Ein Skorpion-Märchen:

Wassilissa, die Wunderschöne

Im Zarenreich hinter den blauen Meeren und hinter den hohen Bergen lebte ein Kaufmann mit seiner Frau. Sie hatten eine einzige Tochter, die war so schön, daß alle sie Wassilissa die Wunderschöne nannten. Eines Tages wurde die Frau des Kaufmanns todkrank. Sie fühlte ihr Ende nahen und rief ihre Tochter zu sich.

»Wassilissa, mein Liebes«, sprach sie, »ich will dir eine Puppe schenken.« Und sie holte unter den Kissen eine Puppe hervor. »Immer, wenn du in Not bist, mußt du ihr zu essen geben, dann wird sie dir helfen.«

Darauf küßte die Mutter ihre Tochter und verschied.

Der Vater trauerte eine Zeitlang um seine Frau. Da er aber wollte, daß Wassilissa gut versorgt würde, nahm er eine Witwe zur Frau, die zwei Töchter in Wassilissas Alter hatte. »Das trifft sich gut«, dachte der Kaufmann, »die drei werden sich sicher gut verstehen.«

Doch die zweite Frau sah voller Neid auf Wassilissas Schönheit, die größer und herrlicher war als die Schönheit ihrer Töchter, ja, Wassilissa übertraf alle Mädchen der Stadt. Sie wurde so böse darüber, daß sie Wassilissa die schwerste und schmutzigste Arbeit tun ließ. Sie schickte sie bei Wetter und Wind in den Garten hinaus, damit ihre schöne weiße Haut rauh und dunkel werden sollte. Wassilissa tat alles, ohne zu widersprechen, aber am Abend gab sie ihrer Puppe zu essen und klagte ihr ihr Leid.

»Das ist kein Leben in diesem Haus, die Stiefmutter und die Schwestern leben wie die Fürstinnen, und ich muß ganz allein die schwerste Arbeit tun.«

Die Puppe sagte: »Geh schlafen, ich werde dir helfen.« Als Wassilissa erwachte, war alle Arbeit getan; das Haus blitzte vor Sauberkeit, die Wäsche war gewaschen und geflickt, das Wasser stand bereit, im Ofen brannte das Feuer, und das Essen war zubereitet. Tagsüber konnte Wassilissa ausruhen, denn die Puppe tat auch im Garten alle Arbeit. Sie rupfte das Unkraut, goss die Beete und schnitt den Kohl. Sie gab Wassilissa sogar ein Kraut gegen Sonnenbrand.

Auf diese Weise wurde Wassilissa immer feiner und schöner, die Stiefmutter und die Schwestern aber ärgerten sich so sehr, daß sie immer häßlicher und magerer wurden. Die Zeit verging, und schließlich waren die Mädchen alt genug, um zu heiraten. Aber die jungen Männer aus der Stadt hatten nur Augen für Wassilissa und wollten die Schwestern gar nicht sehen.

Die Stiefmutter sagte zornig: »Wassilissa darf erst heiraten, wenn auch ihre Schwestern verheiratet sind!«

Und die jungen Männer verließen schnell das Haus und kamen nicht wieder.

Eines Tages mußte der Vater seine Familie verlassen und sich auf eine lange Reise begeben. Da sagte die Stiefmutter: »Wir wollen von nun an am Rand des Waldes wohnen.« Dort stand ein leeres Haus, das keiner bewohnen wollte, denn der Wald war finster und unheimlich, und die Leute hatten Angst vor ihm, denn tief im Walde wohnte die Baba Jaga, die die Menschen wie Hühnchen auffraß, die sie erwischen konnte. Die Stiefmutter aber schickte Wassilissa immer wieder in den Wald und hoffte, die Baba Jaga würde sie eines Tages fangen und verspeisen, aber Wassilissa kam mit Hilfe ihrer Puppe immer aus dem Wald zurück.

Der Herbst kam, und an den langen Abenden gab die Stiefmutter den Mädchen Arbeiten: die eine häkelte Spitzen, die andere strickte Strümpfe, und Wassilissa spann. Dann löschte sie im ganzen Haus die Lichter aus und ging zu Bett. Nur eine Kerze brannte für die Mädchen. Als die Kerze herunterbrannte, nahm die eine der Schwestern die Schere, um den Docht zu kürzen, und dabei löschte sie die Flamme aus; die Mutter hatte es ihr aber so befohlen.

Sie jammerte: »Nun haben wir kein Feuer mehr und sind noch nicht fertig mit der Arbeit. So müssen wir bei der Baba Jaga Feuer holen!«

»Meine Nadel leuchtet so hell«, sagte die stickende Schwester, »ich brauche kein Feuer!«

»Meine Nadeln geben mir genug Licht«, sagte die strickende Schwester, »ich brauch auch kein Feuer!«

Beide aber riefen: »Also muß Wassilissa das Feuer holen! «

Auf ihrem Zimmer gab Wassilissa der Puppe zu essen, und diese sagte: »Hab nur keine Angst, solange ich bei dir bin, kann dir nichts Schlimmes geschehen!«

Auf dem langen und finsteren Weg durch den Wald leuchteten die Augen der Puppe. Plötzlich jagte ein Reiter vorüber, der schimmerte ganz weiß, ein Reiter mit weißem Gewand, auf einem weißen Pferd mit weißem Zaumzeug und weißem Sattel; da begann es hell zu werden.

Dann jagte ein Reiter vorüber ganz in Rot, in rotem Gewand, auf einem roten Pferd mit rotem Zaumzeug und rotem Sattel. Da ging die Sonne auf.

Der Weg war lang wie der Tag, und erst am Abend erreichte Wassilissa das Haus der Baba Jaga. Ein Zaun aus Menschenknochen umgab das Haus, auf Pfählen staken Menschenschädel. Die Angeln des Tores waren Menschenfüße, eine Menschenhand war der Riegel und das Schloß ein Menschenmund mit scharfen Zähnen.

Da jagte plötzlich ein Reiter daher, ein Reiter ganz in Schwarz, in schwarzem Gewand, auf schwarzem Pferd mit schwarzem Zaumzeug und schwarzem Sattel. Er jagte zum Tor hinaus und war verschwunden. Da war es tiefe Nacht.

Doch im selben Augenblick begannen die Augen der Schädel zu leuchten, daß es ringsum ganz hell wurde. Und im Wald erhob sich ein großer Lärm, die Bäume krachten, die Blätter zischten, und Baba Jaga fuhr herbei in einem Mörser. In der einen Hand schwenkte sie eine Keule, in der anderen einen Besen, mit dem sie die Spuren verwischte. Sie hielt an und schrie: »Es riecht nach Mensch! Wer ist es?«

Wassilissa, voll Angst und Entsetzen, verbeugte sich zitternd und sagte: »Die Schwestern haben mich nach Feuer geschickt!«

»Diese Schwestern kenne ich wohl«, fauchte Baba Jaga , »und Feuer sollst du bekommen, aber zuvor mußt du für mich arbeiten. Arbeitest du nicht, so fresse ich dich!« Zum Tor rief sie: »Auf, auf!«, und das Tor öffnete sich. Dann sagte sie zu Wassilissa: »Bring mir das Essen! Hole Kwas, Met, Bier und Wein aus dem Keller!«

Wassilissa gehorchte, und Baba Jaga aß für zehn und ließ nur ein Schüsselchen Kohlsuppe, ein Stückchen Brot und ein Häppchen Fleisch übrig.

»Morgen gehe ich aus dem Haus«, sagte sie. »Dann wirst du Haus und Hof aufräumen, das Essen kochen, die Wäsche waschen und die schlechten Körner aus dem Weizen lesen. Die Arbeit muß getan sein, wenn ich heimkomme, sonst fresse ich dich!«

Dann legte sich die Baba Jaga schlafen und schnarchte. Wassilissa fütterte ihre Puppe und klagte ihr ihre Not. »Was soll ich nur machen?«

Die Puppe sagte: »Der Morgen ist weiser als der Abend. Sei ruhig und schlafe.«

Wassilissa erwachte, und da flog der weiße Reiter vorüber, die Lichter in den Schädeln erloschen, die Baba Jaga pfiff nach Mörser, Keule und Besen, der rote Reiter flog auf seinem Pferd vorüber, da ging die Sonne auf, und Baba Jaga fuhr davon.

Als sich Wassilissa umschaute, sah sie, daß alle Arbeit getan war. Die Puppe suchte letzte schwarze Körner aus dem Weizen, und Wassilissa brauchte nur noch das Essen zu kochen.

Es wurde Abend; der schwarze Reiter flog auf seinem schwarzen Pferd herein, die Lichter der Schädel leuchteten auf, die Bäume krachten, die Blätter zischten, und Baba Jaga kam heim.

»Ist alle Arbeit gemacht?« fragte sie ärgerlich, als sie sah, daß alles getan war, was sie aufgetragen hatte.

Dann rief sie: »Kommt jetzt, meine Freunde, und mahlt mir den Weizen!« Und dreimal zwei Menschenhände nahmen den Weizen und verschwanden mit ihm. Baba Jaga aß und trank für zehn.

Sie befahl: »Morgen machst du die gleiche Arbeit und reinigst den Mohn!«, legte sich hin und schnarchte. Wassilissa fütterte wieder die Puppe und klagte ihr ihre Not.

»Leg dich ruhig schlafen«, sagte die Puppe. »Der Morgen ist weiser als der Abend.«

Auch am nächsten Morgen war alle Arbeit schon getan, und am Abend geschah dasselbe wie am Abend vorher. Baba Jaga knurrte: »Warum redest du nicht mit mir?«

Wassilissa antwortete: »Ich möchte dich etwas fragen.«

»Frage nur, doch gib acht, wer viel weiß, wird schnell alt! «

»Ich habe drei Reiter gesehen«, sagte Wassilissa, »der eine war rot, der andere weiß, der dritte schwarz. Wer sind diese Reiter?«

»Der weiße ist mein heller Tag, der rote meine rote Sonne, der schwarze meine schwarze Nacht. Alle drei dienen mir. Willst du noch etwas wissen?«

»Das ist genug«, sagte Wassilissa, die noch gerne nach den Menschenhänden gefragt hätte, es aber nicht wagte, weil sie sich fürchtete. »Wer viel weiß, wird schnell alt, das hast du ja gesagt.«

»Das ist dein Glück«, sagte Baba Jaga, »hättest du mehr gefragt, hätte ich dich gefressen. Doch sage mir, wie du es schaffst, mit der vielen Arbeit fertig zu werden.«

»Der Segen meiner Mutter hilft mir«, antwortete Wassilissa.

Da schrie die Baba Jaga: »Gesegnete Töchter sind mir ein Graus! Mach, daß du fortkommst!«

Sie zerrte Wassilissa aus dem Haus, gab ihr einen Schädel vom Zaun, das Licht für die Schwestern, und jagte sie weg. Wassilissa wanderte den ganzen Tag und durch die ganze Nacht, und das Licht im Schädel leuchtete ihr bis zum Morgen. Am Abend war das Haus ihrer Stiefmutter nicht mehr fern. Sie wollte den Schädel wegwerfen, denn sie dachte, die Schwestern hätten inzwischen anderswo Licht besorgt. Der Schädel aber sagte: »Nimm mich mit ins Haus!«

Im Haus war es noch immer dunkel, und als Wassilissa hineinging, leuchtete das Licht im Schädel hell auf. Zunächst waren die Stiefmutter und die Schwestern froh, sie zu sehen, denn das Licht, das sie sich bei den Nachbarn geholt hatten, war immer ausgegangen, sobald sie ins Haus traten. Dann aber begann das Licht des Schädels sie zu schmerzen, es tat ihnen so weh, daß sie sich versteckten. Doch sosehr sie sich auch verkrochen, das Licht drang überallhin und brannte sie, brannte sie so heftig, daß schließlich alle drei zu Asche verbrannten.

Am nächsten Morgen vergrub Wassilissa den Schädel, verließ das Haus und ging in die Stadt. Sie bat eine alte Frau, die allein lebte, bei ihr wohnen zu dürfen. Dafür wollte sie für die Alte Flachs spinnen. Die alte Frau kaufte den Flachs für Wassilissa, und diese spann Fäden so fein wie Haar. So fein war der Faden, daß es keinen Webstuhl für ihn gab.

Nachdem die Puppe gegessen hatte, befahl sie Wassilissa: »Laß mich mit dem alten Webstuhl allein!«

Sie webte aber den allerfeinsten Stoff, während Wassilissa schlief. Sie riet der alten Frau, den Stoff zu verkaufen und das Geld zu behalten.

»So einen feinen Stoff kann nur der Zar tragen«, sagte die Alte und machte sich auf den Weg. Der Zar bewunderte die Feinheit des Gewebes und fragte: »Was willst du dafür haben?«

»Ich schenke ihn dir, Väterchen«, antwortete die Alte, und der Zar gab ihr dafür viele Gegengeschenke.

Doch am ganzen Hof war niemand, der aus diesem kostbaren Stoff Hemden nähen konnte, und so ließ der Zar die Alte wieder zu sich rufen.

»Du vermochtest den Stoff zu weben«, sagte er zu ihr, »da sollte es dir auch gelingen, Hemden davon zu nähen!«

»Es war Wassilissa, meine Pflegetochter«, sagte die Alte, »die diesen Stoff gewebt hat, und sie wird wohl die Hemden für dich machen.«

Wassilissa aber ging in ihr Zimmer und nähte aus dem wunderbaren Stoff zwölf Hemden. Der Alte brachte dem Zaren die Hemden, und der wollte das Mädchen sehen, das so schöne Hemden nähen konnte. Als Wassilissa vor dem Zaren stand, vergaß er die Hemden und sagte: »Wassilissa, du bist wunderschön! Ich lasse dich nicht mehr fort. Bitte, laßt uns sofort die Hochzeit feiern!«

Die Hochzeit wurde mit großer Pracht gefeiert und war ein glückliches Fest.

Wassilissas Vater kehrte endlich von seiner langen Reise zurück. Er erfuhr alles, was sich zugetragen hatte, und er blieb wie die alte Frau am Hofe des Zaren.

Wassilissas Beschützerin, die Puppe, ruhte von nun an von der vielen Arbeit aus.