Ein Waage-Märchen:

Der Gesang der Yara

Unten, im Süden von Brasilien, wo die Sonne so heiß scheint, daß Mensch und Tier den Tag verschlafen, wo selbst die großen Wälder unter der lastenden Hitze verstummen und erst am Abend erwachen, lebten ein junger Mann und ein Mädchen. Das Mädchen war in der Stadt Corumba aufgewachsen und hatte diese kaum jemals verlassen. Der junge Mann aber kam aus dem Norden und war nach Corumba gekommen, der Stadt am Fluß, um Arbeit zu finden. Einige Zeit nach seiner Ankunft feierte man etwas außerhalb der Stadt ein großes Fest, und zu diesem Fest kamen alle Leute von nah und fern zusammen. Manche gingen zu Fuß, manche kamen in Kutschen gefahren; aber alle hatte ihre schönsten Kleider an, und die Frauen und Mädchen trugen Blumen im Haar. So ein Fest hatte Alfonso, der junge Mann aus dem Norden, noch nie erlebt. Er stand schweigend am Rande und sah den leichtfüßigen Tänzern zu. Plötzlich aber fiel ihm ein junges Mädchen in einem gelben Kleid auf. Sie trug rote Granatapfelblüten im Haar und schien dem jungen Mann die Schönste von allen zu sein. Als das Fest vorüber war und der junge Mann mit seinen Freunden nach Hause wanderte, war er seltsam verändert. Während der Arbeit am nächsten Tag sah er ständig das liebliche Gesicht des Mädchens vor sich und konnte an nichts anderes denken. In der Nacht fand er keinen Schlaf, lief ziellos durch die nächtlichen Straßen oder ging in den Wald und badete in einem der tiefen Waldseen dort. So vergingen viele Wochen. Der Zustand des Jünglings besserte sich nicht. Eines Abends aber sollte sich alles ändern. Alfonso wanderte wieder durch die Stadt und kam zufällig an dem Haus, in dem das schöne Mädchen Julia wohnte, vorbei. Sie stand mit dem Rücken zur Hauswand und versuchte verzweifelt, mit ihrem Fächer einen wilden Hund abzuwehren. Alfonso sprang hinzu und schlug mit einem Faustschlag den Hund zu Boden. Dann führte er das verängstigte Mädchen zu der kühlen Veranda, auf der ihre Eltern saßen. Von der Stunde an war er ein gern gesehener Gast in dem Haus, und nicht lange danach verlobten sich Alfonso und die schöne Julia. Jeden Tag nach Feierabend ging Alfonso nun zu Julias Elternhaus. Es war mit Efeu überwachsen, Kolibris flogen von Ast zu Ast, und die grauen Papageien schrien im Chor. Das Mädchen erwartete ihn gewöhnlich im Garten, sie verbrachten ein bis zwei Stunden unter dem Nachthimmel, und die Sterne waren groß und hell und zum Greifen nahe.

»Alfonso, was hast du gestern abend gemacht, nachdem du nach Hause gegangen bist?« fragte Julia eines Abends.

»Wie immer, Julia«, antwortete er. »Es war zu heiß zum Schlafen, und so ging ich in den Wald und badete in einem der Waldseen neben dem Fluß. Ich gehe oft dorthin, seit einigen Monaten schon, aber gestern nacht geschah etwas Sonderbares. Ich wollte gerade ein letztes Mal in den See springen, als ich Gesang vernahm. Die Stimme kam mal vom rechten, mal vom linken Ufer, und sie klang süßer als Nachtigallengesang, die Worte aber verstand ich nicht. Ich zog mich rasch an und durchsuchte jeden Busch, sah hinter jeden Baum, doch konnte ich niemand entdecken.«

Während Alfonso so sprach, wurde Julia schreckensbleich. Seit ihrer Kindheit hatte sie immer wieder Geschichten von jenen seltsamen Wesen gehört, die im Wasser hausen oder sich unter den Büschen am Flußufer verbergen. Gegen diese Geister, so erzählte man sich, half nur ein starker Zauber. Konnte die Stimme, von der Alfonso sprach, von einem jener Wesen sein? Vielleicht, wer weiß, hatte gar die gefürchtete Yara selbst gesungen, Yara, die Wasserfrau, welche die jungen Männer am Vorabend ihrer Hochzeit zu sich lockt? Während diese Gedanken durch Julias Kopf gingen, stand sie wie gelähmt da und bekam kein Wort heraus. Schließlich faßte sie sich und sagte leise: »Alfonso, willst du mir etwas versprechen?«

»Wie ernst du geworden bist, Julia! Sag, was du möchtest.« »Versprich mir eines, Alfonso, bade nie wieder in jenen Seen im Wald!«

»Aber warum denn nicht? In all den heißen Nächten, in denen ich keinen Schlaf fand, bin ich zu den Waldseen gegangen, und mir ist nie etwas zugestoßen.«

»Alfonso, wenn du mir das nicht versprichst, werde ich vor Angst wahnsinnig werden. Gib mir dein Wort.«

Alfonso sah das Mädchen an, und da er sah, wie blaß sie geworden war, fragte er sie, wovor sie sich so ängstige.

»Hast du nicht jenen Gesang gehört?« flüsterte Julia.

»Die Stimme? Ja, und sie klang süßer als Nachtigallengesang. - Wie könnte die mir jemals gefährlich werden?«

»Erst wirst du nur die Stimme hören, dann wirst du die Erscheinung sehen und dann - den Tod.« Julia fuhr mit hastigen Worten fort, von Yara, der Wasserfrau, zu erzählen. Von den Mädchen und Frauen, die am Seeufer ihre Wäsche wuschen und von Yara entführt worden waren, um ihr in ihrem Reich unter dem Wasser zu dienen, und von den jungen Männern, die Yara zu sich ins Verderben lockte. Du kommst aus dem Norden, Alfonso«, sagte sie, »du kennst dich nicht aus, aber glaube mir - es war die Stimme der Yara, die du gehört hast.«

Alfonso vernahm ihre Worte und lachte. Er sah die Furcht in ihrem Gesicht, und doch konnte er sich nicht beherrschen, je mehr er aber lachte, desto verzweifelter wurde Julia. »Du hast sie gesehen«, rief sie entsetzt. »So lachen nur die, denen die Yara sich gezeigt hat!«, und sie weinte bitterlich. '

Als Alfonso das Mädchen weinen sah, umarmte er sie und versprach ihr alles, was sie wollte.

Julia lief ins Haus und kam mit einem Kästchen zurück. Sie öffnete das Kästchen, nahm eine vielfarbene Muschel heraus und sang in die Muschel.

Vielleicht könne er sein Versprechen nicht halten, sagte sie, die Macht der Yara wäre groß, und der Klang ihrer Stimme ließe die Männer alles vergessen, was ihnen lieb wäre. Wenn er aber sein Wort brechen und doch noch einmal zu dem Waldsee ginge, solle er die Muschel bei sich tragen.

»So bald du dann die Stimme der Yara vernimmst«, sagte Julia, , »halte schnell die Muschel an dein Ohr - dann wirst du mein Lied hören, vielleicht ist mein Lied stärker als der Gesang der Yara.«

Es war schon Mitternacht, Alfonso war auf dem Heimweg. Der Mondschein lag auf dem Fluß, das Wasser rauschte kühl und einladend, und die Bäume des nahen Waldes schienen ihre Arme nach dem Jüngling auszustrecken. Alfonso blickte entschlossen in die andere Richtung und lief eilends nach Hause.

Drei Nächte lang hielt er sein Wort, das Lied der Yara aber summte in seinen Ohren und wurde täglich lauter. Am vierten Abend machte er sich schon um elf Uhr auf den Heimweg. Der Wald rauschte und flüsterte und lockte süß, Alfonsos Verlangen, in den See zu springen, wurde übermächtig. Kurz entschlossen kehrte er um und schlug den gewohnten Waldpfad ein. Am See angekommen, hielt Alfonso inne und spähte mißtrauisch in das nächtliche Dunkel. Er fühlte sich beobachtet, und doch konnte er niemand entdecken. Der Wald schien zu schlafen, kein Laut war zu hören, sanft und friedlich lag der Mondschein auf Büschen und Bäumen. Alfonso zog sich aus und warf die Kleider auf einen Haufen, stieg ans Ufer und wollte soeben in das Wasser springen. Da plötzlich fühlte er Blicke auf seinem Rücken, als stände jemand hinter ihm. Alfonso drehte sich um - da stand eine wunderschöne weißgekleidete Frau, halb verborgen zwischen Schilf und Farn, und sah ihn an. Mit einem Sprung packte er sein Kleiderbündel, floh den Waldpfad zurück, und die Angst, eine weiße Hand auf seinen Schultern zu fühlen, jagte ihn voran.

Er lief und hielt nicht an, bis er die letzten Bäume hinter sich hatte, und wagte erst dann einen Blick zurück - im Dunkel des Waldes meinte er eine weißgekleidete Gestalt zu sehen, die ihm mit beiden Armen winkte.

Das war genug; der junge Mann rannte wie gehetzt die Straße entlang zur Stadt zurück.

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, ging Alfonso wieder in den Wald. Er wollte nachschauen, ob sich irgendwelche Spuren von Yara, der Wasserfrau, am Seeufer fänden. Er durchsuchte jeden Busch, sah hinter jeden Stein - der Platz war leer, bar jeden Geheimnisses. Grau schimmerte der See im ersten Tageslicht, und die Papageien schrien.

»Wahrscheinlich hab' ich den ganzen nächtlichen Spuk nur geträumt«, sagte sich Alfonso und ging in die Stadt zurück. Er konnte sich aber kaum auf seine Arbeit konzentrieren, und jeder, der ihm begegnete, fragte ihn erschrocken, ob er krank sei; denn sein Gesicht war totenbleich, seine Augen glänzten fiebrig. Ja, ich muß krank sein, dachte Alfonso. Es wäre gefährlich, heute nacht baden zu gehen, denn mein Kopf glüht vor Fieber. Und dennoch zählte er die Stunden und wartete sehnsüchtig auf den Abend.

Nach Feierabend ging er wie gewöhnlich zu dem efeubewachsenen Haus. Julia sah seine bleiche Stirn und seine Fieberaugen und wußte sogleich, daß ihrem Liebsten etwas Schreckliches zugestoßen war.

»Frag nicht, Julia, morgen abend werd' ich dir alles erzählen«, sagte er. »Mach dir keine Sorgen, ich hab' nur furchtbare Kopfschmerzen.«

An diesem Abend verließ Alfonso Julia früher, noch vor Anbruch der Nacht. Er ging nicht zur Stadt zurück, er lief den Pfad zum Waldsee entlang und hielt nicht an, bis er am Seeufer stand. Dort brach er sich einen starken Ast von einer Espe ab und sah sich wartend um. Er horchte, alle Nerven angespannt, in den nächtlichen Wald und fuhr bei dem leisesten Laut - beim Fallen eines Blattes, dem Schrei eines Nachtvogeis - zusammen. Nach und nach aber beruhigte er sich; er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baum und verharrte dort, halb träumend, halb wachend. Wie lange er so stand, wußte er nicht, in diesem Zustand können Minuten eine Ewigkeit sein und Stunden wie Augenblicke vergehen. Doch plötzlich schreckte Alfonso hoch; ihm war, als hätte jemand seinen Namen geflüstert.

»Wer ist da?« rief er und wurde hellwach. - »Ist da«, antwortete das Echo aus dem Wald. Alfonso starrte auf das schwarze Wasser zu seinen Füßen, seine Augen schmerzten, aber er konnte den Bück nicht abwenden, und nach einiger Zeit sah er einen Schimmer Licht aus dem Wasser steigen. Der Lichtschein wurde größer und heller, Alfonso begann am ganzen Leib zu zittern, er versuchte, den Kopf zu wenden, wegzuschauen - umsonst. Etwas, das stärker war als er, zwang ihn, unbeweglich in den schwarzen See zu schauen. Das Wasser teilte sich, die Wellen kräuselten sich sanft, und eine wunderschöne Frau erschien. Alfonso wollte davonlaufen, doch seine Füße waren wie festgewachsen. Die Frau lächelte ihm zu und streckte ihre Arme aus, Alfonso stand wie gelähmt, die schöne Wasserfrau glitt näher, Alfonso versuchte mit letzter Kraft, sich aus der Verzauberung zu lösen, die Frau aber schwamm lächelnd näher und näher. Sie hatte das Ufer fast erreicht, nur noch zwei Schritte trennten sie von dem jungen Mann; Alfonso umklammerte mit beiden Händen den Ast und war fest entschlossen, ihn als Schlagwaffe zu gebrauchen. Nun aber schien die Wasserfrau an der Reihe, sich zu fürchten, und sie zögerte einen Moment, während Alfonso vorwärts drang, den Ast immer noch hocherhoben in beiden Händen. In seiner Aufregung aber vergaß er den See, und erst als er mit beiden Füßen im kalten Wasser stand, hielt er unwillkürlich inne. Die Yara bemerkte sein Schwanken, sie wiegte sich sachte hin und her und begann zu singen. Ihr Gesang schwebte leise wie ein Windhauch um den See, drang näher, klang ferner und erfüllte den ganzen Wald. Alfonso fühlte, wie alle Kraft von ihm wich und seine Sinne vergingen. Er ließ den Ast fallen und hörte nicht einmal sein Aufklatschen im Wasser, seine Arme sanken willenlos herab, dabei aber berührte seine Hand Julias Muschel, die er immer bei sich trug. Trotz seiner Benommenheit fielen ihm Julias Worte ein, er griff in seine Tasche, nahm mit zitternden Fingern die Muschel hervor und konnte sie doch kaum mit seinen ohnmächtigen Händen halten. Yara sang nun betörender und süßer denn je, Alfonso aber preßte die Muschel an sein Ohr. Aus ihrem Innern drang Julias Stimme mit dem Lied, das sie für ihn hineingesungen hatte, und wenn Julias Gesang zuerst auch schwach und dumpf klang, die Töne schwollen an, wurden heller und lauter - bis der Nebel, der Alfonso umfangen hatte, sich lichtete. Er richtete sich auf und sah sich um, ihm war wie einem Schläfer, den der Traum in ein seltsames, fernes Land getragen hatte, der Traum verblaßte, sein Kopf war frei, seine Augen hellwach und klar. Der Mondschein lag auf dem dunklen Wasser, die Bäume warfen schwarze Schatten; es war sehr still, nur das Summen der Nachtfalter war zu hören.