
Skorpion
Im mittleren
Herbstmonat lassen die Bäume die Blätter los, die milde Waage-Zeit
verabschiedet sich, und das Sterben der äußeren Natur erreicht den
Höhepunkt. Der Jahresgott, der jedes Frühjahr geboren wird, stirbt jeweils
im Herbst. Die Lektion, die jetzt zu lernen ist, heißt: Leben mit dem
Bewusstsein der Vergänglichkeit; denn der Rhythmus von Werden und Vergehen
bestimmt den Lauf des Lebens - jeden Abend stirbt der Tag und wird morgens
aus dem Schoße der Nacht wieder geboren; jedes Einatmen ist eine kleine
Geburt, jedes Ausatmen ein kleiner Tod - "und solange Du das nicht hast,
dieses: Stirb und werde!, bist Du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."
sagt Goethe (Aszendent Skorpion).
Eine
Geschichte: Ein Mann wird von einem Tiger verfolgt. Auf seiner Flucht gerät
er an einen Abgrund, und es gibt kein Entkommen mehr. Er klammert sich an
einen Ast, der über den Abgrund hinauswächst, muss jedoch feststellen, dass
dieser morsch ist und zu brechen beginnt. In diesem Moment - den sicheren
Tod vor Augen - sieht er neben sich eine wunderschöne Erdbeere wachsen, und
er verspeist sie mit Genuss, während der Ast bricht.
Das ist
skorpionische Lebenskunst! Mit dem Bewusstsein zu leben, dass der Tod immer
seine Hand auf meiner Schulter hat, mag zunächst schrecklich sein, aber nur
aus dieser Erkenntnis kann wahre Lebendigkeit wachsen. Wenn ich weiß, dass
jeder Tag mein letzter sein kann, werde ich das Leben nicht auf übermorgen
verschieben oder auf die Zeit nach der Pensionierung oder auf den Zeitpunkt,
zu dem ich meine Doppelhaushälfte endlich abbezahlt habe; ich werde nicht
mehr sagen: ich würde schon gerne intensiver leben, aber ich kann ja nicht,
weil ... Ich werde JETZT total leben, von Moment zu Moment. Todesangst ist
Lebensangst; wenn ich in ständiger Angst vor dem Tod lebe, dann bin ich
schon tot. Im Vergleich zur Ewigkeit erscheinen Geburt und Tod eines
Individuums wie das An- und sofortige Wiederausknipsen eines Lichtes. Dem
Menschen erscheinen diese beiden Termine mit Gott als absoluter Anfang und
absolutes Ende. Aber was ist absolut? Auch wenn es gerade dunkel ist, ist
die Lichtquelle immer noch vorhanden und kann jederzeit wieder angemacht
werden. Gibt es also nur eine Geburt und nur einen Tod?
Die Sufis
sagen, "man muss sterben, bevor man stirbt", das heißt, das Leben beschert
dem Menschen eine Reihe von Geburts- und Todeserlebnissen. Das
Skorpion-Symbol ist, ebenso wie das Jungfrau-Symbol, aus der Ti-Rune
(Sterbe-Rune) entstanden. Der "gefürchtete" Stachel kann die heilende
Injektion genauso symbolisieren, wie die Nadel des Fixers. Gift kann heilen,
Gift kann töten. Das griechische Wort "Pharmakon" bedeutet gleichzeitig Gift
und Heilmittel. Skorpion will von uns, dass wir lernen, das Gift zu
gebrauchen; ob wir es benutzen, um zu töten oder, um die homöopathische
Dosis zu verabreichen, die einen lebenswichtigen Wandlungsprozess in Gang
setzt, das bleibt uns überlassen. Der Stachel des Skorpions kann sich in der
Hand des Chirurgen in das Messer verwandeln, das notwendige Operationen
vornimmt, oder in der Hand des Mörders zum Instrument der Gewalt werden.
Auch Worte können wie Messer sein. Als Skorpion muss ich lernen, mit dem
Messer umzugehen, sonst besteht die große Gefahr, dass ich unters Messer
komme. Auch die Zähne sind ein symbolisches Messer, und auch der Giftzahn
gehört hierher.
Eine
Skorpion-Frau, die nur brav und lieb sein wollte, die sich nicht gestattete,
zu beißen, litt immer wieder unter eitrigen Zähnen und musste mehrere
Operationen über sich ergehen lassen; ihr begegnete das Messer von außen,
ihre ungelebte Aggression wendete sich gegen sie selbst. Mehr als bei allen
anderen Tierkreiszeichen gilt hier die Regel: was ich nicht leben lasse,
lässt mich nicht leben. Ausgerechnet die Friedfertigsten unter uns werden
immer von den Hunden gebissen, und das ist in sich logisch und konsequent;
denn sie sprechen, ohne das bewusst zu wollen, dem Tier, dem inneren, wie
dem äußeren, seine Daseinsberechtigung ab. Leben heißt Töten, diese
Gewissheit wohnt in der Skorpionseele.
Goethe
sagt von sich: "es gibt kein Verbrechen, das ich nicht im Geiste schon
begangen habe". Und er spricht von "jener Kraft, die stets das Böse will und
stets das Gute schafft".
Der alte
Schamane Don Juan erzählt, dass er einst als junger Mann auf einer Farm
arbeitete, auf der ein brutaler, sadistischer Vorarbeiter ihm nach dem Leben
trachtete. Mit knapper Not entging er damals dem Tode. Anstatt sich über
diesen Gewaltmenschen zu beklagen, ist er diesem "kleinen Tyrannen" dankbar.
"Durch ihn war ich gezwungen, meine Fähigkeiten als Krieger zu entwickeln."
(Carlos Castaneda; Das Feuer von Innen). Es ist immer der leichtere Weg, die
anderen schuldig werden zu lassen, Sündenböcke zu produzieren, und selbst
eine reine Weste zu behalten, zum Pharisäer zu werden. Skorpion-Weisheit zu
integrieren, setzt allerdings die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten
des eigenen Wesens voraus - die Angst weist den rechten Weg.
Skorpionisch-plutonische Motive gibt es in Märchen und Mythen haufenweise.
Die Tabuverletzung, zum Beispiel das Öffnen der verbotenen Kammer, gehört
genauso hierher wie der Weg durch die Unterwelt, die "Nachtmeerfahrt" des
Helden, Verwandlungsmotive, der Tierbräutigam, der Zaubererwettstreit oder
die Begegnung mit der Hexe. Skorpion-Held(inn)en müssen sich im Lauf der
Reise wandeln, und diese "Initiation" hat immer auch den Aspekt der
Todesbegegnung. Im kurdischen Märchen "Rothaarig-Grünäugig" kommt der
Kaufmannssohn an eine Wegkreuzung, von der aus drei Wege weiterführen. Er
trifft dort auf einen alten Mann und fragt diesen, welcher Weg nach Damaskus
führe. Dieser antwortet:" Alle drei! Nur, auf dem ersten brauchst Du sechs
Monate, kommst aber sicher an. Der zweite dauert vier Monate, manche kommen
an, manche nicht. Der dritte dauert nur zwei Monate, aber von diesem ist
noch nie einer lebendig zurückgekommen." Natürlich muss der Held den dritten
Weg wählen. Er kommt tatsächlich mehrmals in Lebensgefahr; so verwandeln
sich zum Beispiel die Zöpfe seiner Geliebten nachts in giftige Schlangen,
aber er kommt am Ende als Gewandelter heraus. Jeder muss sich selbst die
Frage stellen, welchen Weg er bevorzugt; den lang(weilig)en Sechsmonateweg;
den Kompromissweg der vier Monate, ein wenig Risiko darf's schon sein, aber
bitteschön kalkulierbar; - oder ist man immer wieder bereit, den Weg ins
total Unbekannte zu gehen? Nichts anderes nämlich ist mit dem Weg in den Tod
gemeint, als sich einer Erfahrung auszusetzen, die dem Bewußtsein völlig neu
und unbekannt ist.
Hierher passt
auch das Bild des Strudels, das in Träumen und Imaginationen plutonischer
Menschen häufig auftaucht. Gerät man, im Flusse schwimmend, in einen
Strudel, so hat man unter Umständen keine andere Chance, als sich von ihm
verschlingen und bis zur tiefsten Stelle hinunter ziehen zu lassen, wo man
dann herausschwimmen und nach oben tauchen kann. Das Dumme ist nur, dass man
nicht weiß, wie tief der Fluss ist. Aber eines ist sicher: wenn man sich
verzweifelt gegen den Sog wehrt bis einen die Kräfte verlassen, dann kriegt
er einen am Ende doch; nur hat man dann vielleicht nicht mehr genug Luft und
Kraft, um den Tauchgang zu überstehen. Den Skorpion-Menschen wird das Leben
mit großer Wahrscheinlichkeit mit solch ausweglosen Situationen
konfrontieren. Wenn man dann loslässt, sich dem Lebensstrudel anvertraut, so
ist das eine existentielle Erfahrung, ein Termin mit Gott und dem Tod
gleichzeitig. Viele Skorpione versuchen, dieser tiefen Ohnmachtserfahrung
auszuweichen, solange es irgend geht; die Angst, vernichtet zu werden, ist
zu groß.
Das zeigt
auch der Orion-Mythos der Griechen. Orion ist ein großer Jäger, der in
seinem Allmachtsgefühl glaubt, alle Tiere der Erde erlegen zu können. Auf
einer Reise kehrt er im Hause eines Weinbauern ein. Statt sich für die
erfahrene Gastfreundschaft dankbar zu zeigen, vergewaltigt er die Frau des
Gastgebers. Der Hausherr sticht daraufhin dem schlafenden Orion die Augen
aus. Dieser bekommt nach langer Wanderung sein Augenlicht wieder, hat jedoch
wenig dazugelernt; denn er sinnt nur auf Rache. Aber die Götter verstecken
und beschützen den Weinbauern. Dann begegnet er Artemis (seiner Anima), und
sie wird seine Jagdgefährtin. Und: er vergewaltigt auch die Göttin. Diese
ist so empört, dass sie Orion einen riesigen Skorpion sendet, der ihn tötet.
Es heißt, dass erst in diesem Moment des Sterbens die große Wandlung Orions
stattfindet.
Dem Skorpion
gegenüber "empfindet der Jäger zum ersten Male jene Bewunderung, die ihn
schwach macht, und jenes Verzaubertsein, das ihn sich selbst vergessen
lässt. Die andere Seite seines Wesens, das nie Gewollte und Anerkannte,
gewinnt Macht über ihn." Im Sterben wird er zu dem, dem die Liebe der
Artemis gehört. Sie versetzt ihn als Sternbild an den Himmel, "wo man Orion
vor dem Skorpion fliehen sieht" wie Hesiod sagt. Als plutonischer Mensch
werde ich, wie Orion, solange wie möglich die Illusion aufrecht erhalten,
dass ich selbst es bin, der die Schicksalsfäden in der Hand hat, der die
Knöpfe drückt. Meine magischen Fähigkeiten, meine natürliche Suggestivkraft,
meine Manipulationsgabe, meine sexuelle Anziehungskraft, all das nährt das
Bild meiner machtvollen Unwiderstehlichkeit. Und doch weiß ich, dass ich
mich vor einer existentiellen Erfahrung drücke, die mich verwandeln kann,
wie Orion. Diese fundamentale Erfahrung der Ohnmacht meines Ego sehne ich
genauso herbei, wie ich sie herbeifürchte. Das Spiel des Lebens wird in dem
Moment interessant, wenn ich kein As mehr im Ärmel habe. Entweder ich werde
diese Erfahrung meiden wie der Teufel das Weihwasser und mich gemütlich als
graue Eminenz im Zentrum meines selbstgefertigten Spinnennetzes einrichten,
meine Macht über andere gleichzeitig genießend und verachtend - oder ich
werde, mit derselben Angst und Ehrfurcht, die seit jeher der Zauberlehrling
zum Zeitpunkt der Initiation verspürte, mich der wandelnden Kraft des Lebens
aussetzen.
Vielleicht
wartet auf mich eine gute Hexe oder ein weißer Magier in Gestalt eines
Heilers, eines Guru oder einer Priesterin, eines Therapeuten oder Schamanen,
weiblich oder männlich. Ich fürchte und sehne mich nach jemandem, der mein
Spiel durchschaut, der gegen meine Zaubertricks immun ist. Ich werde sie
oder ihn dafür lieben und hassen zugleich.
Der Mythos
von Demeter und ihrer Tochter Kore beschreibt einen weiblichen
Initiationsweg. Die unschuldige Kore wird vom Unterweltsgott Hades geraubt.
Zunächst ist sie voller Schrecken und Entsetzen; sie schreit, dass die Berge
davon widerhallen. Im Hades allerdings findet sie Gefallen an dem "dunklen
Mann", und sie isst den Granatapfelkern und vollzieht damit symbolisch die
Hochzeit. Ihre Mutter Demeter ist so verzweifelt über den Verlust der
Tochter, dass sie die Erde mit Unfruchtbarkeit schlägt, bis die Götter ein
Einsehen haben. Kore darf für zwei Drittel des Jahres zu ihrer Mutter
zurückkehren, das andere Drittel des Jahres muss sie mit ihrem Gatten in der
Unterwelt verbringen. Aber: sie kehrt als Persephone mit einem neuen Namen
in die Welt ihrer Mutter zurück. Das zeigt, dass sie durch ihren Aufenthalt
im Hades gewandelt wurde. Die Tochter ist gestorben, die Frau wurde geboren.
Diese
"Todeshochzeit" mit dem dunklen Mann ist eine existentielle Erfahrung auf
dem Weg der Frau. Im vertrauten Mütterreich, unter Ihresgleichen, zu
bleiben, ist sicher, aber nicht wandelnd. Sich der Begegnung mit dem
Männlichen als dem "Ganz Anderen" auszusetzen, ist ein echtes Stirb und
Werde. Bei den eleusinischen Mysterien wurde folgerichtig Persephone
gleichberechtigt mit ihrer Mutter Demeter als Fruchtbarkeitsgöttin verehrt,
sie ist nicht mehr "Tochter von ...". Der weibliche Selbstfindungsweg aus
skorpionisch-plutonischer Sicht verlangt die Auseinandersetzung mit dem
dunklen Mann ebenso wie mit der inneren dunklen Frau.
War im
Demeter-Kore-Mythos ersteres im Vordergrund, so ist das Märchen von
Wassilissa, der Weisen, ein Lehrstück für den Weg zur inneren Hexe.
Wassilissas Mutter holt auf ihrem Sterbebett eine Puppe unter ihrer
Bettdecke hervor, die genauso aussieht wie ihre Tochter, und hinterlässt sie
dieser. Nachdem der Vater später wieder geheiratet hat, lässt die
Stiefmutter im Haus das Feuer ausgehen und schickt Wassilissa in den Wald,
um bei der Baba Yaga Feuer zu holen; im Stillen hoffen sie und ihre beiden
Töchter, dass die alte Hexe das Kind töten würde. Wassilissa füttert jedoch
unterwegs ihre Puppe mit Brotkrumen, so wie ihr die Mutter das geheißen hat,
und die Puppe zeigt ihr nicht nur den Weg zur Hexe, sondern sagt ihr auch,
wie mit der Hexe umzugehen ist; vor allem jedoch hilft sie dem Mädchen bei
der Erfüllung der Aufgaben, die die Hexe von ihm verlangt. Wider Erwarten
kehrt Wassilissa mit dem verlangten Feuer, das in einem Totenkopf leuchtet
nach Hause zurück. Während Wassilissa schläft verbrennt der Feuerschädel die
Stiefmutter und ihre beiden Töchter, die bereits neue Pläne gegen die junge
Frau schmiedeten, zu Asche.
Clarissa
Pinkola Estés, die dieses Märchen in ihrem Buch "Die Wolfsfrau" bespricht
und deutet, bezeichnet die Intuition als eine der kostbarsten Gaben der
Wilden Frau. Die weibliche Intuition wird in dieser Geschichte durch die
Puppe dargestellt; sie ist ein Vermächtnis der guten Mutter. Um jedoch zur
eigenen Kraft zu finden, um zu einer starken Frau zu werden, muss irgendwann
im Leben der Frau die gute (innere) Mutter sterben und der Weg zur Baba Yaga
muß angetreten werden. Estés sagt von ihr "...egal, wie man sie nennt - die
Hexe, die Menschenfresserin, die Wilde Alte und was uns sonst noch an Namen
für die von der Kultur als schauderhaft empfundenen Aspekte der weiblichen
Psyche einfällt - , diese Aspekte sind genau das, was Frauen am dringendsten
wiederfinden und zum Vorschein bringen müssen". Schlange, Spinne und Wildsau
sind die dabei hilfreichen Tiere, gefürchtet und gleichzeitig verehrt. Die
plutonische Frau ist auch die Circe, die die Männer des Odysseus in Schweine
verwandelt, die die Fähigkeit besitzt, das Tier im Mann zu wecken. Da unsere
Wertvorstellungen vom Bild der Heiligen Jungfrau Maria geprägt sind und der
dunkle Aspekt des Weiblichen verachtet wird, treibt dieser als
kinderfressende Hexe im schützenden Dunkel des Unbewussten sein Unwesen.
Männlicher Geist scheint unser Geschick zu lenken, aber in Wirklichkeit
verschlingt die verachtete Göttin in Gestalt von Schule, Universität, Firma,
Familie, Kneipe, Straße, Verein, Politik, Kirche und Sekten die Kinder der
Gesellschaft noch bevor sie zum Mann oder zur Frau werden konnten. Erst wird
Hänsel gemästet und dann aufgefressen; und Gretel gehorcht und dient. Den
Initiationsweg des männlichen Helden zeigt das Märchen vom Eisenhans. Am
Anfang ist von einem Wald die Rede, in dem Jäger, die ihn betreten, spurlos
verschwinden. Daraufhin wird der Wald zum Sperrgebiet erklärt; er liegt
jahrelang wie tot, bis ein Jäger aus einem fremden Königreich mit seinem
Hund ihn betritt. Vor den Augen des Jägers erscheint eine Hand aus einem
Pfuhl, die den Hund in die Tiefe zieht. Daraufhin wird der Sumpf
trockengelegt, und man findet auf seinem Grund einen "Wilden Mann", am
ganzen Körper behaart, mehr Tier als Mensch. Dieser Eisenhans wird nun im
Hof des Königsschlosses in einem Käfig verwahrt, und es ist bei Lebensstrafe
verboten, ihn herauszulassen. Eines Tages spielt der kleine Königssohn mit
seiner goldenen Kugel, und diese rollt in den Käfig des wilden Mannes. Auf
seine Bitte, ihm die Kugel wiederzugeben, sagt der wilde Mann: "Nur, wenn Du
mich rauslässt!" Der Königssohn will das zunächst nicht tun, schließlich
haben es die Eltern verboten, aber am dritten Tag ist er dann doch dazu
bereit. Er weiß aber nicht, wo der Schlüssel ist. Der wilde Mann verrät es
ihm: "Er ist unter dem Kopfkissen Deiner Mutter!" Der Königssohn lässt den
wilden Mann frei und bekommt Todesangst; er hat das elterliche Gebot
übertreten. In seiner Verzweiflung bittet er den Eisenhans, ihn mitzunehmen.
Dieser setzt ihn auf seinen Rücken und trägt ihn davon. Unter der Obhut des
Eisenhans wächst dieser Knabe zum Mann heran, bekommt von ihm unter anderem
einen weißen, roten und einen schwarzen Hengst, um sich im Krieg zu
bewähren, und, als er am Ende seine Prinzessin heiratet, kommt Eisenhans zur
Hochzeit als das, was er wirklich ist: ein König, der in den wilden Mann
verzaubert war.
Robert Bly‘s
Buch über den Eisenhans ist eine Pflichtlektüre für Männer. Unter anderem
sagt Bly, dass den Männern in den westlichen Industriegesellschaften der
Vater fehlt. Diese Väter initiieren ihre Söhne nicht, weihen sie in die
Geheimnisse des Mannseins nicht ein, wie das in Naturvölkern Schamanen und
Dorfälteste getan haben und tun. Sie führten den pubertierenden Jüngling in
die Wälder oder weihten ihn in intimen Gesprächen in das Geheimnis des
Mannseins ein. Wir Männer wurden zumeist durch Mütter erzogen, während
unsere Väter durch Abwesenheit glänzten. Sie hatten schließlich Wichtigeres
zu tun, als sich um ihre Söhne zu kümmern: Geldverdienen, Karriere machen,
wie auch immer. Mütter oder Frauen können - mag ihre Absicht noch so gut
sein - Männern niemals beibringen, was es heißt, ein Mann zu sein. Umgekehrt
genauso: Nur Frauen können Frauen initiieren. Männer brauchen Männer, und
Frauen brauchen Frauen. Die Frauenbewegung ist genauso wichtig, wie die noch
etwas zaghafte Männerbewegung: sich im Kontakt mit Schwestern oder Brüdern
klar werden, was es heißt Frau zu sein, was es heißt Mann zu sein, um sich
dann wieder der Begegnung mit dem "Ganz Anderen" zu stellen.
Zurück zum
Eisenhans. Als der Königssohn auf dem Rücken des wilden Mannes sein
Elternhaus verlassen hat, trauern die Eltern um ihn und denken, er sei
gestorben. Dies kann auch symbolisch verstanden werden: Wenn ich mich selbst
finden will, mein einmaliges inneres Gesetz entdecken will, kann es nötig
sein, dass ich sterbe, und zwar sterbe als Sohn oder Tochter der Eltern.
Manche von uns müssen solche Ablösungsprozesse durchleben, während derer sie
zum verlorenen Sohn oder zur verlorenen Tochter werden. Vater und Mutter
sagen dann sehr richtig: "Du bist nicht mehr mein Sohn!" oder "meine Tochter
ist für mich gestorben!" So schmerzhaft es sein mag, diese Worte zu hören,
manchmal verlangt der Individuationsweg dieses Opfer. Andersherum gesehen
müssen Kinder manchmal einen symbolischen Vater- oder Muttermord begehen,
durch eine Phase von Hass, Anklage und Kampf gehen, um sich von der Rolle
des abhängigen Sohnes oder der braven Tochter zu lösen. Dieser "Elternmord"
muss die leiblichen Eltern nicht direkt betreffen, obwohl Heranwachsende in
Träumen und Phantasien ihn oft tatsächlich an ihren Eltern begehen; die
Erscheinungsformen sind vielfältig. Der Muttermord kann zum Beispiel der
Austritt aus der Mutter Kirche sein, vor allem, wenn die leibliche Mutter
streng gläubig ist oder war, oder die Tochter lässt sich mit Männern ein,
die für die Mutter völlig unakzeptabel sind, oder man verspielt den Segen
der Mutter, indem man privat oder beruflich die familiäre Mutterlinie
betreffend völlig aus der Art schlägt. Auch Auswandern, den mütterlichen
Boden zu verlassen, kann ein Muttermord sein. Für den Mann bekommt dieser
Muttermord den Aspekt des Drachenkampfes. Um zu einer echten Liebesbeziehung
zu einer Frau fähig zu sein, muss der Mutterdrachen getötet werden, damit
aus der Höhle des Drachen die Animafigur befreit werden kann. Nach Jung ist
es die größte psychische Heldentat des Mannes, das Bildnis der Frau aus dem
Bild der machtvoll-verschlingenden Mutter zu lösen. Solange der Mann es
nicht wagt, seiner Mutter den Schlüssel zum Käfig des wilden Mannes zu
stehlen, wird er kein gleichwertiger Partner für eine Frau sein können. Der
"gute Junge" muss sterben, damit der Mann geboren werden kann; auch wenn
Mami weint.
Der Vatermord
findet oft im Wertebereich statt. Der Sohn des Politikers, der in eine
andere Partei eintritt, die Tochter des Pfarrers, die mit der Terrorszene
sympathisiert oder die Kinder des Naturwissenschaftlers, die sich mit
Wasserpfeife und Joint dem Esoterikstudium widmen, wie auch der Sohn des
hochdekorierten Generals, der den Kriegsdienst verweigert - all das ist
Vatermord. Für die Tochter muß der Vater als der heimliche Geliebte sterben,
damit sie frei für die Beziehung zu einem Mann wird. Hier ist die
Rätselprinzessin zuhause, die den Freier vor unlösbar scheinende Probleme
stellt, da sie unbewusst dem Vater immer noch treu ist. Verena Kast
beschreibt in ihrer Deutung der "Verwünschten Prinzessin" solch eine Frau
und auch den Weg zu ihrer Erlösung.
Familiensystem und
Beziehungsmodell
In der
Skorpion-Familie gibt es keine Tabus. Eltern zeigen sich ihren Kindern
nackt, und das nicht nur körperlich: niemand braucht hier Masken. In
liebevoller Schonungslosigkeit zeigt sich jeder ganz, auch da wo's weh tut.
Dadurch entsteht Vertrauen; verlogene Ideale und falsche Heiligkeit bekommen
erst gar keine Macht. Kinder werden auf selbstverständliche Weise in die
Geheimnisse des Lebens eingeweiht; da ihnen der Blick ins Schlafzimmer der
Eltern nicht verwehrt wird, wachsen sie mit einem natürlichen Ja zu ihrem
Körper und zu ihrer Sexualität auf. Bekommt die Mutter ein Baby, so ist die
ganze Familie bei der Hausgeburt dabei; der im Sterben liegende Großvater
wird nicht ins Krankenhaus abgeschoben, sondern liebevoll auf seinem letzten
Weg begleitet. Die Spinne ist als nützliches und interessantes Tier geachtet
- fasziniert beobachten die Kinder, wie sie im Keller ihr Netz spinnt. Es
herrscht tiefe Achtung vor allem Lebendigen, was nicht ausschließt, dass man
das Schaf, das man aufgezogen hat, selbst schlachtet. Kinder werden
illusionslos, mit geschärftem Blick für die Kehrseite der "heilen Welt" und
kaum verführbar durch Wahlplakate und Waschmittelreklame, ins Leben
entlassen.
Die dunkle
Seite ist ein Familiensystem voller Verschwörungen und Machtspiele, in denen
jeder mit subtilen Tricks versucht, Kontrolle auszuüben. Argwöhnisch wittert
jeder das schwarze Schwein im anderen und lebt nach dem Motto: nur weil ich
nicht paranoid bin, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter mir
her sind. Gierig nach Hintergrundinformationen spioniert man im Intimleben
der anderen herum, gnadenlos werden die Mitmenschen seziert und
durchleuchtet. In jedem Schaf muss grundsätzlich der versteckte Wolf gesucht
werden, und siehe da, man findet ihn auch. Hier trifft man auf eine Familie
voller Psychologen, wachsam, intuitiv, misstrauisch und manipulativ. Hier
lernt man Angst statt Vertrauen, Angst vor der "bösen Welt". Man lernt, dass
hinter jeder Fassade eine Fratze lauert, und man wird diese Familie mit der
Haltung des Jägers verlassen, stets auf der Hut; niemals wird man sich in
die Karten blicken lassen, aber dem eigenen Röntgenblick hinter der dunklen
Sonnenbrille entgeht nichts. Macht man sich die Skorpion-Energie zum Freund,
so wird man lernen, Beziehungen reich und intensiv zu leben, wird den
Orgasmus als kleinen Tod kennenlernen und wird durch Begegnungen Einweihung
und Wandlung erfahren; man wird "schwierige" Beziehungen mit Schmerz und
Schatten mehr schätzen als Saubermannbeziehungen ohne Risiko.
Das Problem
ist hier, bei Mann und Frau, dass Macht zum Widersacher der Liebe werden
kann, dass eine Absorptionsnähe entsteht, die die Luft zum Atmen nimmt.
Dabei ist es egal, ob man sich als der Absorbierende oder der Absorbierte
empfindet. "Ich liebe Dich, solange Du mir gehörst, aber wenn Du einem/einer
anderen gehörst, dann könnte ich Dich umbringen" - diese seltsame Logik
findet sich hier. In der Tiefe weiß man, dass man den anderen loslassen
muss, wenn man ihn bekommen will, und gerade das macht die tiefste Angst und
bringt einen in Ohnmachts- und Eifersuchtshöllen. Um dieser Erfahrung zu
entgehen, ist einem jedes Mittel recht: Dramen, Inszenierungen und
Erpressung, sowie Mord- und Selbstmorddrohungen. Wenn der Partner das Spiel
durchschaut und daraus aussteigt, kann wahre Liebe beginnen: Liebe ohne
Manipulation, dafür aber mit Tiefe und Ehrlichkeit; Liebe, die aus einer
heilenden Ohnmachtserfahrung geboren wurde. Der Tod des Ego macht diese
Liebe möglich - aber Sterben tut so weh!
Anregungen für
Beratung und Therapie
Die
Körperentsprechung für Skorpion sind das Becken und die Sexualorgane. Dort,
in der "Unterwelt", wohnt das wilde Tier, die Urvitalkraft, dort kauert und
lauert die Kundalini-Schlange. Wir alle sind von dieser Energie mehr oder
weniger abgeschnitten. Alexander Lowen, Schüler von Wilhelm Reich und einer
der Väter der bioenergetischen Therapie, sagt von sich, er arbeite schon
seit mehr als fünfzig Jahren mithilfe der bioenergetischen Rolle täglich an
seinem Becken, und es sei immer noch verspannt. Der heutige Mensch
verbraucht und verschwendet einen großen Teil seiner Energie, um Energie
festzuhalten, um das Menschentier im Keller einzusperren und es unten zu
halten. Konsequenterweise fühlt er sich dann niedergedrückt, sprich
depressiv, gelähmt und ohne Energie. Anstatt leidenschaftlich zu leben,
begeht er "Verrat am Körper" (A. Lowen) und stirbt bei lebendigem Leibe.
Skorpion will uns lehren, den lebendigen Reichtum der Unterwelt zu achten,
anstatt zu verteufeln, ihn in unser Leben einzuladen, statt abzuspalten. Mit
einer Skorpion-Betonung im Horoskop geboren zu werden ist daher in unserer
Gesellschaft allein schon eine schwere Hypothek.
Es gibt kaum
ein Kind mit stark skorpionisch-plutonischen Motiven, das nicht gelernt hat,
sich als schwierig, problematisch, als kleiner Teufel oder kleine Hexe im
negativen Sinne zu empfinden. Aus Angst vor der eigenen Natur müssen diese
Menschen oft lernen, Kreide zu fressen; viele werden kurzsichtig, weil ihr
Röntgenblick für das Selbstbild der Eltern zu gefährlich ist. "Du sollst
nicht merken!" ist die Botschaft, die sie aus ihrer Umwelt erhalten. Mit
ihrer natürlichen sexuellen Neugier sind sie eine Herausforderung für die
Eltern; ihr forschender Blick ins elterliche Schlafzimmer ist für viele
Eltern eine Unverschämtheit im wörtlichen Sinne. Je mehr Scham und Prüderie
in der Familie sind, desto mehr Probleme bekommt dieses Kind; denn es
entwickelt schon früh einen aufspürenden Wissensdurst nach allem was
verboten ist oder geheimnisumwittert erscheint.
Der
Entwicklungsweg des Skorpion-Menschen führt durch die Unterwelt, durch das
Reich des Hades. Bei den Griechen waren Zeus und Hades Brüder, die sich die
Herrschaft über die Welt teilten. Im Christentum haben wir es geschafft, das
Reich des Hades zu verteufeln: Tod und Sexualität sind nicht
gesellschaftsfähig, wir haben sie in dunkle Ecken und Winkel abgeschoben.
Die Nacktheit des Lebens wollen wir weder sehen noch spüren; wir halten es
schon lieber mit dem Gegenpol Stier: wer wohlbetucht ist, wird auch
geachtet. Für den Skorpion kann es aber niemals darum gehen, das eigene
Prinzip aus dem Kosmos auszusperren; ihm stellt sich die Frage: wie finde
ich einen Umgang damit? Wenn man aber von Kind an schon lernt, dass der
eigene Körper minderwertig ist, dass Lust Sünde ist, dass die tiefsten und
bohrendsten Fragen vom Teufel eingegeben werden, wenn man dem Eigenen nur in
den dunklen Winkeln der Gesellschaft begegnet, dann wird das Zeichen
Skorpion dem Platze entsprechend, den man ihm zugewiesen hat, sein Gesicht
zeigen. Alkoholmissbrauch, Heroinsucht, der selbstverschuldete und
-erzwungene Tod in der Bahnhofstoilette oder auf dem U-Bahn-Gleis sprechen
eine deutliche Sprache. Aber auch in diversen Tschernobyls und in einer
Krankheit wie Aids meldet sich Haides (=Hades), der Unsichtbare, in unsere
Gesellschaft zurück. Und vielleicht müssen wir eben doch die Augen aufmachen
und hinschauen, sehen, was wir lange nicht sehen durften und wohl auch nicht
wollten! Die verlorenen Kinder dieser Gesellschaft retten wir weder durch
moralische Strenge noch durch mitfühlendes Wohlwollen. Das einzige was hier
hilft, ist der Mut, die eigene verlogene Maske abzulegen und der nackten
Wahrheit der menschlichen Existenz aufrichtig und liebevoll zu begegnen.
Sonne in Skorpion
Der
Skorpion-König ist ein mächtiger Zauberer. Er hat es nicht nötig, seine
Macht auf der Bühne der Welt zu demonstrieren - er ist die graue Eminenz.
Bei ihm laufen die Fäden zusammen, er weiß, was im hintersten Winkel seines
Reichs geschieht. Die Liebe seines Volkes zu ihm ist stets mit ein wenig
Furcht vermischt; es ist schwer, ihm direkt in die Augen zu schauen. Wer
wahrhaftig ist, braucht ihn nicht zu fürchten; Verlogenheit wittert er mit
dem untrüglichen Instinkt des Jägers. Er ist eingeweiht in die Geheimnisse
der unsichtbaren Welt; und da sein Weg auf den Thron ihn auch durch die
Nachtseite der Existenz führte, hat er die Angst vor dem Tod überwunden. Ihm
ist nichts Menschliches fremd, er hat alles gesehen, daher kann ihn nichts
mehr schrecken. Er kennt die tiefste Verzweiflung wie auch das höchste
Glück, und er weiß, dass man nur beides oder gar nichts bekommt. Er weiß,
was es heißt, ekstatisch zu leben; er kennt Leidenschaft und Versuchung; er
weiß um die Untrennbarkeit von Leben und Sterben.
Hast Du
Skorpion-Sonne, so wohnt dieser König in Dir, aber, um seine Weisheit zu
gewinnen, musst Du durch den Hades gehen. Wie das geschieht, steht nur
andeutungsweise in Deinem Horoskop. Exzessive Erfahrungen mit Drogen oder
Sex finden sich genauso häufig wie intensivste Selbsterfahrung in der
Therapie oder existentielle Wandlungen im Sinne eines
Saulus-Paulus-Erlebnisses. Der König ist tot, es lebe der König! - das ist
der Leitsatz. Dieser Stirb-und-Werde-Prozess betrifft die innere Realität
genauso wie die äußere. Innere Wandlungsprozesse sind oft begleitet oder
werden ausgelöst durch den Tod äußerer Vaterfiguren, sei es der leibliche
Vater, der Großvater, Vorgesetzte, Guru oder Therapeut. Es muss sich dabei
jedoch nicht um den physischen Tod handeln, es können auch Ablösungsprozesse
im Sinne von "Triffst Du Buddha unterwegs, dann töte ihn!" gemeint sein. Und
gerade mit Sonnenstand Skorpion hast Du eine Bereitschaft, Vaterfiguren viel
Macht zu geben und dadurch ihren Sturz unumgänglich zu machen. Der Wunsch an
den leiblichen Vater ist zunächst, dass er mit Dir in den Wald geht, Dir
alle Geheimnisse des Tierreichs erklärt, Dich als guter Zauberer in das
Wissen über Geburt, Tod und Sexualität einweiht. Du suchst eine tiefe,
intensive Gefühlsbeziehung zu ihm und lässt Dich nicht abspeisen mit
Halbwahrheiten oder moralischen Du-sollst-Botschaften. Dich interessieren
die dunklen Seiten Deines Vaters: Was hat er im Krieg gemacht? Welche Rolle
spielte er im Dritten Reich? Hatte oder hat er neben der Mutter noch andere
Frauenbeziehungen? Was geht in der Tiefe seines Wesens vor?
Als Tochter
mit Skorpionsonne eignest Du Dich für die Rolle der (heimlichen) Geliebten;
bei keinem anderen Sonnenstand ist Ödipus so sehr zuhause, ist inzestuöses
Klima in der Vater-Tochter-Beziehung so präsent. Wenn Du nicht aufpasst,
wirst Du die Rolle der Verführerin nie los; dann heiratest Du später Deinen
Vater, zum Beispiel in Form Deines Therapeuten. Ob Sohn oder Tochter, in der
Auseinandersetzung mit dem Vater spielt sehr oft Gewalt eine Rolle. Nicht
nur offene Gewalt oder Vergewaltigung sind dabei gemeint, sondern auch
subtile Formen von Missbrauch und Manipulation. Es besteht die Gefahr, dass
Du den inneren dunklen König auf äußere Väter projizierst, besonders wenn
der leibliche Vater wirklich dunkel oder gewalttätig ist. Frauen
dämonisieren Männer dann grundsätzlich und weisen jedem Mann den Blaubart
nach oder Vater Staat wird nur noch unter dem Aspekt des Schweinesystems
gesehen. Und: wenn ich den individuellen oder kollektiven Vater auf diese
Weise anspreche, dann wird das Echo entsprechend sein und ich werde genug
Bestätigung für meine Thesen finden.
Die Aufgabe
besteht darin, sich vor allem mit dem inneren dunklen Vater zu befassen und
das eigene Machtmotiv zu beleuchten, anstatt sich genüsslich-hasserfüllt in
der Rolle des Opfers einzurichten. Dann kann dieser König seinen Reichtum
offenbaren und auch sein helles Gesicht zeigen, den weißen Magier, den
Heiler, den guten Zauberer, der sich seiner Macht bewusst ist und sie
liebevoll gebraucht. Soll der Skorpion-König durch Dich leben, so musst Du
in mitleidloser Offenheit, Deinen Wunsch nach Macht und Deine Neigung zur
Manipulation Dir selbst und anderen eingestehen. "Führe mich nicht in
Versuchung" wird für Dich zur Heuchelei. Das Gebet Deines Herzens kann nur
lauten "führe mich in der Versuchung"; denn wenn Du Dich dieser dunklen
Energie in Dir nicht stellst, dann wirst Du Dich immer wieder in Intrigen
und Machtspielen anderer Menschen verstrickt finden. Es wird Zeit, dass Du
Deine Unschuld verlierst.
Eine oft
verschwiegene Darstellung zeigt Christus als Schlange am Kreuz. Damit soll
ausgesagt werden, dass man das Böse überwindet, indem man es annimmt, indem
man sich mit ihm identifiziert. Martin Luther (Skorpion-Sonne) sagte: "Wenn
Du sündigst, sündige kräftig!" Ein durchgedrungener Skorpion braucht da
draußen keine Sündenböcke mehr, muss nicht mehr zum Großinquisitor werden,
da er in sich den Mörder und die Mörderin, den Hurenbock und die Hure
kennengelernt hat. Er quatscht nicht nur von Transformation, sondern hat die
Verfinsterung des Lichts erlebt; er weiß: wollen die Äste eines Baumes in
den Himmel wachsen, müssen seine Wurzeln bis zur Hölle reichen. Aber so
wichtig es für Dich als Skorpion ist, sterben zu lernen, loslassen zu
lernen, zu wissen, dass Du hier auf der Erde nur Gast bist und, dass Du sie
genauso nackt verlassen wirst, wie Du sie betreten hast, so wichtig ist es
auch, das Naheliegende nicht zu übersehen: jetzt bist Du hier, und diese
Welt und dieses Leben sind ein Geschenk, sie sind wertvoll - in gewisser
Hinsicht sind sie das einzig Greifbare, das Einzige das Du jetzt wirklich in
Besitz nehmen kannst, woraus Du was machen kannst.
Sicher musst
Du gegen die irdische Hausmacht des Stierprinzips Deine Daseinsberechtigung
erkämpfen und verteidigen, aber gerade dieser Umstand macht Dich ja so
stark. Und erst die Liebe und das Bekenntnis zum Dasein, Dein Ja zum Leben,
zum Hier und Jetzt, machen Deinen Tod wertvoll. Und es ist wichtig, dass Du
dazu bereit wirst, mit Dir und der Welt Frieden zu schließen, und vor allem
mit Deinem Vater; denn, mögen Ablösungsprozesse auch noch so dramatisch
verlaufen, es ist wichtig, die alten Eltern heimzuholen, wie das auch im
Eisenhansmärchen geschieht: die Eltern erscheinen zur Hochzeit des
Königssohns. Ist man erst einmal als Sohn oder Tochter seiner Eltern
gestorben, kann eine neue Beziehung zu ihnen wiedergeboren werden:
gleichberechtigte Freundschaft. Und: so sehr wir uns als Kinder nach dem
Segen der Eltern gesehnt haben, so sehr sehnen sich Vater und Mutter auch
nach unserem Segen, nach Versöhnung. Robert Bly erzählt in seinem Buch von
einem Mann, der nach langen Jahren der Entfremdung seinen alten Vater
aufsucht und ihm sagt: "Ich wollte Dir nur mitteilen, dass ich nicht die
Meinung teile, die meine Mutter immer über Dich hatte". Daraufhin fängt der
alte Mann an zu weinen und sagt: "Jetzt kann ich sterben!"
Text von
Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
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