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Claus Riemann über das Tierkreiszeichen Skorpion:
Skorpion hat
mit dem Aspekt der Vergänglichkeit, mit dem Todesaspekt des Lebens zu tun.
Im mittleren Herbstmonat, im Skorpion-Monat lassen die Bäume die Blätter los
und das sterben der äußeren Natur ist deutlich spürbar. Der Skorpion selber
ist ja ein sehr interessantes Tier. Natürlich denkt man zuerst an diesen
berühmten Stachel und das Gift. Aber: Der Stachel und das Gift haben
grundsätzlich zwei Aspekte, und zwar kann diese Energie dem Leben dienen und
ihm schaden. Der Stachel kann sich in der Hand des Arztes zum Beispiel in
die heilende Injektion verwandeln oder in den Bohrer des Zahnarztes, der
vielleicht nicht gerade angenehm ist, aber hilft. Oder es kann die Nadel des
Akupunkteurs sein, oder das Messer des Chirurgen, das er gebraucht um
notwendige Operationen durchzuführen. Das Messer kann also dem Leben dienen,
indem man Schnitte macht, die schmerzhaft sein können, aber dadurch neues
Leben wachsen lassen. Es kann auch das Messer des Wortes sein, das
verletzen, aber auch aufdecken kann, indem unangenehme Wahrheiten
ausgesprochen werden. Aber der Stachel kann natürlich auch die tödliche
Injektion bedeuten, es kann die Nadel sein, mit der du dir Heroin gibst zum
Beispiel. Und das Messer kann ja auch ein destruktives Instrument sein – in
der Hand eines Mörders. Das Gift kann heilen und kann töten. Interessant
ist, dass das griechische Wort Pharmakon gleichzeitig Gift und Heilmittel
bedeutet. Noch eine Anmerkung zum Skorpion, dem Tier. Offensichtlich ist der
Skorpion eines der wenigen Tiere, die sich manchmal selbst töten. Es gibt
die Geschichte dass ein Skorpion, der in einem Feuerkreis gefangen ist, sich
selbst sticht. Das heißt, wenn er sich in einer ausweglosen Lage, in einer
Ohnmachtsituation befindet. Eine andere Variante erzählt, dass ein Skorpion
sich selbst sticht, wenn er sein Opfer nicht bekommt. Und das –
vorweggenommen – ist ein ganz wichtiges Motiv für Skorpion-Beziehungen. Ob
diese Geschichten jetzt wahr sind oder nicht, gerade auf der Beziehungsebene
machen diese Bilder Sinn.
Als
körperliche Entsprechung der Skorpion-Symbolik haben wir das Becken, den
Unterleib, symbolisch gesehen die Unterwelt im Körper. Und in diesem
Unterleib wohnt natürlich das Menschentier. Sexualität, die Urvitalkraft des
Menschen. Bei den Indern gibt es dafür den Begriff der Kundalinischlange und
deren Sitz stellt man sich im Becken vor. Es gibt eine Meditation, die diese
Schlange wecken will, die sogenannte Kundalini-Meditation, deren Ziel ist,
dass die Lebensenergie, die dort unten wohnt wieder freier durch den Körper
fließen kann.
Diese
Unterwelt-Unterleib-Entsprechung führt zu einer weiteren Skorpion-Thematik,
dem Planeten-Gott, der hier sein Domizil hat – Pluto. Und Pluto, der
griechische Hades, war der Gott der Unterwelt. Er war der dunkle Bruder des
Zeus, und Zeus, Hades und Poseidon haben sich seinerzeit, nachdem der dunkle
Vater Chronos besiegt war, die Weltherrschaft aufgeteilt: Zeus wurde Chef
auf dem Olymp, Hades Chef der Unterwelt und Poseidon hat die Welt der Meere
bekommen. Interessant ist – und ich finde das sehr weise – dass bei den
Griechen Zeus und Hades gleichwertig waren. Das heißt der Gott der oberen
Welt war ein Bruder des Unterweltgottes. Und da haben sich ja in unserem
Wertesystem, in unseren Gottesbildern in dieser Hinsicht die Dinge sehr
verschoben. Wir haben ja in unserer Kultur leider keine Unterweltsgottheit,
mit der wir einen Umgang finden können oder dürfen, sondern vereinfacht
gesagt: das was Pluto/Hades aussagt, die spezifische Weisheit dieser
Gottheit haben wir “verteufelt”. Und auch die weiblichen Unterweltsgöttinnen,
die plutonische, skorpionische Qualität haben – wie zum Beispiel Persephone
bei den Griechen oder Kali bei den Indern - diese weiblichen Göttinen mit
dem Unterweltsaspekt haben wir als Hexen auf den Scheiterhaufen gepackt.
Das ist ein
großes Drama, vor allem bei skorpionbetonten Menschen, die von der Anlage
her viel von diesen Unterweltsgottheiten in sich haben, die sind unheimlich
belastet durch diese jahrtausendalte Geschichte von der Abspaltung der
dunklen Gottheit, so dass der Umgang mit diesen Energien für sie leider
meist ein großes Problem darstellt.
Skorpion ist
wie Krebs und Fische eines der drei Wasserzeichen und das Wasserbild, das
ich in meinen Gruppen für Skorpion immer wieder stimmig gefunden habe ist
das tiefe, abgründige, stehende Gewässer – auch das Wasser, das einen Sog
nach unten hat. Wie zum Beispiel der Strudel, der dich verschlingen kann,
oder Sumpf- und Moorgewässer. Es ist immer eine Ambivalenz spürbar wenn
diese Bilder auftauchen, und zwar könnte man sagen: Angst und Lust. Ein
Anziehungs-Abstoßungs-Konflikt. Wenn dich etwas genauso magisch anzieht, wie
es dich zu Tode ängstigt, dann hast du mit skorpionischer Energie zu tun.
Das tiefe Wasser zum Beispiel, der tiefe, stille See, auf seinem Grund kann
ein Goldschatz liegen oder ein Ungeheuer. Wer weiß es? Aber du bekommst den
Goldschatz nur, wenn du riskierst auch dem Ungeheuer zu begegnen. Wenn die
Äste eines Baumes bis zum Himmel wachsen wollen, müssen seine Wurzeln bis
zur Hölle reichen.
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