitten darin einen Wassertümpel liegen. Er schimmerte nicht im
Licht der untergehenden Sonne, er lag wie eine trübe, tote Fläche in dem
Tal. Die Schildkröte schritt weiter, nichts konnte sie aufhalten, niemand
konnte sie hindern. Auch die neunundvierzig Krieger auf ihrem Rücken sahen
den glanzlosen grauen See; bei seinem Anblick bekamen sie große Furcht. Erst
jetzt erkannten sie ihre ausweglose Lage, und sie baten um Gnade und
begannen zu beten. Die Schildkröte aber blickte unverwandt nach vorn. Sie
folgte dem Pfad der Yucca-Pfähle, er führte zu dem See und endete dort.
»Halt ein!« rief der
Häuptling von neuem. »Halt ein! Laß meine unbesonnenen jungen Brüder frei.
Zeige uns deine Stärke durch deine Barmherzigkeit!«
Die
Schildkröte schritt weiter, langsam und bedächtig setzte sie ein Bein vor
das andere und kroch dem trüben Wasser entgegen.
»Nun gibt es
keine Hoffnung mehr«, sagte der Häuptling zu seinen Freunden. »Ein Wunder
wurde uns gezeigt, und wir haben es nicht geachtet. Ich kann euch nicht
helfen, Brüder. «
»Geh heim«, riefen die
neunundvierzig jungen Krieger, »wir sind verloren. Geh heim, sag allen, was
uns geschehen ist. Sag unseren Brüdern und Schwestern, daß wir sie lieben.
Sag unseren Vätern und Müttern, wir trauern um sie. Bitte sie, uns nicht zu
vergessen. Führe sie nächstes Jahr zur gleichen Zeit zu dieser Stelle, damit
sie hier an uns denken können.«
Sie hoben ihre Hände,
während die Schildkröte über das Seeufer stieg. Die neunundvierzig Krieger
winkten, und die Schildkröte trug sie auf ihrem Rücken unter das Wasser.
Trüb und tot lag der See, die Sonne war untergegangen, es wurde kalt.
Im Jahr darauf, als der
warme Frühlingsregen das Gras sprießen ließ, zog das ganze Dorf aus. Sie
gingen westwärts, zum Rand der Pfahl-Ebene, und sie fanden die Yucca-Pfähle,
die zu dem unheimlichen See führten. Sie setzten sich an das Ufer des
Wassers, sie riefen die Namen ihrer Brüder und Söhne, und sie trauerten um
die verlorenen neunundvierzig jungen Krieger. Sie saßen dort, bis die Sonne
unterging. Zur Nachtzeit aber hörten sie dumpfes Trommelschlagen und Gesang.
Und die Töne kamen aus dem Wasser, aus der Tiefe des Sees kamen sie. |