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Ein Stier-Märchen:
Der gastliche Kalbskopf
Ein Elternpaar hatte drei
Söhne, zwei waren gescheit - oder bildeten sich wenigstens ein, dies zu
sein-, der dritte, jüngste, Hans, war der dumme, aber der Liebling seiner
Mutter, daher auch oft der Gegenstand des Neides seiner Brüder. Als letztere
ziemlich herangewachsen waren, beschlossen sie, gemeinschaftlich die Welt zu
sehen und draußen ihr Glück zu machen. Sie sprachen daher zu ihrem Vater:
»Vater, gib jedem von uns zehn Taler, wir wollen hinaus in die Welt, wollen
fremde Städte und Länder sehen und unser Glück machen.« Und zur Mutter
sprachen sie: »Mutter, gib uns einen Ranzen voll Brot und Speck, wir wollen
eine weite Reise tun.«
»Es ist gut, wenn die
Jungen fortkommen und sich draußen etwas versuchen, wir wollen sie ziehen
lassen!« sprach die Mutter zum Vater, und so wurde der Brüder Wunsch
erfüllt.
Wie die Brüder zu ihrer
Reise zurüsteten, sah es Hans, und wie er ihren Entschluß vernahm, so sagte
er: »Will auch mit! Will auch zehn Taler, will auch einen Ranzen voll Speck
und Brot! Will auch in die Welt!«
»Du wirst etwas Rechtes
draußen sehen und gewinnen, dummer Hans!« grollte der Vater, und die Mutter
schrie: »Ach, mein Goldkind! Bleibe daheim und nähre dich redlich!«
Aber der Hans
wollte einmal, und da half kein Zureden. Er erhielt, was die Brüder erhalten
hatten, und wanderte mit ihnen von dannen.
»Dümmeres gibt es gar
nicht, als daß der dumme Hans sich uns aufgepackt hat! Der konnte doch
wahrlich daheimbleiben! Der wird was Gescheites erleben! Wir wollen tüchtig
drauflosschreiten, daß er uns nicht nachkommt, da wird er schon von selbst
umkehren«, sprachen die Brüder auf ihrem Wege untereinander, als bereits
Hans, der jüngste, ein Stückchen zurückgeblieben war, weil er nicht so große
Schritte machen konnte wie seine zwei älteren Brüder.
Hans ließ die Brüder noch
eine Strecke hinlaufen. Auf einmal schrie er: »Heida! Holla! Was ist das?
Was liegt da? Ach, der Schatz!«
Die Brüder als sie den
Hans so rufen hörten, blieben stehen, sahen sich um, sahen, wie ihr Bruder
sich bückte und Zeichen der Verwunderung über etwas machte, was dort lag,
dann sprachen sie zueinander: »Schau, der Hans hat etwas gefunden, daran wir
ins Gespräch vertieft, vorübergingen, geschwinde zurück!«
Eilend liefen die älteren
Brüder zu ihrem Hans zurück und sahen nach dem Schatz, den Hans gefunden
hatte - es lag aber nichts dort als eine Glasschlacke, die in der Sonne
blitzte.
»Einfältiger, dummer
Hans!« schalten die getäuschten Brüder.
»Mein ...«, sprach Hans.
»Ist's kein Diamant? Tut mir leid!«
Nach einer
Weile waren die Brüder dem kleineren und schwächeren Hans wieder eine gute
Strecke vorgeschritten, und er konnte nicht nachkommen, weil er sich als
bequemes Muttersöhnchen im Gehen niemals sonderlich geübt hatte. Da schrie
er abermals: »Hei! Holla! Aber das ist was! He! Kommt all daher! Ach, die
Pracht! Ach, die Pracht! « - und dabei machte er Freudensprünge um einen
Punkt.
Die Brüder glaubten, der
Hans habe jetzt wirklich etwas gefunden, und liefen zu ihm zurück. Als sie
aber die Stelle erreichten, war es ein großer Schwarm Goldkäfer, die
zufällig auf einen Punkt zusammengeklumpt da lagen - und sie schalten den
Hans noch härter.
Der Hans aber machte sein
dümmstes Gesicht und sagte: »Ich dachte, es wäre ein Haufen Dukaten. Ist's
nichts? Tut mir leid.« Er hatte aber beide Male nur gerufen, um wieder bei
den Brüdern zu sein, ohne seine Schritte verdoppeln zu müssen und sie
einzuholen.
Leider ließ sich dieses
zweimal erprobte Kunststück nicht fortsetzen. Als Hans nach einer Strecke
Weges in einem Walde abermals zurückgeblieben war und wieder bei einem
vorgeblichen Funde stehen blieb und schrie, so taten seine Brüder, als
hörten sie es nicht und gingen zu zweit ihres Weges und waren bald hinter
den Waldbäumen, ihrem Bruder aus dem Gesicht.
»Lauft hin! « sprach Hans.
»So kann ich desto besser ausruhen!« Und er setzte sich auf einen Stein,
öffnete seinen Ranzen und aß Brot und Speck, trank auch einmal, denn die
Mutter hatte ihm vorsorglich eine gefüllte Bulle in den Ranzen geschoben,
dann legte er an einer bequemen Stelle den Ranzen unter den Kopf und machte
ein Schläfchen. Da der Hans Ausgehen nicht gewohnt und sehr müde geworden
war, so dauerte sein Schläfchen etwas lange, und als er endlich daraus
erwachte, begann es schon Abend zu werden.
O weh, o weh! dachte Hans.
Ist es schon so spät! Wo soll ich nun hin, bei der Nacht und im Walde?
Räuber können kommen und mir meine zehn Taler nehmen. Wölfe können kommen
und mein übriges Brot samt Speck fressen, und hinterdrein mich dazu. Das
wird nicht gut. Hans, Hans! Wärst du doch zu Hause bei der Mutter geblieben!
Es wurde schnell dunkel,
und Hans fürchtete sich, weiterzugehen. Wo ich alleweil bin, ist außer mir
niemand -sprach er zu sich selbst- und ich tue mir nichts. Gehe ich aber
weiter, so könnte ich auf jemand stoßen, der mir was tut. Hier steht eine
dicke Eiche, da will ich hinaufsteigen und mich oben in das Geäste setzen.
Da sucht mich kein Räuber, und Wölfe klettern nicht.
Gedacht,
getan. Hans kletterte auf den Baum und sah sich droben ein wenig um. Siehe,
da erblickte er ganz nahe ein stattliches Haus, dessen Zimmer von Lichtern
erhellt waren.
»O ich dummer
Hans! « rief Hans. »Konnte ich nicht noch ein paar Schritte gehen und in dem
schönen Gasthofe einkehren. Potz Blitz! Wenn man zehn Taler in der Tasche
hat, braucht man da ein Nachtquartier auf Waldbäumen zu suchen?« Eilend
kletterte Hans vom Baume wieder herab und schritt nach dem Hause zu, dessen
Lichter ihm bald entgegenschimmerten. Bald stand er vor dem Hause, es war
hell und groß, nur nichts Lebendes ließ sich sehen. Hans fand die Türe
offen, alles hell von brennenden Kerzen, auch die Türen einer Reihe von
Zimmern standen geöffnet, aber nirgends ein Mensch, auch kein Hund und keine
Katze.
Indessen stand in einem
der Zimmer ein gedeckter Tisch, darauf standen eine Flasche voll Wein und
Teller voll Weißbrot, Pfannkuchen, kalten Braten, Butter, Käse und
dergleichen. In einem Zimmer gleich daneben stand eine schöne Wiege, und in
der Wiege lag ein K - nein, kein Kind, sondern ein sehr schöner Kalbskopf,
auf seidenen Kissen. Hans schielte hin und murmelte: »Ein prächtiger
Kalbskopf! Schade, daß selbiger nicht gebraten ist. Zu dem hätt ich just
Appetit.« Jetzt öffnete der Kalbskopf seine Augen - und Hans erschrak, er
hatte nicht gedacht, daß er lebendig sei.
»Schönen guten Abend«,
sagte der Kalbskop£ Ganz erschrocken stammelte Hans: »Großen Dank!«
Er war noch so unbekannt
mit der Welt, der gute Hans, hatte noch nie einen Kalbskopf reden gehört.
»Sei schön willkommen!«
sprach der Kalbskopf weiter. »Mir wird die Zeit so gräßlich lang. Setze
dich, iß, trink, mache dir's bequem - dort steht ein Himmelbette, da kannst
du schlafen, wenn du aber munter bist, da kannst du mir erzählen, wie es
draußen in der Welt zugeht.«
Ich? dachte
Hans und erschrak aufs neue. Ich soll von der Welt erzählen? Das werden
rührende Geschichten werden. Wenn ich nun nichts weiß, da tut mir das Ding
am Ende etwas. Ob es wohl ein ganzes Kälbchen ist oder nur ein Kopf? Ob es
wohl aus der Wiege herausspringen kann? Beißen wird es doch nicht- dazu
sieht es zu gutmütig aus.
Hans setzte
sich und aß und ließ sich's trefflich wohl schmecken, doch quälten ihn über
dem Essen Gedanken, was noch nie bei ihm der Fall gewesen war.
Wie fang
ich's nur an, dachte Hans, daß ich nicht gegen die Höflichkeit verstoße. Wie
tituliere ich den Kalbskopf? Ich kann nicht unterscheiden, ob es ein Er ist
oder eine Sie. Ob schon verheiratet oder noch ledig. Er scheint noch
ziemlichjung zu sein. Soll ich zu ihm oder zu ihr sagen: Euer oder Ihre
Gnaden? Ich werde gewiß etwas Dummes machen, so oder so.
Trotz dieser
schweren Gedanken ließ sich's Hans doch außerordentlich gut schmecken, und
als die Mahlzeit gehalten war, kam es zu keiner Abendunterhaltung zwischen
ihm und dem Kopfe, denn Hans war wieder müde. Er legte sich in das
Himmelbette und schlief bis in den andern Tag hinein. Der Kalbskopf nahm das
nicht übel. Er hatte eine bewundernswerte Geduld. Am andern Morgen fand Hans
seine Kleider gereinigt und sein Frühstück neben der Wiege des Kalbskopfes,
der ihm freundlich guten Morgen sagte und seine Ohren mit viel Anmut
bewegte. Nun aber sollte Hans erzählen, und er machte den Versuch, und
siehe, es ging besser, als er geglaubt. Er begann zunächst von sich, denn
jeder Mensch ist der Mittelpunkt seiner Welt, von seiner Mutter, von dem
Vater, den Brüdern, den Muhmen und Vettern und von deren Kindern; von dem
Hause seiner Eltern, deren Viehstande, wie viele Ziegen, Enten, Hühner, wie
viele Singvögel; dann vom Gärtchen, von dessen Bäumen, Beeten und Blumen.
Hans hatte an dem
Kalbskopf den gütigsten Zuhörer. Bisweilen schien es Hans, als glänzte eine
Träne in dessen großen blaßblauen Augen und als atme er tiefer auf, fast wie
wenn ein Mensch seufzt. Ein Wort gab das andere, nie stockte die
Unterhaltung. Hans schilderte bis ins einzelne das Dorf, in dem sein
Elternhaus stand, die Häuser, die Kirche, die Schule, den Kirchhof, die
Grabsteine, den Pfarrer, den Schulzen, dann die Flur des Dorfes, den Bach,
die nächsten Berge.
Hans war über sich selbst
verwundert, daß er so vieles wußte. Darüber verging mancher Tag. Dann fielen
ihm auch alle Märchen ein, welche ihm die Großmutter, als diese noch lebte
und er noch ein kleiner Junge
gewesen war,
erzählt hatte, und dann die Mutter - von verzauberten Prinzen und
Prinzessinnen, von Zauberfrauchen und Hexenmännlein, von verwünschten
Schlössern und gläsernen Bergen. Das alles hörte der Kalbskopf mit großem
Wohlgefallen an, besonders schien er sich zu freuen, wenn die Märchen
schilderten, wie die verzauberten Prinzen und Prinzessinnen ihre Erlösung
gefunden. Und dabei sorgte der Kalbskopf auf das eifrigste dafür daß es Hans
niemals an Trank und Speise mangle und daß er sich und sein Gedächtnis durch
allzuvieles Erzählen ja nicht zu sehr anstrenge. Immer mehr fiel dem Hans
ein. Er erzählte von den Gespenstern, die es gebe, von Feuermännern und
Irrwischen, vom wilden Jäger und von dem Erdmännlein, von der Nixe im Bache
und dem weißen Fräulein am alten Schloßberge in der Nähe seines Dorfes.
Endlich fiel dem Hans ein, daß er ja auch musikalisch sei und ein Instrument
bei sich habe, das er zur Unterhaltung trefflich zu spielen verstehe. Hans
packte dieses Musikinstrument, das sehr sorglich verwahrt war, aus - es war
eine Maultrommel, und als Hans die ersten Töne darauf anschlug, machte der
Kalbskopf ganz große Augen und drückte durch Wedeln mit den blonden Ohren
seinen stillen Beifall aus.
Lange Zeit
erfreute sich Hans der Gastlichkeit des Kalbskopfes und der stets unsichtbar
bleibenden Bedienung des Hauses und dachte: Es ist gut, daß ich nichts von
der Dienerschaft sehe, da brauche ich auch kein Trinkgeld zu geben, wenn ich
wieder fortgehe denn der Gedanke an das Fortgehen war dem Hans doch
allmählich gekommen. Er kannte keine andere Welt als die kleine seines
Heimatortes. Sie füllte seine Seele und den Kreis seiner Ideen aus, und da
er täglich nur von ihr sprach, mit allen Gedanken nur in ihr lebte, so war
es kein Wunder daß eine stille Heimatsehnsucht im Herzen Hansens erwachte.
Der Kalbskopf
besaß ungleich mehr seelenkundlichen Scharfblick als die überklugen Menschen
insgemein Kalbsköpfen zutrauen und zugestehen wollen, und nahm daher eines
Tages, als Hans wieder vom Daheim erzählte und dabei ein jammeriges Gesicht
machte, das verständige Wort: »Mein guter Gastfreund«, sprach er. »Du sehnst
dich heim; ich begreife dieses Gefühl und ehre dasselbe. Reise heim - ich
will dich ausstatten - aber kehre wieder. Dort steht ein Stab, schlage mit
ihm auf jene Lade, und wähle dir aus den darin liegenden Anzügen den
schönsten aus - dort jene Türe verschließt den Stall. Öffne sie mit dem
Stabe, und wähle dir das beste Roß. Dort in jener Kiste liegt Geld und ein
Zauberpfeifchen; wenn du verirrt bist und du darauf pfeifst, so kommen Tiere
gesprungen und laufen dir voran und zeigen dir den richtigen Weg. «
Hans staunte und tat, wie
ihm geheißen war.
Im
stattlichsten Jagdjunkerkleide mit goldenen Tressen besetzt, auf stattlichem
Schimmel, mit trefflichem Seitengewehr und gezogener Kugelbüchse ritt Hans
von dannen, alle Taschen voll Geld und das Pfeifchen an goldener Schnur um
den Hals. Heilig und teuer versprach Hans dem Kalbskopfe, zu ihm
zurückzukommen. Ob Hans dem gastlichen Kalbskopf zum Abschiede einen Kuß
gegeben, weiß man nicht so ganz bestimmt.
Wie ging es
unterdessen Hansens klugen Brüdern? Die waren sehr froh, daß der dumme Hans
sie nicht mehr belästigte; sie ließen sich's recht gut schmecken, solange
Brot und Speck in ihren Ranzen vorhielten und solange in den Wirtshäusern
die zehn Taler eines jeden ausreichten, was wirklich ungefähr acht Tage
dauerte. Dann aber sprachen sie zueinander: »Die Welt ist doch zu groß, als
daß wir sie ganz kennenlernen könnten. Wie wär es, wenn wir umkehrten? Es
ist doch überall nicht besser als daheim. Wir haben in diesen acht Tagen
eine ziemliche Anzahl fremder Städte und noch mehr Länder gesehen, es sieht
fast ein Land aus wie das andere. Wir haben zwar kein sonderliches Glück
gemacht, aber wir hätten doch vielleicht etwas finden können. Daß uns hier
außen nichts vom Glücke begegnete, ist ein Beweis der alten Wahrheit, daß
nur in der Heimat eines jeglichen der wahre Schatz seines Glückes ruht.
Eilen wir, diesen Schatz wieder aufzusuchen.«
Als die
Brüder heimkamen, sah sie der Vater finster an und sagte: »Ihr seid die
wahren Helden, ihr Landläufer ihr! Ihr Herrgottstagediebe! Zwanzig Taler
habt ihr durchgebracht und für zehn Taler Kleider und Schuhe zerrissen.
Jetzt arbeitet dafür! Nicht einen Groschen geb ich euch, bis ihr mir das an
euch zum Fenster hinausgeworfene Geld ersetzt habt!«
Die Mutter
aber rief: »Ihr Rangen! Wo habt ihr meinen Hans, mein Goldkind? Wie könnt
ihr euch nur unterstehen, ohne meinen Hans über unsere Schwelle zu
schreiten? »«
Es fiel den
Brüdern sehr schwer, die zürnende Mutter zu bedeuten, daß Hans mit Absicht
immer hinter ihnen zurückgeblieben sei, ganz sicher, um sich abzusondern.
Die Brüder mußten
fürchterlich arbeiten, denn dreißig Taler wollen verdient sein.
Nach einiger
Zeit entstand gegen Abend im Dorfe ein kleiner Auflauf. Es ritt ein
vornehmer Junker hindurch, angetan wie ein Prinz. Die Leute dachten, es wäre
der König selbst, und er reise inkognito, ohne alle Bedienung.
Alles lief an
die Fenster vor die Türen, ein heller Haufe lief hinterdrein. Da fielen
blanke Guldenstücke auf den Weg - nun war es der König, und alles schrie
vivat! und schlug sich um die Geldstücke. Vor Hansens Elternhause hielt der
schmucke junge Reitersmann und stieg vom Rosse. Eine ganze Schar von Jungen
drängte sich herbei, bei dem vermeinten Prinzen Stallmeister oder
Bereiterdienste zu tun.
Hansens Eltern traten
ehrerbietig vor ihr Häuslein. Was konnte bei ihnen der fremde Herr wollen?
Die Brüder kamen von der Arbeit und sahen Mistfinken ähnlicher als
Goldammern. Ihre Mäuler blieben offen stehen vor Verwunderung, als der
Fremde erst ihrer Mutter, dann ihrem Vater um den Hals fiel und sie herzte
und küßte und hernach rief: »Na, Michel, na Velten! Patschhand! Ihr kennt am
Ende euern Hans alle nicht mehr?» und ihnen die Hände bot.
Es war der
Hans und kein Prinz und kein König. »Der dumme Hans ist wieder da, ist reich
geworden, und wirft mit Geld um sich, der Hans Narr!« lief die Rede durchs
Dor£ Die Alten freuten sich, die Brüder zogen mit scheelem Neide Hansens
schönes Pferd in den Stall und flüsterten miteinander: »Wir müssen uns
totschinden, um dem Vater die armseligen dreißig Taler wieder zu verdienen;
der Hans, der Glückspilz, der gar nicht mit Gelde umzugehen weiß, wirft es
auf die Gasse. Wir wollen ihm heute nacht das Geld wegnehmen, es ist ihm
doch nicht nütze. Überhaupt ist es nicht recht einzusehen, was so ein Dummer
auf der Welt tut?«
In der Nacht
kamen die Brüder in die Kammer wo Hans schlief. Hans war aber nicht so dumm,
wie seine Brüder dachten. Als die Diebe in die Kammer brachen, schoß er dem
einen ein kleines Kügelchen in das dicke Fleisch und gab dem zweiten mit dem
Hirschfänger einen hübschen Streich. Darauf erscholl Lärm, und der Vater
stand auf, und als er sah, was vorgegangen, so nahm er im Zorne seine
Peitsche und hieb auf die verwundeten Buben los, daß sie laut aufheulten und
den Himmel für eine Baßgeige ansahen, vor dem Bruder aber sich gar nicht
wieder sehen ließen.
Hans letzte und labte sich
mit seinen Eltern, außer dem aber gefiel es ihm nicht mehr so recht daheim.
Er beschenkte seine Eltern reichlich, sattelte sich selbst sein Pferd und
ritt von dannen. Er wollte wieder nach dem Waldhause, zum gastlichen
Kalbskopfe, da gab es nicht Neid, nicht Habsucht, nicht Verkennung, nicht
Raubsucht, aber zu essen und zu trinken vollauf und gute Unterhaltung, denn
der Kalbskopf wußte auch zu sprechen und drückte sich noch dazu
außerordentlich gewählt aus, woraus Hans schloß, daß derselbe eine sehr gute
Erziehung erhalten haben müsse.
Hans ritt ins
Blaue hinein, und bald wußte er keinen Weg mehr aber da half das Pfeifchen
trefflich. Ein Pfiff, und es kam ein Hase oder ein Fuchs oder ein Vogel, die
liefen und flogen vor dem Pferde her und als der Wald erreicht war sprangen
muntere Rehe voran, und so wurde das Schloß ohne Gefahr und Abenteuer wieder
gewonnen. Der Kalbskopf rief Hans, als dieser zu ihm eintrat, ein herzliches
»Willkommen!« entgegen und drückte seine Freude aus, Hans wiederzusehen. »Du
kommst zu rechter Zeit, mein braver Freund!« sprach der Kalbskopf. »Mit
großer Sehnsucht erwartete ich dich, denn wenn die gute Stunde, der ich
entgegenharre, ungenützt verstrichen wäre, so würdest du mich nicht
wiedergefunden haben, und alle meine Hoffnung wäre dann zunichte gewesen. «
Hans horchte hoch auf bei
diesen ihm rätselhaften Worten, und der Kalbskopf fuhr fort: »Habe genau
acht auf das, was ich dir sage, denn von diesen Anordnungen hängt mein Glück
ab, und vielleicht auch dein Glück. Gehe jetzt einmal in die Küche, dort
steht ein Hackblock, und in der Speisekammer daneben liegt ein scharf
geschliffenes Beil. Nimm dieses Beil und lege dasselbe auf den Hackblock -
dann komme wieder zu mir herein.«
Hans befolgte dies Geheiß
pünktlich. Wenn ich weiter nichts tun soll, dachte er, so hat es ja gute
Wege. Bald hatte er das Gebot erfüllt und trat wieder in das Zimmer, welches
der Kalbskopf bewohnte.
»Nicht wahr, mein guter
Freund«, rief dieser ihm entgegen, »das war ein sehr leichtes Stück Arbeit?
Aber nun kommt das schwere. Jetzt nimm diese Wiege, in der ich ruhe, und
trage sie samt mir in die Küche, und stelle sie neben den Hackblock.«
»Auch das, mit Vergnügen!«
sagte Hans und trug die Wiege in die Küche. Sie war zwar etwas schwerer, ais
Hans dem Anscheine nach geglaubt hatte, aber Hans hatte Kraft.
»Jetzt aber, bester
Freund«, sprach wieder der Kalbskopf, »jetzt kommt das schwerste Stück -
jetzt erschrick nicht. Jetzt decke mich auf.«
Hans räumte
die seidenen Kissen hinweg - o weh da endigte der Hals des Kalbskopfes in
einen armdicken Schlangenleib, der hing am Kopf wie ein scheußliches Gewächs
und war blau wie ein Darm voll Blut.
»Jetzt hebe mich aus der
Wiege auf den Block, und haue mir mit dem Beile diesen abscheulichen
Wurmzopf ab, der an mir hängt.«
Hans schauderte und
stammelte: »So soll ich dich töten, du guter einziger Kalbskopf?
Deinesgleichen lebt zum zweiten Male in der Welt nicht mehr!«
»Mache nur frisch zu! «
versetzte der Kalbskopf. »Es wird dir gut gelohnt.«
Hans gehorchte, nicht ohne
Scheu und Zagen. Er legte den Kopf, er hob das Beil, er zielte gut, er
führte den Hieb - und siehe, es floß kein Tropfen Blut, der Schlangenleib
schwand, der Kalbskopf verwandelte sich in ein holdes Mädchenantlitz, und
aus der Wiege hob sich's, eine Feengestalt von bezaubernder Anmut, und stieg
heraus und fiel Hans um den Hals. »Du hast mich erlöst, du Guter, Reiner,
Treuer! Nun nimm dir, was du willst! Das Schloß und die Schätze und mich
dazu, wenn ich dir gefalle.«
Jetzt
wimmelte das Schloß von Dienerschaft, alle diese war verzaubert gewesen,
alle jubelten über ihr neugeschenktes Dasein.
»Meine gnädigste
Prinzessin!« nahm der erstaunte Hans das Wort. »Du bist mir schon als
Kalbskopf äußerst appetitlich erschienen, so aber bist du mir noch
tausendmal lieber Ich nehme dich!«
Hans wurde sehr glücklich
- er beschenkte seine Eltern, verzieh seinen Brüdern, heiratete die schöne
erlöste Prinzessin und lebte mit ihr in einer frohen und genußreichen
Einsamkeit - weder er noch seine Gemahlin sehnten sich in die sogenannte
große Welt, und falls sie beide nicht gestorben sein sollten, so dürfte mit
einiger Wahrscheinlichkeit zu vermuten sein, daß sie noch heute leben.
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