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Ein Schütze-Märchen:
Der Elbenkönig auf Selö
Eines Sommers konnten die
Leute von Holmar, die zum Fischen auf Selö waren, nicht alle getrockneten
Fische nach dem Festland bringen, weil das Wetter zu schlecht wurde. Erst im
Herbst wurde das Seewetter wieder gut, und sie holten den Rest. Dabei ging
einer von ihnen, und zwar der Knecht des Pfarrers, nach der anderen Seite
der Insel. Er wollte sehen, ob dort vielleicht etwas an den Strand gespült
worden sei. Da schlug das Wetter wieder um, die andern beeilten sich
heimzukommen und ließen den Mann zurück. Nasser Schnee fiel; der Mann ging
zur Fischerhütte, hatte nichts zu essen und gab sein Leben verloren. Als er
wieder aus der Hütte trat, sah er vor sich einen freundlichen Stern. Aber er
sagte sich, ein Stern könne das bei diesem Schneewetter nicht sein. Er hielt
es für ein erleuchtetes Fenster, lief hin und kam an ein Haus, so prächtig
wie eine Königshalle.
Da hörte er, wie drinnen
jemand sagte: »Ja, denkt euch, ihr Mädchen, da ist der arme Kerl, den sie
heute auf der Insel zurückgelassen haben, an unser Haus gekommen; geht, holt
ihn herein, er soll nicht vor meiner Tür sterben! «
Da kam ein junges Mädchen
heraus, führte ihn hinein und hieß ihn die Schneekleider ablegen. Sie gingen
eine hohe Treppe hinauf in einen schönen gold- und edelsteingeschmückten
Saal. Da saßen viele Frauen, und eine war die schönste von allen. Er
begrüßte sie alle höflich, und sie antworteten freundlich. Dann führte ihn
das schöne Mädchen in eine kleine prächtige Kammer, brachte ihm Wein und
Speisen und ging wieder fort. - Wo sein Schlaflager war, wird nicht erzählt.
- Am Morgen kam das Mädchen und sagte, sie könne ihm nicht selber
Gesellschaft leisten, brachte ihm aber allerhand Dinge zum Zeitvertreib.
So verstrich
der Winter bis Weihnachten. Am Heiligen Abend kam das schöne Mädchen zu ihm
und sagte: »Wenn du glaubst, daß ich dir Gutes erwies, dann erfülle mir eine
ßitte. Morgen wird Tanz sein, mein Vater wird mich zum Zuschauen hinausrufen.
Da darfst du nicht neugierig sein und nicht zum Fenster hinaussehen. Drinnen
hast du Kurzweil genug. «
Das versprach er ihr auch.
Und am Weihnachtsmorgen brachte sie ihm Speisen und Wein und allerhand Dinge
zum Zeitvertreib, und dann ging sie wieder.
Alsbald hörte
er Gesang und Saitenspiel. Er dachte sich, das müsse ein großes Vergnügen
sein, konnte nicht lange widerstehen, kletterte zum Fenster hinauf und sah
hinaus. Eine große Menge Leute tanzte und spielte allerhand Saitenspiel.
Mittendrin saß ein königlicher Mann mit einer Krone auf dem Haupt, rechts
und links von ihm eine Frauengestalt. Er meinte, dies sei der König nebst
Gemahlin und Tochter, denn die erkannte er gut. Dann verließ er das Fenster,
der Tanz dauerte bis zur Nacht.
Aber als das Mädchen am
Abend zu ihm kam, war sie ungewöhnlich still, sagte, er habe sein
Versprechen nicht gehalten, doch habe ihr Vater zum Glück noch nichts davon
gemerkt.
Nun ging es so bis
Neujahr, und am Silvesterabend sagte sie ihm wieder, morgen gehe sie mit
ihrem Vater zum Tanz, und er solle bestimmt an sein Versprechen denken. Er
gelobte es hoch und teuer; sie brachte ihm Wein und Speisen und allerhand
Kurzweil und verließ ihn dann. Am Morgen begann ein noch größerer Festjubel
als zu Weihnachten. Erst saß der Bursche ruhig da, aber dann konnte er nicht
länger widerstehen und sah hinaus. Der Tanz war noch schöner, und viele
prächtige Ritter bewegten sich vor dem Königspaar. Dann verließ er das
Fenster schnell und glaubte, es habe ihn niemand gesehen.
Als die Königstochter aber
am Abend kam, war sie sehr unwillig und machte ihm heftige Vorwürfe.
Trotzdem blieb sie gut zu ihm wie zuvor.
So verstrich der Winter
bis zum Osterfest. Am Ostersonnabend bat sie ihn freundlich, doch ja nicht
neugierig zu sein, auch wenn die Freude draußen noch so groß sei. Denn wenn
ihr Vater merke, daß sie einen Mann bei sich habe, sei ihr Leben verloren.
Am
Ostermorgen brachte sie ihm wieder alles, was er sich nur wünschen konnte.
Das Fest fing laut und fröhlich an wie früher. Schließlich wurde ihm die
Einsamkeit langweilig, und er ging in das nächste Zimmer. Wenn er dort
hinausblicke, glaubte er, werde sie es nicht merken. Er sah schnell hinaus
und sah dasselbe wie zu Neujahr. Dann hielt er sich in seiner Kammer auf,
bis das Mädchen zu ihm kam.
Sie aber war zornig und
sagte: »Du hast mich betrogen wie das erstemal. Wie viel mein Vater weiß,
kann ich nicht sagen, aber schon ist er unfreundlicher gegen mich als sonst.
Ich dachte nicht, daß du so wenig treu sein könntest, aber du wirst es
später in anderen Dingen gewiß ebenso wenig sein.«
Nun ging es auf den Sommer
zu, und am letzten Winterabend kam sie zu ihm und sagte: »Morgen kommen die
Leute vom Festland, um dich zu holen, und deshalb sollst du zu der
Fischerhütte gehen. Aber wenn du mir ein wenig dankbar dafür bist, daß ich
dich im Winter versorgt habe, so bitte ich dich, als Vater das Kind
anzuerkennen, das ich bekommen werde, sonst ist mein Leben verloren, und der
König läßt mich töten, wenn ich dem Kinde keinen Vater geben kann;
andernfalls wirst du mir das Leben schenken.«
Um nichts anderes und nur
um dies eine bat sie ihn: »Möchtest du mir doch darin treu sein!«
Der Mann versprach es hoch
und teuer.
Sie nahmen
Abschied, er dankte ihr für alles und ging. Als er sich kurz darauf umsah,
war die Halle verschwunden. Nur steinige Hügel und Felsblöcke waren da, und
er ging nach der Fischerhütte. Es war gutes Wetter, und bald sah er ein
Schiff kommen. Als die Leute landeten, ging er ihnen entgegen. Sie
fürchteten sich, als sie ihn erblickten, denn er war dick und rund, und sie
glaubten daher, er sei ein Gespenst, sie meinten, er sei im Winter
gestorben. Sie wagten nicht, mit ihm zu reden oder zu ihm zu gehen.
Schließlich stieg der Vormann an Land und fragte ihn, ob er ein lebendiger
Mensch oder ein Wiedergänger sei oder ob er der Mann sei, den sie im Herbst
auf der Insel zurückgelassen hätten.
Er sagte, er sei der
nämliche Mann.
Ja, wieso er nicht
verhungert sei?
»Nun, der
Seetang von Selö ist auch nicht schlechter als die Wassergrütze von Holmar«,
sagte der Inselmann.
Mehr wollte er nicht
erzählen, ging an Bord, und sie ruderten heim. Alle verwunderten sich, daß
er noch am Leben war, aber die Leute bekamen nichts aus ihm heraus.
Eines schönen
Sonntags spät im Sommer waren viele Leute zur Kirche gekommen, und auch der
Knecht war beim Gottesdienst. Aber als sie alle in der Kirche beisammen
waren, der Pfarrer mit der ganzen Gemeinde, stand plötzlich eine Kinderwiege
vor dem Altar, und eine goldgestickte Decke war über das Kind gebreitet.
Kein Mensch war dabei zu sehen, nur eine schöne Frauenhand ruhte auf dem
Wiegenrand. Darüber verwunderten sich alle und sahen einander an.
Der Pfarrer
aber ergriff das Wort und sagte: »Dies Kind will getauft werden, es wird
wohl irgend jemand hier in der Kirche sein, dem es zugehört. Am ehesten wird
das wohl der Knecht sein, man wird es ihm jetzt von Selö hergeschickt
haben.«
Der Knecht aber leugnete
alles ab.
Der Pfarrer
wollte es trotzdem auf den Namen des Knechtes taufen, der jedoch wies das
auf das entschiedenste von sich und sagte, er habe mit der Angelegenheit
nichts zu tun.
Der Pfarrer meinte, ohne
irgendeine menschliche Hilfe könne er doch nicht auf der Insel überwintert
haben. Der Knecht aber sagte: »Ich werde das Kind nie und nimmer als das
meinige anerkennen«, und er verbot dem Pfarrer, es auf seinen Namen zu
taufen.
Da verschwand das Kind;
ein lautes Weinen war vernehmbar, und man hörte, wie der Klagelaut sich aus
der Kirche entfernte. Der Pfarrer und alle Leute gingen dem Weinen nach. Sie
hörten, wie es sich in der Richtung nach der See zu verlor. Die kostbare
Decke aber lag auf dem Boden und war auf Holmar noch lange Zeit in Gebrauch.
Die Leute wunderten sich
alle über den Vorfall, und am meisten war der Pfarrer davon bewegt. Der
Knecht ist später in Schwermut verfallen. Und als ihn der Pfarrer nach der
Ursache fragte, erzählte er ihm, daß er den Winter über bei einem König und
seiner Tochter geweilt und wie es ihn sein Leben lang gereuen würde, das
Kind nicht anerkannt zu haben. Der Knecht wurde niemals wieder derselbe wie
früher, und damit schließt die Geschichte vom Elbenkönig auf Selö. |