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Ein Zwilling-Märchen:
Der Schmetterlingsmann
Es war Frühling am Fluß,
und die Tolowim-Frau war ruhelos und einsam. Der Tolowim-Mann war den Fluß
hinuntergezogen, um Lachse zu stechen. Sie wußte, wenn er zurückkam, würde
er zu den anderen Männern ins Schwitzhaus gehen. Dies war die Zeit des
Reh-Tanzes im Frühjahr, die Zeit, zu der eine Frau unrein ist und ihr Mann
sie meidet, wenn er an diesem Tanz teilnimmt. Der Tolowim-Mann mußte sich
unbedingt rein halten, denn er gehörte zu den Tänzern, die die Rehe
verkörpern, und dies ist eine gefährliche Angelegenheit. Um diese Zeit
bleibt eine gute Frau daheim und sieht gewissenhaft darauf, daß kein Tabu
verletzt wird.
Die
Tolowim-Frau war eine gute Frau, aber sie wußte auch, daß im Frühling die
wilden Schwertlilien in den Bergen blühen. Die Tolowim-Frau konnte das
Geschwätz der Frauen nicht mehr hören. Frauenstimmen waren ihr plötzlich
verhaßt. Sie setzte ihren Korbhut auf, nahm das Wiegenbrett mit dem Baby auf
ihren Rücken und kroch durch die Vordertür aus der Hütte.
Draußen richtete sie sich
auf, blickte noch einmal den Fluß hinab, wandte sich dann um und lief hinauf
in die Berge. Die Sonne war hell und heiß. Nachdem sie ein Stück des Weges
bergauf gegangen war, kam sie außer Atem. Sie streifte das Wiegenbrett ab,
stellte es in den Schatten eines Manzanita-Busches und setzte sich auf den
Boden, um sich auszuruhen.
Wie sie dort saß,
flatterte ein Schmetterling herbei. Er strich dem Baby über den Arm. Das
Kind lachte und versuchte, ihn zu erhaschen.
Der
Schmetterling strich der Tolowim-Frau über die Wange. Auch sie lachte und
versuchte, ihn zu fangen. Der Schmetterling ließ sich einen Augenblick auf
einem Zweig des Manzanita-Busches nieder. Die Tolowim-Frau lachte wieder.
Sie beugte sich vor, um den Falter mit ihrem Hut zu bedecken. Aber er flog
zum nächsten Busch. Sie stand auf und lief ihm nach.
Sie wünschte sich diesen
Schmetterling. Er war groß mit starken Flügeln und sehr schön. Die Schwingen
waren mit Bändern gezeichnet, die hatten das Schwarz von Muschelschalen, und
die Streifen glänzten scharlachrot wie die Federn auf dem Schopf eines
Spechtes.
Sie wünschte sich, diesen
Schmetterling zu besitzen. Er war immer ganz nahe vor ihr, und immer schien
es, daß sie ihn beim nächsten Schritt fangen werde, aber immer wieder
huschte er fort und entkam.
Sein Flug war nicht vom
Zufall bestimmt. Er lockte sie immer weiter vom Fluß fort und immer weiter
hinauf in die Berge.
Die
Tolowim-Frau sah sich um. Ihr Kind schlief friedlich im Schatten des
Manzanita-Busches. Der Schmetterling würde bald ermüden. Sie wollte ihm noch
über den nächsten Hügel folgen und dann zu dem Kind zurückkehren.
Aber der
Schmetterling ermüdete nicht, und ihr gelang es nicht, ihn zu fangen. Immer
stärker wurde das Verlangen der Tolowim-Frau, ihn zu besitzen, und den
ganzen Nachmittag lockte er sie weiter und weiter. Ihr Lederhemd war
schmutzig und zerfetzt von den Dornen der Büsche. Sie hatte ihren Hut
verloren, und sie war nicht stehen geblieben, um ihn aufzuheben. Die
Muschelkette um ihren Hals war zerrissen. Endlich ging die Sonne unter, und
weit landeinwärts in den Bergen, die sie nicht kannte, sank die Tolowim-Frau
erschöpft zu Boden. Der Schmetterling machte sofort kehrt und flog zu ihr
hin. Er ließ sich neben ihr nieder. In der Abenddämmerung sah sie, wie er
sich in einen schlanken, schönen Mann verwandelte, nackt, nur mit einem
Gürtel aus Schmetterlingen um seine Hüfte, mit langem Haar, das von einem
schwarz-roten Stirnband gehalten wurde.
Die Nacht verbrachten sie
zusammen.
Am Morgen fragte der
Schmetterlingsmann sie: »Willst du mit mir gehen?«
Sie antwortete: »Ja, ich
will.«
Dann sagte er zu ihr: »Das
ist gut. Wir müssen noch einen Tag reisen, dann sind wir in meinem Land, und
dort werden wir glücklich leben. Aber es ist eine lange und gefährliche
Reise, meine Geliebte. Wir müssen das Tal der Schmetterlinge durchqueren,
und sie werden versuchen, mich dir zu entreißen. Du mußt genau das tun, was
ich dir sage, dann werden wir der Gefahr entgehen.«
Das versprach sie, und er
sagte: »Bleibe dicht hinter mir. Tritt dorthin, wohin ich getreten bin.
Halte dich mit beiden Händen an meinem Gürtel fest. Laß nicht einen
Augenblick los. Und sieh keinen Schmetterling an, ehe wir nicht das Tal
hinter uns gelassen haben. Gehorche mir nur dieses eine Mal, und du wirst
für immer sicher sein. Und denke daran, ich verliere die Kraft, die dich
schützt, wenn deine Hände nicht auf meinem Gürtel liegen.«
Sie brachen auf. Der
Schmetterlingsmann ging voran, die Tolowim-Frau folgte. Sie faßte den Gürtel
fest mit beiden Händen und sah zu Boden. So kamen sie in das Tal der
Schmetterlinge und gingen eine Zeitlang im Tal dahin. Der Boden war hart,
aber der Schmetterlingsmann lief mit schnellen, sicheren Schritten.
Schmetterlinge saßen auf den Felsen, über die sie klettern mußten.
Schmetterlinge schlugen gegen ihre Beine, setzten sich ihnen ins Haar und
flatterten vor ihren Gesichtern. Das ganze Tal schien voller Schmetterlinge.
Lange Zeit dachte die Tolowim-Frau daran, was der Schmetterlingsmann ihr
gesagt hatte. Sie hielt ihre Hände auf seinem Gürtel und blickte zu Boden.
Aber dann tanzte plötzlich ein Schmetterling, schwärzer noch als der
Schmetterlingsmann und strahlend wie eine Krone, vor ihr. Er tänzelte um
ihre Brüste, vor ihren niedergeschlagenen Augen und ließ sich für
Augenblicke auf ihren Lippen nieder. Dann flog er langsam fort. Sie stöhnte
vor Erregung. Ihre Augen verfolgten seinen Flug, und sie nahm eine Hand vom
Gürtel und griff gierig nach ihm.
Er war plötzlich fort.
Aber sogleich tanzten
Hunderte, Tausende anderer Schmetterlinge vor ihr, sie schlugen gegen ihre
Augen, ihre Wangen und ihren Mund. Sie waren schwarz und rein weiß,
blaß-golden, sumpfgrün oder purpurrot.
Sie wollte sie alle, und
sie ließ den Gürtel des Schmetterlingsmannes los und griff nach ihnen mit
beiden Händen. Nicht einen konnte sie erhaschen.
Der
Schmetterlingsmann blieb weder stehen noch sah er sich um. Und während sie
einmal diesem, einmal jenem Schmetterling nachjagte, stolperte, hinfiel und
sich wieder aufraffte und doch nie eines der Tiere fing, entfernte sich ihr
Geliebter mehr und mehr, sie aber achtete nicht darauf. Wie im Wahn jagte
sie immer wieder von neuem den Schmetterlingen nach.
Ihre Zöpfe
gingen auf. Ihr Rock verfing sich an einem Busch und zerriß. Sie warf ihn
fort. Ihre Mokassins gingen in Fetzen. Nackt, mit aufgelösten Haaren, von
den Felsen am ganzen Körper zerschunden, setzte sie ihre Jagd fort. Der
Schmetterlingsmann war verschwunden. Er hatte das Tal durchquert und sein
Land erreicht.
Die Tolowim-Frau folgte
einem Schmetterling und verlor ihn aus den Augen. Sie jagte einem anderen
nach und verlor auch ihn. So ging es immer weiter, und immer unsicherer
wurden ihre Schritte. Dann blieb ihr Herz stehen. Das war das Ende der
Tolowim-Frau.
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