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Ein Zwilling-Märchen:
Die schlaue Ileane
Es war einmal, was einmal
war, wäre es nicht gewesen, würde es nicht erzählt.Es war einmal ein Kaiser,
der hatte drei Töchter, von denen die älteste schön war, die mittlere
schöner, die jüngste, Ileane, aber so schön, daß sogar die heilige Sonne
stehen blieb, um sie zu sehen und sich an ihrer Schönheit zu erfreuen.
Eines Tages
erhielt der Kaiser Nachricht und Kunde von seinem Nachbarn, einem großen und
mächtigen Kaiser, daß es nicht mehr gut sei, daß er sich mit ihm schlagen
wollte wegen einer großen, kaiserlichen Fehde. Der Kaiser hielt Rat mit den
Alten des Landes, und als er sah, daß er nicht anders könne, befahl er den
Tapferen allen, das Streitroß zu besteigen, ihre Waffen zu ergreifen und
sich auf die furchtbare Schlacht vorzubereiten, die geschlagen werden
sollte. Ehe er selbst zu Pferd stieg, rief der Kaiser seine Töchter zu sich,
sagte ihnen eindringliche und väterliche Worte und gab dann einer jeden je
eine schöne Blume, ein munteres Vögelein und einen rotbackigen Apfel.
»Wem die
Blume welkt, wem das Vögelein traurig wird und wem der Apfel fault, von dem
werde ich wissen, daß er die Treue nicht bewahrt hat«, sprach der kluge
Kaiser, bestieg dann wieder das Pferd, wünschte ihnen »Gutes Wohlergehen«
und machte sich mit seinen Tapferen auf den schweren Weg.
Als die drei Söhne des
Nachbarkaisers die Kunde bekamen, daß der Kaiser sich auf den Weg gemacht
und von Hause aufgebrochen sei, verständigten sie sich untereinander und
bestiegen ihr Roß, um zu dem Schloß mit den drei Kaisertöchtern zu eilen,
die Töchter ihrer Treue abspenstig zu machen. Der älteste der Kaisersöhne,
mutig, heldenhaft und schön wie er war, ging voran, um zu sehen, wie es sei
und stehe, um Kunde zu bringen und Nachricht darüber zu geben.
Drei Tage und
drei Nächte stand der Held unter der Mauer, ohne daß sich eines der Mädchen
am Fenster gezeigt hätte. Im Morgengrauen des vierten Tages verlor er die
Geduld, faßte sich ein Herz und klopfte an das Fenster der ältesten
Kaisertochter.
»Was ist, - wer ist's? Und
was will er?« fragte das Mädchen, aus dem süßesten Schlaf geweckt.
»Ich bin's,
Schwesterlein«, sprach der Kaisersohn, »ich, der kaiserliche Held, der seit
drei Tagen in Liebe unter deinem Fenster steht.«
Die
Kaisertochter näherte sich nicht einmal dem Fenster, sondern sprach mit
verständiger Stimme:
»Kehre auf dem Weg heim,
auf dem du gekommen. Blumen mögen vor dir sprießen und Dornen hinter dir
zurückbleiben.«
Nach drei Tagen und drei
Nächten klopfte der Kaisersohn wieder an das Fenster des Mädchens. Diesmal
näherte sich die Kaisertochter dem Fenster und sprach mit sanfter Stimme:
»Ich habe dir
gesagt, daß du auf dem Wege heimkehren mögest, auf dem du gekommen bist:
Dornen mögen vor dir sprießen und Blumen hinter dir zurückbleiben.« Noch
einmal wartete der Kaisersohn drei Tage und drei Nächte unter dem Fenster
des Mädchens. Im Morgengrauen des zehnten Tages, also nachdem dreimal drei
Tage und dreimal drei Nächte vergangen waren, glättete er sich das Haar und
klopfte zum dritten Mal ans Fenster.
»Was ist? wer ist's? Und
was wünscht er?« fragte die Kaisertochter, diesmal etwas härter als die
anderen Male.
»Ich bin es,
Schwesterlein«, sprach der Kaisersohn. »Seit dreimal drei Tagen stehe ich
sehnsüchtig unter deinem Fenster: ich möchte dein Gesicht erblicken, dir in
die Augen schauen und sehen, wie die Worte von deinen Lippen fließen!«
Die
Kaisertochter öffnete das Fenster, sah ärgerlich den schönen Jüngling an und
sprach dann mit unhörbarer Stimme:
»Ich sähe dir schon ins
Gesicht, spräche schon ein Wort mit dir, aber gehe vorher zu meiner jüngeren
Schwester und komme dann erst zu mir.«
»Ich werde meinen jüngeren
Bruder senden«, sprach der Kaisersohn. "Gib mir aber einen Kuß, damit mir
der Heimweg leichter werde.«
Und er hatte
kaum ausgesprochen, als er sich auch schon einen Kuß von dem schönen Mädchen
stahl.
»Möge dir
kein zweiter zuteil werden«, sagte die Kaisertochter. »Kehre auf dem Weg
heim, auf dem du gekommen: Blumen mögen vor dir sprießen und Blumen hinter
dir zurückbleiben.«
Der Kaisersohn ging zu
seinen Brüdern, sagte ihnen wie und was, und der zweite machte sich auf den
Weg. Nachdem der jüngere Kaisersohn neunmal neun Tage und neunmal neun
Nächte unter dem Fenster des jüngeren Mädchens gestanden und zum neunten Mal
an ihr Fenster geklopft hatte, öffnete sie dasselbe und sprach zu ihm mit
liebevoller Stimme:
»Ich sähe
dich schon an und spräche schon ein Wort mit dir, gehe aber vorher zu meiner
jüngsten Schwester und komme dann erst zu mir.«
»Ich werde meinen jüngsten
Bruder senden«, sprach der Kaisersohn. »Gib mir aber einen Kuß; damit ich
schneller eilen kann.«
Und er hatte es kaum
gesagt, als er sich auch schon einen Kuß stahl.
»Möge dir
kein zweiter zuteil werden«, sagte auch diese Maid. »Kehre auf dem Weg heim,
auf dem du gekommen bist. Blumen mögen vor dir sprießen und Blumen hinter
dir zurückbleiben!«
Der Kaisersohn ging zu
seinen Brüdern, sagte ihnen das Wie und Was - und jetzt, zum dritten Mal,
macht sich ein Kaisersohn auf den Weg - der jüngste Kaisersohn. Als er an
das Schloß mit den drei Mädchen kam, stand Ileane am Fenster, und wie sie da
stand, sah sie ihn und sprach mit munterer Stimme:
»Du schöner Held mit dem
Kaisergesicht, wohin eilst du, daß du so feurig dein Pferd führst?«
Als der Kaisersohn Ileanes
Gesicht erblickte und Ileanes Worte hörte, blieb er still stehen, schaute
sie an und sagte dann mit mutiger Stimme:
»Ich eile zur
Sonne, um ihr einen Strahl zu stehlen, ihn der Schwester anzuvertrauen und
sie nach Hause zu bringen, wo sie meine Braut werden soll. Jetzt,
Schwesterlein, halte ich unterwegs an, um dich anzuschauen, in die Strahlen
deines Antlitzes zu blicken, dir ein Wort zu sagen und dir ein Wort zu
stehlen!«
Ileane antwortete ihm
verständig: "Wenn deine Art ist wie deine Rede, wenn deine Seele wie dein
Gesicht stolz und schön und mild und licht, riefe ich dich wohl ins Haus,
setzte dich an den Tisch zum Schmaus, würde dich speisen und tränken und dir
Küsse schenken!«
Der Kaisersohn sprang vom
Pferd, als er dieser Worte hörte, dann sagte er mit mutiger Stimme:
»Meine Art wird sein wie
die Rede mein, das Herz so licht wie's Angesicht; laß mich ein ins Haus,
setz' mich hin zum Schmaus, von früh bis Sternenschimmer soll es dich
gereuen nimmer.«
Kaum hatte er das Wort
ausgesprochen, da sprang er schon auf das Fensterbrett und durch das Fenster
ins Zimmer und im Zimmer an den Tisch und am Tisch gerade obenan nahm er
Platz, wo der Kaiser gesessen hatte, als er Bräutigam gewesen war.
»Warte, warte!« sprach
Ileane. »Laß mich erst sehen, ob Wort reden und die Frucht brechen und die
Liebe beginnen. Kannst du aus der Klette Rosen wachsen lassen?«
»Nein!« sagte
der Kaisersohn.»Dann ist die Distel deine Blume«; sagte die kluge Ileane.
"Kannst du die Fledermaus mit süßer Stimme singen lassen?«»Nein!« sagte der
Kaisersohn.»Dann ist dein Tag die Nacht!« sprach die kluge Ileane. »Kannst
du Äpfel wachsen lassen auf Wolfskraut!«
»Das kann
ich!« sagte der Kaisersohn.»Dann soll das dein Obst sein!« sagte die schöne
und schlaue Ileane. »Setz dich an den Tisch.«Der Kaisersohn nahm am Tisch
Platz. Ja, aber Ileane war die schlaue Ileane. Er hatte sich noch nicht
ordentlich gesetzt, als, sieh an, er auch mit dem Stuhl und allem in den
tiefen Keller fiel, in dem die Schätze des Kaisers versteckt waren.
Jetzt fing
Ileane zu schreien an: »Zu Hilfe!« und als alle Knechte angestürzt kamen, um
zu sehen, was und warum es geschehen war, sagte sie ihnen, daß sie ein
Geräusch gehört habe und fürchte, daß jemand in den Keller eingedrungen sei,
um des Kaisers Schätze zu stehlen. Die Knechte haben nicht viele Worte
gemacht, sondern augenblicklich die Eisentür aufgebrochen und sind in den
Keller gedrungen; da fanden sie dann den Kaisersohn und brachten ihn in
Schande zum Richterspruch.
Ileane sprach das Urteil.
»Zwölf
bestrafte Mädchen sollen ihn aus dem Land bringen, und wenn sie mit ihm bis
an die Grenze gekommen, soll ihm jede einen Kuß geben.«
So war es
befohlen, so geschah es auch. Als der Kaisersohn zu Hause bei seinen Brüdern
anlangte, erzählte er ihnen den ganzen Vorfall, und nachdem er ihnen alles
erzählt, zog ihnen ein großes Ärgernis ins Herz. Sie schickten also den
beiden älteren Kaisertöchtern Nachricht, daß sie es so einrichten sollten,
daß Ileane an den Hof der drei Kaisersöhne geschickt würde, damit sie sich
an ihr rächen könnten wegen des Schimpfs, den sie ihnen angetan hätte. Als
die älteste Tochter diese Nachricht von dem Kaisersohn bekam, stellte sie
sich krank, rief Ileane zu sich ans Bett und sagte ihr, daß sie nur gesund
werden könne, wenn Ileane ihr Essen von dem Herd der Kaisersöhne hole.
Ileane hätte ihren Schwestern alles zu Liebe getan, so nahm sie also das
Krüglein und machte sich auf den Weg zu dem Hof der drei Kaisersöhne, um zu
bitten, zu nehmen und zu bringen. Als sie an den Hof gelangte, stürzte
Ileane atemlos in die kaiserliche Küche und sprach zum Oberkoch:
»Um Gottes willen, hörst
du nicht, wie dich der Kaiser ruft? Mach und sieh zu, was los ist, warum und
aus welchem Grund!«
Der Koch nahm
seine Beine in die Hand und machte sich so schnell davon, wie auf
kaiserlichen Befehl. Ileane blieb allein in der Küche, füllte sich das
Krüglein mit Speisen, schüttete dann alle die kostbaren Speisen, die am
Feuer standen, auf die Erde, und machte, daß sie davon kam. Als die
Kaisersöhne auch von diesem Schimpf erfuhren, ärgerten sie sich noch mehr
als bisher, schickten den beiden Schwestern von neuem Kunde und bereiteten
sich wiederum auf ihre Rache vor. Kaum empfing die zweite Schwester die
Nachricht der Helden, als sie sich krank stellte, Ileane an ihr Bett rief
und ihr sagte, daß sie nur gesund werden könne, wenn sie von dem Wein koste,
der sich in dem Keller der Kaisersöhne befände. Ileane hätte für ihre
Schwester alles getan, so nahm sie das Krüglein und machte sich auf, um bald
wiederzukommen.
Als sie am
Hof anlangte, stürzte sie atemlos in den Keller und sprach zum
Oberkellermeister:
»Um Gottes
willen! hörst du nicht, wie der Kaiser dich ruft? Mach und sieh zu, was los
ist, wie und aus welchem Grund!« Der Kellermeister nahm seine Beine in die
Hand und entfernte sich so schnell, wie auf kaiserlichen Befehl. Ileane
füllte sich ihren Krug mit Wein, goß, was übrig blieb in den Keller und
eilte dann nach Hause.
Die
Kaisersöhne sandten zum dritten Male Kunde den zwei Kaisertöchtern, daß sie
Ileane schicken möchten, wie sie sie noch nie geschickt hätten. Die
Kaisertöchter stellten sich diesmal alle beide krank, riefen ihre Schwester
zu sich und sagten ihr, daß sie nur gesund werden könnten, wenn Ileane ihnen
zwei Äpfel von denen der Kaisersöhne brächte.
»Meine lieben Schwestern«,
sprach Ileane zu ihnen, »für euch gehe ich durch Wasser und durch Feuer,
wieviel lieber zu den kaiserlichen Helden.« Sie nahm darauf das Krüglein und
machte sich auf, um zu finden, zu nehmen, zu bringen und die lieben
Schwestern vom Tod zu erretten.
Als der
jüngste Kaisersohn erfahren hatte, daß Ileane zu ihm in den Garten kommen
würde, um die goldenen Äpfel zu stehlen, befahl er, daß, falls jemand im
Garten ein Wehklagen hören sollte, er sich nicht erdreisten dürfe
hinzugehen, sondern den, der da wehklagen würde, solle man in Frieden
wehklagen lassen. Darauf nahm er große Messer, Säbel und Speere und viele
andere Dinge, versteckte sie in der Erde unter dem Apfelbaum mit den
goldenen Äpfeln; versteckte sie so, daß nur die scharfen Spitzen aus der
Erde herausragten. Nachdem er damit fertig war, verbarg er sich im Gebüsch
und wartete auf Ileane. Ileane kam an das Gartentor, und als sie die großen
Löwen sah, die dort Wache hielten, warf sie jedem von ihnen ein Stück
Fleisch vor. Die Löwen fingen an, sich darum zu reißen, und Ileane ging zum
Apfelbaum, trat vorsichtig zwischen den Messern, Säbeln, Speeren und den
anderen Dingen hindurch und erklomm den Baum.
»Mög's dir
gut bekommen, Schwesterlein«, sagte jetzt der Kaisersohn. »Ich freue mich,
dich bei mir zu sehen.«
»Mein ist die Freude«,
entgegnete Ileane, »denn ich habe einen schönen und mutigen kaiserlichen
Helden zum Genossen. Komm, steig auf den Baum und hilf mir Äpfel zu pflücken
für meine lieben Schwestern, die todkrank sind und sie verlangt haben.«
Mehr wollte der Kaisersohn
nicht, er hatte die Absicht, Ileane vom Baum in die Messer zu ziehen.
»Du bist gut,
Ileane«, sprach er, »sei noch besser und reich' mir die Hand, um mir in den
Baum zu helfen!« »Bös' ist dein Gedanke«, dachte Ileane, »aber dir soll er
zum Unheil werden!« Sie gab ihm die Hand, zog ihn am Stamm bis in die Zweige
und ließ ihn dann zwischen die Messer, Säbel, Speere und andere solche Dinge
fallen, die zu ihrem Verderb bereitet waren.
»Da hast
du's«, sagte sie darauf, »damit du auch weißt, was du im Sinn hattest!«
Der Held mit der schwarzen
Seele begann zu rufen und zu wehklagen, aber niemand kam, um ihm zu helfen,
sondern man ließ ihn, nach seinem eigenen Befehl, in Frieden wehklagen, und
er mußte geduldig die schrecklichen Schmerzen ertragen.
Ileane nahm ihre Äpfel,
brachte sie nach Hause, gab sie ihren Schwestern, kehrte dann zum
kaiserlichen Hof zurück und sagte den Knechten, sie sollten hingehen und
ihren Herrn aus der großen Gefahr befreien.
Der
Kaisersohn, so schmählich verhöhnt, schickte zu der berühmtesten Hexe im
Land, damit sie zu ihm käme und ihm ein Heilmittel für seine Wunden gäbe.
Ileane war aber vorher zu der Hexe gegangen, hatte ihr viel Geld gegeben,
damit sie, Ileane, an ihrer Statt als Hexe hingehen dürfe. So kam also
Ileane als Hexe an den Kaiserhof. Sie befahl dann, daß man die Haut eines
Büffels nehme, sie drei Tage und drei Nächte in gesalzenes Essigsauer lege,
sie dann herausziehe und den verwundeten Jüngling in sie wickle. Die Wunden
brannten dem Kaisersohn darauf aber noch schlimmer und seine Schmerzen
wurden noch unerträglicher. Als er nun sah, daß es gar schlecht um ihn
stand, schickte er zu einem Priester, damit der ihm das Herz erleichtere,
ehe er stürbe, und das Abendmahl gäbe. Aber Ileane war auch nicht faul! Sie
ging zum Priester, gab ihm viel Geld und bewog ihn dazu, sie an seiner Statt
dorthin zu schicken. So gelangte Ileane als Priester an den Kaiserhof.
Als Ileane an das Bett des
Kaisersohnes trat, stand er an der Schwelle des Todes, es waren nur noch
drei Atemzüge in ihm.
»Mein Sohn«,
sprach die verpriesterte Ileane, »du hast mich zu dir gerufen, um mir deine
Sünden zu beichten. Denke also an die Stunde des Todes und sage mir alles,
was du auf dem Herzen hast. Bist du in Unfrieden mit jemandem? Ja oder
Nein?«
»Mit
niemandem«, sagte der Kaisersohn, »mit niemandem außer Ileane, der jüngsten
Tochter des Nachbarkaisers. Und sie hasse ich, mit Sehnsucht und Liebe«,
redete er weiter. »Wenn ich nicht sterben sollte, sondern gesund werden,
gehe ich um sie beim Kaiser werben, und wenn ich sie in der ersten Nacht
nicht umbringe, soll sie meine treue Frau nach dem Gesetz sein.«
Ileane hörte diese Worte,
sagte auch noch einiges, dann ging sie nach Hause. Hier verstand sie bald,
warum ihre Schwestern weinten und wehklagten, denn sie hatten vernommen, daß
der Kaiser von dem großen Kampf heimkehren sollte.
»Freude solltet ihr
haben«, sagte ihnen Ileane, »wenn ihr hört, daß unser guter Vater gesund und
heil nach Hause kommt.«
»Wir würden uns schon
freuen«, entgegneten die Schwestern, »wenn unsere Blume nicht verwelkt,
unser Apfel nicht verfault und unser Vögelchen nicht verstummt wäre; jetzt
aber geht's uns ach und weh!«
Als Ileane
solche Worte hörte, ging sie in ihr Zimmer, sah wie die Blume noch mit Tau
benetzt, wie das Vögelchen hungrig war und der Apfel nur zu sagen schien:
»so iß mich doch, Schwesterlein!«
Um also ihren
lieben Schwestern zu helfen, gab sie der einen die Blume, der anderen das
Vögelchen, für sich aber behielt sie nur den schönen Apfel. So erwarteten
sie die Ankunft des Kaisers, der so scharf im Befehlen war.
Der Kaiser,
kaum zu Hause angelangt, trat zu der ältesten Tochter und fragte sie nach
der Blume, dem Vögelchen und dem Apfel. Sie zeigte ihm nur die Blume, und
auch die war halb verwelkt. Der Kaiser sagte nichts, sondern ging zu seiner
zweiten Tochter. Diese zeigte ihm nur das Vögelchen; und auch das war halb
verkümmert. Der Kaiser sagte wiederum nichts, sondern ging wortlos zu seiner
jüngsten Tochter, der klugen Ileane.
Als der Kaiser den Apfel
auf Ileanes Schrank sah, hätte er ihn fast mit den Augen verspeist, so schön
war er. »Wo hast du die Blume hingesteckt, und was hast du mit dem Vögelchen
gemacht?« fragt er Ileane.
Ileane antwortete nichts,
sondern eilte zu ihren Schwestern und brachte eine frische Blume und ein
munteres Vögelchen mit.
»Mögest du gedeihen, mein
Töchterchen«, sagte der Kaiser, »,jetzt sehe ich, daß du mir die Treue
bewahrt hast!« Von Ileane ging der Kaiser wieder zu seiner zweiten Tochter
und darauf zu der ältesten.
Als er sie nach den drei
Sachen, die er ihnen anvertraut hatte, fragte, holten sie schnell Vogel,
Blume und Apfel von Ileane. Ja, aber der liebe Herrgott läßt keine Lügen
durchgehen: bei ihnen verwelkte die Blume, war der Vogel traurig, und nur
der Apfel blieb frisch, rotbackig und zum Einbeißen.
Als der Kaiser dies sah,
verstand er alles: er befahl darum, daß man die beiden älteren Mädchen bis
an die Brust in die Erde eingrübe und sie so ließe, damit sie von der Härte
einer kaiserlichen Strafe Kunde gäben. Ileane aber lobte er, küßte sie und
führte mit ihr gute, kaiserliche Rede und sagte ihr: »Mögest du viel Glück
haben, meine Tochter, denn du hast deine Pflichttreue erfüllt.«
Nachdem der
jüngste Sohn des Nachbarkaisers genesen war, bestieg er sein Pferd und
machte sich auf, Ileane zur Frau zu begehren. Der alte Kaiser, Ileanes
Vater, sagte ihm in väterlicher Rede, nachdem er ihm kundgetan, mit welcher
Absicht er gekommen sei:
»Mein Sohn und Held, geh
und frage Ileane; was sie will, soll mit Gottes Hilfe geschehen.«
Ileane aber sagte kein
Wort, sondern ließ es geschehen, daß der angeführte Held sie küßte. Da
verstand der Kaiser die ganze Sache und sprach: »Meine lieben Kinder, ich
merke, daß es so hat sein sollen, daß ihr Mann und Frau würdet; möge es also
zu eurem Besten sein!«
Viel Zeit
verging nicht, bis Ileane sich mit dem mutigen, schönen, heldenhaften und
kaiserlichen Jüngling vermählte, und man richtete ihnen eine Hochzeit her,
von der die Kunde durch sieben Länder ging. Aber Ileane hatte nicht
vergessen, was der Kaisersohn Böses im Sinn trug; sie wußte, daß er für die
erste Nacht nach der Vermählung etwas gegen sie im Schilde führte. Drum
befahl sie, daß man ihr eine Puppe aus Zucker anfertige, gerade so groß wie
sie selbst war, mit Gesicht, Augen, Lippen und der ganzen Gestalt Ileanes.
Als aber die Puppe fertig war, versteckte sie dieselbe im Bett, in dem sie
in jener Nacht schlafen sollte. Am Abend, als die Verwandten und Freunde
sich zur Ruhe gelegt und auch Ileane schlafen gegangen war, sprach der
Kaisersohn also zu seiner Braut: »Liebe Ileane, warte noch ein Weilchen, ich
komme gleich.« Darauf ging er aus dem Zimmer.
Ileane besann sich nicht
lange, sprang aus dem Bett, ließ die Zuckerpuppe an ihrer Statt und
versteckte sich hinter einem Vorhang am Kopfende des Bettes.
Ileane hatte sich kaum
ordentlich versteckt, als der Kaisersohn wieder ins Zimmer kam mit einem
spitzen Säbel in der Hand.
»Sage mir jetzt, du meine
liebe Ileane«, sprach er, »hast du mich in den Keller geworfen?«
»Ja«, sagte
Ileane hinter dem Vorhang. Der Kaisersohn hieb einmal mit dem Säbel über die
Brust der Puppe.
»Du hast mich mit Spott
und Hohn aus dem Land gejagt? « fragte er zum zweiten Mal.
»Ja«, sagte Ileane.
Der
Kaisersohn hieb mit dem Säbel über ihr Gesicht. »Du hast mir die Speisen
verschüttet?« fragte der Kaisersohn zum dritten Mal.
»Ja«, sagte Ileane.
Der Kaisersohn hieb mit
dem Säbel von oben bis unten. »Du hast mir den Wein ausgegossen?« fragte der
Kaisersohn zum vierten Mal.
»Ja«, sagte Ileane.
Der Kaisersohn hieb mit
dem Säbel einmal kreuz und quer. Ileane aber begann wie im Todeskampf schwer
zu atmen.
»Du hast mich in die
Messer geworfen?« fragte der Kaisersohn zum fünften und letzten Mal.
»Ja«, sagte Ileane.
Der
Kaisersohn stach nun seinen Säbel in Ileanes Herz, hieb nach allen Seiten
kreuz und quer, aus allen Kräften, die er hatte, so daß ihm die Tränen wie
Bäche herabrannen. Als die Morgenröte herannahte, begann er von ganzem
Herzen zu weinen. Auf einmal sprang ihm ein Stück Zucker in den Mund.
»Ach, Ileane! süß warst du
im Leben, aber süß bist du auch im Tod«, sagte er und weinte noch heftiger.
»Wahrhaftig süß«, sagte
Ileane, hinter dem Vorhang hervortretend, »aber hundert und tausend Mal
süßer werde ich von jetzt ab sein.«
Der Kaisersohn war wie
erstarrt vor Freude, als er Ileane heil und gesund sah; er nahm sie in seine
Arme, und von jetzt ab lebten sie viele Jahre glücklich und beherrschten das
Land in Friede und Freude.
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