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Claus Riemann über das Tierkreiszeichen Schütze:
Wenn die
Sonne sich aus dem Zeichen Skorpion verabschiedet, dann tritt sie in das
letzte Herbstzeichen Schütze. In diesem Monat geht es hin zum dunkelsten
Punkt des Jahres – zur Wintersonnwende. Dieser Tag der Wintersonnwende, der
den Eintritt der Sonne in das Zeichen Steinbock markiert, ist auf der einen
Seite derjenige, an dem die Nacht ihre stärkste Kraft hat – sie ist die
längste Nacht - aber gleichzeitig ist es auch die Geburt des neuen Lichtes,
das jetzt mit dem Eintritt der Sonne ins Zeichen Steinbock ganz allmählich
wieder stärker wird – aufwärts klettert, wie der Steinbock im Gebirge,
könnte man sagen.
Es gehört
insofern zur Schütze-Stimmung diese hoffnungsfrohe Erwartung des neuen
Lichtes. Schütze ist wie Widder und Löwe eines der drei Feuerzeichen, und
wenn Widder als jüngstes Feuerzeichen das Urfeuer symbolisiert hat – auch
den jugendlichen Helden, die jugendliche Amazone – dann wäre Löwe
vergleichsweise ein älteres Feuerzeichen, das so ungefähr in der Jahresmitte
angesiedelt ist, und da würde eher das Bild des Königs oder der Königin
hingehören. Während Schütze als ältestes Feuerzeichen etwas zu tun hat mit
dem Leitmotiv des Weisen, genauer gesagt des Priesters und der Priesterin.
Da geht es um einen Aspekt des Feuers, das nicht mehr so primitiv, wild, wie
das der Widder-Energie ist, sondern es geht um den Aspekt des Feuers, der
auch zu tun hat mit dem göttlichen Funken, mit dem religiösen, rituellen
Aspekt des Feuers. Feuer spielt ja in sehr vielen Ritualen eine große Rolle.
Das Feuer, das aufsteigt zum Himmel, das Feuer das den Weg weisen kann – wie
zum Beispiel auch das Licht im Leuchtturm, das den verirrten Schiffen den
Weg weist. Der Feuersturm in der Pfingstgeschichte hat Schütze-Qualität, von
der Symbolik her. Auch das olympische Feuer. Das sind alles Bilder, die ich
aus meinen Gruppen bei Schütze-betonten Menschen erfahren habe.
Imaginationen über Feuer, da kommen solche Bilder.
Es gibt eine
Darstellung des Schütze-Prinzips, die für mein Gefühl die Thematik und auch
den Auftrag dieses Tierkreiszeichens sehr genau wiedergibt. Und zwar ist das
der Pferdemensch, der Kentaur – den gibt es vor allem in der Mythologie der
Griechen. Das ist ein Mensch mit einem Pferdeunterkörper. Der wichtigste
Kentaur der griechischen Mythologie war Chiron gewesen, und das war ein
großer Heiler und Lehrmeister. Fast alle großen griechischen Helden haben
auf ihrer Wanderschaft einmal bei Chiron gelernt – auch der Arzt Asklepios
war sein Schüler.
Dieser Chiron
wird vollständig mit drei Niveaus dargestellt, könnte man sagen. Und zwar
ist da der Pferdeleib, der Menschenoberkörper und als Bogenschütze hat er
noch Pfeil und Bogen in der Hand und dieser Pfeil ist nach oben gerichtet.
Dieser nach oben gerichtete Pfeil ist ja das Schütze-Symbol geblieben – das
ist von dem ganzen Kentauren übrig geblieben. Diese drei Niveaus, die hier
in einem Bild verdichtet sind könnte man übersetzen mit: Tier, Mensch, Gott.
Der Pferdeleib, das niederste Niveau in diesem Bild, das wäre ein Bild für
die Tiernatur des Menschen – die animalische Seite unseres Wesens. Der
Oberkörper, der menschlich ist, symbolisiert den Menschen, der sich erhoben
hat, der sich aufgerichtet hat, der sich seiner Menschenwürde bewusst
geworden ist, und der sich über diese primitive Tiernatur erhebt. Und der
Pfeil nach oben ist ein Bild für die göttliche Bestimmung des Menschen.
Nenne es den göttlichen Funken, nenne es den inneren Guru, nenne es den
inneren Christus oder Buddha, die innere weise Frau. Aber letztendlich ist
in diesem Kentaurenbild der Auftrag des Schütze-betonten Menschen
angedeutet, nämlich: Du kommst auf die Welt mit dem Grundmotiv: Ich bin zu
Höherem berufen. Ich bin verpflichtet zu wachsen, mich zu entwickeln, mich
über mich selbst hinaus zu entwickeln und mich zu beziehen auf ein großes,
göttliches Ideal. Eine Vorstellung von Vollkommenheit und Meisterschaft, wo
und wie immer auch ich das für mich finde und definiere. Ich brauche etwas
als Schütze-betonter Mensch, wohin ich den Pfeil richten kann. Im I-Ging zum
Beispiel - dem chinesischen Weisheitsbuch - taucht immer wieder der Satz
auf: Fördernd ist es zu haben wohin man gehe. Das heißt: auf der
Schütze-Ebene brauchst du ein großes Ziel, ein hohes Ideal, eine Vision,
etwas das deinem Leben Sinn verleiht, damit du das Leben als lebenswert
empfindest. Hermann Hesse zum Beispiel, der sehr Schütze-betont war, hat
gesagt: Es ist nicht wichtig woran ein Mensch glaubt, sondern dass er
überhaupt einen Glauben habe. Also dass du etwas hast wohin du gehen
möchtest.
Aus diesem
Kentaurenbild lassen sich die Potenziale und auch die Problematik des
Schütze-Prinzips wunderbar ableiten. Der indische Astrologe Krijananda hat
gesagt dass der gute oder reife Schütze eine Lebenshaltung hat, die durch
den Satz gekennzeichnet ist: Verehrung nach oben und Liebe nach unten. Also
Verehrung für das, wohin ich den Pfeil richte, das was für mich das große
Ideal, das Göttliche bedeutet, und Liebe nach unten, das heißt in Richtung
Pferdeleib, meiner niederen, vielleicht dunklen, unvollkommenen, auch
animalischen Seite. Beides gehört letztendlich zur Gesamtheit des Kentauren.
Und die
Problematik, die Krijananda formuliert hat – der unreife Schütze, wenn man
so will – der lebt auch Verehrung nach oben, irgend etwas ist hier immer auf
dem Podest, könnte man sagen. Auf der anderen Seite aber: Verachtung nach
unten. Dieses niedere Niveau, das primitive Niveau des Pferdeleibes zu
verachten, in sich selbst und in anderen. Sich dessen zu schämen wovon
Goethe, der alte Skorpion-betonte Weise gesagt hat: Es bleibt ein Erdenrest
zu tragen peinlich, und wär er von Asbest, er wär nicht reinlich.
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