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Claus Riemann über das Tierkreiszeichen Stier:
Ich habe ja
schon anlässlich des ersten Tierkreiszeichens Widder darüber gesprochen,
dass man im Grunde nur die Stimmung der Natur im jeweiligen Monat einfühlen
muss, um ein Tierkreiszeichen zu verstehen. Bei Widder ging es um die Geburt
des neuen Jahres, Sieg des Lichten über die Finsternis. Die jungen Pflanzen
kämpfen sich ans Licht, an die Erdoberfläche. Im zweiten Frühlingsmonat, im
Stier-Monat, da geht es einmal darum, dass diese jungen, noch ganz
unsicheren Pflanzen ein Bedürfnis nach Wurzeln entwickeln, dass das
Bedürfnis nach Sicherheit, das man ja allgemein immer dem Stier-Prinzip
zuschreibt, verständlich wird durch die Bedrohtheit und Unsicherheit dieser
noch ganz jungen Pflanze. Deshalb das Bedürfnis, sich tief einzuwurzeln in
der Mutter Erde.
Dann ist
Stier vielleicht der Monat, in dem die Mutter Erde am ehesten ihren
Schlaraffenland-Aspekt zeigt, diese üppige, nährende, sinnliche Erdmutter,
die ist hier zu spüren. Hauptsächlich der Wonnemonat Mai gehört ja zu dieser
Zeit, in der die Sonne das Zeichen Stier durchläuft. Und das ist nun
wirklich eine Zeit, in der die Natur alles andere als geizig ist. Wenn man
vergleichsweise die Energie des Winterzeichens Steinbock dagegenhält, dann
ist Stier dagegen viel großzügiger und üppiger, wenn man die Natur in dieser
Zeit anschaut.
Insofern ist
auch das Motiv von Reichtum, das man so oft dem Stier zuordnet aus einer
ganz anderen Sichtweise zu verstehen. In vielen astrologischen Büchern wird
geschrieben, dass es bei Stier darum geht möglichst viel Geld anzusammeln.
Aber Reichtum hat letztlich hier zu tun mit der Üppigkeit der Mutter Erde,
mit diesem dionysischen Aspekt der Natur, der hier zu spüren ist. Die Frage
für den Stier-Geborenen ist, wie Reichtum für dich geht, was für dich
Reichtum überhaupt bedeutet – und da gibt es sicherlich noch andere
Möglichkeiten als das nur über Geld zu definieren. Auf der anderen Seite
steht der Verwurzelungsaspekt. Was gibt dir wirklich Sicherheit, was trägt
dich im Leben, wie geht es, deine persönliche Burg zu bauen? Und das kann
genauso gut eine geistige Burg sein, wie eine materielle. Und diese
Definition von Reichtum und Verwurzelung kann sich im Laufe des Lebens
wandeln, Denn gerade in der zweiten Lebenshälfte – hat C.G. Jung so schön
gesagt – wird der Tod geboren, und insofern ist der Sicherheitsgedanke, den
man dem Stier-Prinzip zuordnet, hier natürlich auch einem Wandlungsprozess
unterworfen. Da könnte man das Wort “todsicher” anfügen, und wenn man dieses
Wort – zusammengesetzt aus “Tod” und “sicher” – genauer anschaut, dann hat
man astrologisch die Achse Stier-Skorpion verstanden. Denn im Stier-Monat
verwurzeln sich die jungen Pflanzen, es geht um die Sicherheit der
tragenden, nährenden Erdmutter während in der Skorpion-Zeit die Bäume die
Blätter wieder loslassen und Vergänglichkeit in der Natur spürbar ist.
Ein
Stier-Gott in der Mythologie der Griechen ist Dionysos. Er war der Gott, der
aus dem Boden Milch, Wein und Honig fließen lassen konnte, der Gott des
exstatischen, sinnlichen Genusses. Er war so irdisch, dass er von Homer
nicht als Olympier bezeichnet wurde, das finde ich sehr sehr schön, weil die
Stier-Weisheit ganz einfach und erdnah ist, von der Anlage her absolut nicht
abgehoben oder in den geistigen Höhen des Olymps zuhause, sondern wie die
Weisheit des einfachen Bauern, des naturverbundenen Menschen. Und diese
Weisheit ist grundsätzlich nicht besser oder schlechter, nicht höher oder
niedriger zu bewerten als die Weisheit der anderen elf Tierkreiszeichen. Die
wahre Stier-Weisheit, die ist ganz einfach erdnah, die ist letztendlich auch
mit der sinnlichen Erfahrungswelt, auch mit der Welt des
Naturwissenschaftlers verbunden. Das ist etwas, was für alle Erdzeichen gilt
– Stier, Jungfrau, Steinbock – da geht es um die Welt, die wir be-greifen,
mit unseren fünf Sinnen wahr-nehmen können, und in erster Linie wird ein
echter Stier das glauben, was er sinnlich be-greifen kann.
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