Ausführliche Beschreibung des Stier-Prinzips
Text von Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
Die blühenden Bäume, die
saftigen Wiesen, der üppige Reichtum, den die Natur Ende April entfaltet,
das Leben das jetzt aus dem vollen schöpft, die Augenweide, der Genuss, die
Lust am Dasein, der Drang zur Befruchtung, dieses Paradies, alles erblüht in
sich, diese Genugtuung, wenn alles geschwängert ist, diese tragende,
lebenverheissende Gewissheit und deren Gegenteil, die Ungewissheit, was die
nächste Nacht bringen wird, hoffentlich keinen Frost, die Angst, dass alles
mit einem Mal vorbei sein kann - das ist Stier- Qualität.
Auch das Wissen, dass alles seine Zeit braucht, und dass jedes zu seiner
Zeit kommt und geht. Wichtig ist jetzt, dass die jungen Pflanzen sich
verwurzeln, dass sie Halt finden, den an ihnen zerrenden Kräften widerstehen
und überleben. Stier hat Zeit, Stier braucht Zeit und Geduld. Wenn Widder
der Kämpfer war, dann ist Stier der Dulder. Es ist das toleranteste der
Zeichen, aber nicht im Sinne von Weltoffenheit, was eher Wassermann wäre,
sondern im Sinne des 'tolerare', des Aushaltens und Ertragens. Stier ist
dasjenige Tierkreiszeichen "in dem sich die Eigenart des Weiblichen am
deutlichsten offenbart" sagt Oskar Adler, es ist das "mater-iellste"
Zeichen, hier ist die Energie am verdichtetsten, die Trägheit der Masse am
spürbarsten. Die alles gebärende, alles tragende und ertragende, die alles
ernährende Erdmutter selbst ist es, die in ihrer unendlichen Geduld
stillehaltend, scheinbar stillstehend zutiefst erfüllt ist von der Qualität
dieses Zeichens, seine Repräsentantin im Reigen der Planeten sein könnte.
Noch gilt Venus als solche, aber diese symbolisiert eher etwas Leichtes und
Lichtes, während zur Charakteristik des Stieres auch das Dunkle und das
Schwere gehört. Venus, die auch in Waage regiert, passt von ihrer ganzen Art
her viel mehr dorthin, als zum Stier. Bestandsaufnahme und
Besitzstandsklärung ist eine Stier-Angelegenheit, ebenso wie das Gedächtnis,
darum sei dies der Ort für ein kurzes Erinnern: in der klassischen
Astrologie herrschten sieben Planeten über zwölf Tierkreiszeichen. Die
zunehmende Erweiterung des menschlichen Bewusstseins ging einher mit einer
Ausweitung des astrologischen Welt- und Menschenbildes. Als der Mensch sich
seiner Individualität bewusst wurde und sich nicht mehr als unbedeutsamer
Teil des Volkes, als Schaf in der Herde des Herrn betrachtete, wurde Uranus
entdeckt; er ist seither für die Individuation des Einzelnen zuständig und
hat uns ein neues Verständnis des Zeichens Wassermann vermittelt. Die
Entdeckung von Neptun und Pluto fiel zeitlich zusammen mit der Entdeckung
des Unbewussten und hat das Verständnis der Zeichen Fisch und Skorpion
vertieft.
In der heutigen Zeit wird uns bewusst, welche Verbrechen wir an Mutter Erde
begehen. Diese Verbrechen sind zum Teil deshalb möglich, weil wir das
Prinzip Stier falsch bzw. einseitig leben. Es ist zu erwarten und zu hoffen,
dass unsere heutigen Probleme mit dem Thema Überleben zu einem neuen
Verständnis dieses Tierkreisabschnittes und damit einhergehend zu einer
Besserung der Situation führen. Gleichzeitig darf man vermuten, dass im
Verlaufe dieses Prozesses in Stier der/die rechtmäßige Herrscher/in
seinen/ihren Thron besteigen wird, was nicht nur zu einer neuen Ordnung im
Land der Astrologie, sondern synchron dazu auch zu einer Neugestaltung
unseres Weltverständnisses führen würde/wird. Doch wie und wo wäre dieser
Herrscherplanet einzuordnen und welcher sollte es sein? Gute alte Stier-Art
ist es, den eigenen Standpunkt als unumstößlich, als festen Bezugspunkt
vorauszusetzen. In der Astrologie ist dieser Bezugspunkt die Erde. Würde man
sie als Regent des Zeichens Stier erkennen, so bezöge man den Punkt von dem
aus bisher beobachtet worden ist, mit in die Beobachtung und damit in die
Beachtung ein.
Das Zentrum unseres Weltbildes ist die Sonne, das Symbol des Vaters. "Der
Vater und ich sind eins": diese Worte von Jesus sind voll übertragbar auf
die Astrologie: für den Vater und für das Ich gibt es im Horoskop ein Symbol
- die Sonne. Was ist mit der Mutter? Die Materialisten würden sagen: alles
was wir sind, ist aus Erdsubstanz gemacht, und sonst gibt es nichts. In
diesen Chor wollen wir nicht einstimmen, aber das, was wir von ihr haben,
ist genug, um mit Recht zu sagen: "die Mutter und ich sind eins".
Alle sind wir geprägt, durch unsere Eltern, durch ihre Werte und
Glaubenssätze, durch unsere Kultur, unsere Gesellschaft, unsere
Vergangenheit. Das Zeichen Stier erinnert uns an unsere Wurzeln, es macht
uns den Boden bewusst, auf dem wir stehen; wohin immer wir unsere Schritte
auch lenken wollen, dies ist der Boden der uns trägt, unser Boden, ein
göttliches Geschenk, darum bedeutet er uns alles. Es ist UNSER Boden, auf
dem wir stehen, der Boden UNSERER Tatsachen, hier beziehen wir UNSEREN
Standpunkt und wir könnten ihn nicht verlassen, selbst wenn wir wollten. Die
Anziehungskraft der Erdmutter, mittels derer sie ihre eigene Schwere an ihre
Kinder weitergibt, bewahrt diese und bindet sie zugleich - an die Mutter, an
die Materie, durch die Materie.
Andere mögen einen anderen Boden haben, das ist vielleicht interessant, aber
für uns nicht so bedeutsam. Aus der Stierperspektive ist das die Wahrheit -
der Teil der Wahrheit, den man durch diese Brille schauend herausfiltern
kann. Stier entfaltet seine größte Kraft im Widerstand. Hatten wir bei
Widder den Willen zur Geburt, ein klares Bekenntnis dazu, ein unbedingtes
'Ja', so begegnet uns nun ein unumstößliches 'Nein'. Galt es bei Widder
Neuland zu erobern, so wird dieses nun in Besitz genommen und verteidigt,
mit Zäunen und Mauern versehen, eine Trutzburg wird errichtet. Nun stellt
sich eine Frage: ist die Erde in unserem Sonnensystem die Trutzburg des in
die Welt gekommenen Lebens? Und eine weitere: würde die Erde, als Regent des
Zeichens Stier, im Horoskop eingezeichnet dann jeweils der Sonne im
Tierkreis genau gegenüber liegen, in exakter und dauerhafter Opposition den
Widerstand der Materie symbolisierend? Wären damit die zwei Pole
dargestellt, die zwischen sich das Spannungsfeld aufbauen, in dem alles
Lebendige entsteht - Yin und Yang? Somit würde die Bedeutung der Integration
des Gegenpols, wie sie bei der Besprechung des Zeichens Widder schon
postuliert worden ist, darin ihre Begründung finden. In anderen Worten:
Gegen alles, was uns im Lichte unseres Sonnenzeichens bewusst werden will
und soll, wirkt die Gegenkraft der Erdmutter, die in der Rolle des advocatus
diaboli sich um die eigene Achse drehend uns in der Nacht die andere Seite
der Wahrheit zeigt. Gemäß unserer Phantasie wohnt Gott im Himmel über uns
und der Teufel als Herrscher der Finsternis, als ewiger Widersacher und
Neinsager unter der Erde - laut Goethe als 'die Kraft, die stets das Böse
will und stets das Gute schafft'. Als Verneiner des Sonnenlichtes, das wie
immer nur eine Seite der Wahrheit beleuchtet, weist er den Weg aus dem
Paradies, zwingt er zur Auseinandersetzung und führt zur Erkenntnis und zur
Integration. Während die Sonne die Stier-Seite des Daseins ins Bewusstsein
ruft, ein Paradies hervorrufend, ein ewiges Leben, einen ewigen Frühling
kündend, dämmert aus dem Erdinnern das Wissen um die Botschaft des
Skorpions, um die Vergänglichkeit, um den Tod und um die Verstrickung in das
Spinnennetz der dunkelsten Triebe, die die Begleiter aller Lebenslust sind.
Aus diesem Grunde wurde dieser Jahresabschnitt vermutlich als einem Stier
vergleichbar angesehen; denn für die tragende, gebärende, nährende und
duldende Seite des Zeichens wäre die Bezeichnung 'Kuh' viel angebrachter.
Der Stier jedoch, Metmann vergleicht ihn einem "erzenen Dämon", kündet eine
triebgesteuerte todbringende Kraft. Eines sei noch angeführt zum Abschluss
dieses kleinen Exkurses: der Stier braucht den Körperkontakt, die Berührung;
das Naheliegende, das Konkrete ist für ihn der Schlüssel zur Erkenntnis; nur
das Greifbare ist ihm wirklich begreifbar. Die nahe Erde und die Erdnähe des
Stiers finden sich hier in einer engen gegenseitigen Umklammerung.
Zeichenherrscherin oder nicht, die Erde ist ein Stiersymbol par excellence.
Der Stiermensch, der diese Zeilen liest, sei ersucht, ihre vielen
Fragezeichen auszuhalten.
Andere Leser mögen die Umständlichkeit des Stiers verzeihen, aber bevor man
richtig anfangen kann, etwas zu sagen, was Hand und Fuß hat, muss erst
einmal der Boden dafür bereitet, d.h. das Grundsätzliche geklärt werden. Für
die Philosophie hat das einmal Immanuel Kant zum Beispiel in seiner 'Kritik
der reinen Vernunft' gemacht; er hatte die Sonne im Stier. In einer
Biographie über ihn findet sich folgender Abschnitt: "Um in seiner geistigen
Arbeit nicht gestört zu werden, liebte er es, seinen Lebenskreis so fest zu
bestimmen, dass nichts ihn irritieren konnte. Voraussetzung dafür aber war,
dass Menschen und Dinge um ihn herum stetig blieben; jede Veränderung löste
ein Missvergnügen bei ihm aus. Eine besondere Gewohnheit bestand darin, dass
er am Spätnachmittag bei der Lektüre, wenn langsam die Dämmerung
hereinbrach, aus seinem Fenster zu blicken pflegte, auf den Löbenichtschen
Kirchturm, ein Objekt, an das er sich so sehr gewöhnt hatte, dass sein Auge
auf ihm ausruhen konnte. Nichts verursachte ihm deshalb größeres Unbehagen,
als dass einige Pappeln seines Nachbarn Nicolovius, seines späteren
Verlegers, so hoch wuchsen, dass sie den Turm verdeckten, dessen Anblick ihm
ein ruhiges Nachdenken ermöglicht hatte. Wie gut, dass sein Nachbar so
willfährig war, seinem Wunsche nachzukommen. Die Pappeln wurden gekappt ..."
Diese Beschreibung eines Stier-Menschen könnte nicht nur einem
Astrologiebuch entstammen, sie weist auch auf den Punkt hin, an dem dieses
Prinzip in unserer Gesellschaft krank ist. Der Baum ist, wie die Erde, ein
Stiersymbol allerersten Ranges, mit seiner Standfestigkeit, seinem
Verwurzeltsein, seiner Langsamkeit im Werden und mit seiner Unbeweglichkeit:
hier stehe ich und kann nicht anders! Ein gewachsener Wert der seinen Platz
behauptet, ein Symbol des Überlebens. Einen Baum zu töten ist aus der
Stier-Perspektive ein symbolischer Selbstmord. Unsere Lebenseinstellung ist
eine typisch männliche: alles ist machbar - sie erinnert an die Naivität des
Königssohnes, der dachte er könnte alles, was er wollte. Stier würde sagen:
alles wächst und wird nach ewigen, unabänderlichen Gesetzen; lebe in
Einklang damit! Anscheinend konnte Kant die Botschaft der Natur, die tiefe
Weisheit des eigenen Sonnenzeichens nicht entschlüsseln: Nichts Lebendiges
in der Natur, aber auch in der Welt des Geistes, ist unveränderlich und
starr; alles beständig und bleibend Lebendige ist wie der Baum, der lange,
lange am selben Ort steht, scheinbar immer der Gleiche, immer der Alte und
doch wächst er langsam aber stetig vor sich hin; von Jahr zu Jahr wird das
Bündnis mit dem Leben verlängert, jedes Jahr ein neuer Ring. Die inneren
Ringe verlieren niemals ihre Bedeutung und ihre Gültigkeit, die äußern sind
nur möglich, weil vor ihnen die inneren waren und sind.
Das ist die Botschaft des Zeichens Stier: Nichts ändert sich jemals
wirklich. Und gilt das nicht für alle Bereiche, vor allem auch für die
menschliche Bewusstseins- und Geistesentwicklung? Hat jemals etwas, das
einmal wirklich wertvoll war, seinen Wert je verloren? Der erste Lichtstrahl
enthielt alles, was an Erleuchtung möglich ist. Die erste Erkenntnis
entstammte der Quelle, aus der alle Erkenntnis fließt und war wahr, wenn sie
auch aus heutiger Sicht in einem unzeitgemäßen Gewand erscheint. Stier ist
der Sammler und Bewahrer all dieser Schätze. Er baut das Haus des Lebens,
und damit es vollständig wird, ganz und rund, darf nichts verloren gehen.
Wie wir durch die Ärchäologie wissen ist in der Erde die Vergangenheit des
Menschseins, überhaupt die Vergangenheit alles Irdischen gespeichert; man
kann in ihr lesen wie in einem Geschichtsbuch - die Erde hat ein Gedächtnis.
Alles was auf diesem Planeten jemals war, ist in ihm verinnerlicht und kann
wieder ausgegraben werden. Auch das Gedächtnis des Menschen, das genetische
sowieso, aber auch das psychische, reicht in Urzeiten zurück; durch
Er-innern können wir dieses gespeicherte Wissen wieder wachrufen. Das
Gedächtnis ist ein "Kennzeichen der Treue zu uns selbst". Das genetische
Gedächtnis sichert den Bestand der Spezies Mensch. Diese Perspektive
beleuchtet den tieferen Sinn der Funktion, die das Zeichen Stier im
Tierkreis erfüllt: die Sicherung des Bestands, die Ermöglichung einer
Zukunft durch die Bewahrung des Vergangenen. Und nun können wir auch die
Stier-Botschaft, das 'Bleibe Dir treu' mit anderen Ohren hören und den Wert
des Konservativismus verstehen.
Könnte für den kriegerischen Widder noch der Bibelspruch "Macht euch die
Erde untertan!" gegolten haben, so empfindet sich der meist friedfertige
Stier eher als ein Teil von ihr. Er ist tief verbunden mit allem Irdischen,
tief verwurzelt in dem Stück Erde, das ihn trägt, auf dem er gerne sitzt und
das er gerne besitzt. Geht es beim Zeichen Widder noch um das 'In die Welt
kommen', in eine neue Welt einzudringen, einen Anspruch auf sie zu erheben,
so ist das Zeichen Stier schon von dieser Welt. Nachdem draußen in der Natur
in der Widderzeit das neue Leben den Durchbruch ins Dasein zu bewältigen
hatte, geht es nun darum hier Fuß zu fassen, an Ort und Stelle bleibenden
Halt zu finden und zu blühen anzufangen. Den Reichtum der Mutter Erde in all
seiner satten Üppigkeit zu entfalten und diese in ein blühendes Paradies zu
verwandeln, das ist jetzt das kosmische Gebot. Aber noch sind die zarten
Blüten bedroht von Wind und Wetter, noch weiß man zu Beginn dieser
Jahreszeit nicht ob all dieses Leben wohl lange genug dauern wird und es
liegt die Angst in der Luft, zu früh zu sterben und es besteht ein großes
Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit.
Der Beruf des Gärtners ist ein Stier-Beruf, der Gärtner, der seine jungen
Pflanzen vor der Witterung schützt und wartet. Das Wort 'warten' gehört zu
Stier in seinem doppelten Sinn: im Sinne des 'Hegens' und im Sinne des 'Sich
Zeit Nehmens'. Es eilt jetzt nicht, und es hat keinen Sinn, die Dinge
anzutreiben; denn alles braucht seine Zeit und jedes wird zu seiner Zeit;
immer mit der Ruhe, dann wird's schon: das sagt uns die Stier-Weisheit.
Es gibt eine Geschichte von einem Indianer, der in New York mit dem Taxi
gefahren ist. Plötzlich bittet er den Fahrer anzuhalten. Dieser fragt
erstaunt nach dem Grund des Anliegens, da das Ziel doch noch nicht erreicht
sei. Der Indianer antwortet ihm: "Ich muss warten bis meine Seele
nachkommt."
Wie oft bleibt unsere Seele im alltäglichen Getriebe auf der Strecke?
Wachsen und entwickeln wir uns nicht nach ewigen Gesetzen, die ihren eigenen
Rhythmus haben? Der Widder unterscheidet nach 'stark' und 'schwach', für ihn
gibt's die die es schaffen und die, die es nicht schaffen, die
Ewig-Ungeborenen. Der Stier unterscheidet nach 'reich' und 'arm'. Ging es
bei Widder um das 'Wollen', so geht es jetzt um das 'Haben': Zeit haben,
Platz haben, zu Essen haben, Freunde haben, ... Wie ein 'Hans im Pech' haben
wir das alles eingetauscht gegen Geld. Wir wollen immer noch mehr Geld
haben, bzw. haben wir unsere Welt so eingerichtet, dass wir immer mehr Geld
haben müssen, um überhaupt noch dazuzugehören. Weil wir hinter dem Geld
herjagen, haben wir keine Zeit um zu genießen und weil wir nicht genießen
können, werden wir ungenießbar und weil wir ungenießbar sind, haben wir
keine Freunde und darum brauchen wir immer mehr Geld, um denen zu
imponieren, die unsere Freunde nicht sind - darum sind wir arm. Und da viele
von uns es mit sich selbst nicht gut meinen, meinen sie es auch mit Mutter
Erde nicht gut, wozu auch?
"Irgendwann werdet ihr merken, dass ihr euer Geld nicht essen könnt" sagen
die Hopi-Indianer. 'Das Geld und der Besitz sind für den Stier das
Wichtigste' sagt man. Da unsere Herzen krank sind, da wir unsere Seele
längst hinter uns gelassen haben, da uns das Stiergesicht des Daseins als
Fratze anblickt, finden wir obige Aussage auch immer wieder bestätigt. Und
die Krankheit wird hervorgerufen durch die gesellschaftliche Ausklammerung
des Gegenpols Skorpion. Gefühle wie Wut und Hass werden geleugnet, obwohl es
sie gibt; Sexualität wird verheimlicht und versteckt und der Tod als
notwendiges Übel in die Krankenhäuser und Altenheime verbannt. Wir haben
alles fest im Griff und wollen nichts zu tun haben mit dem, was darauf
hindeutet, dass es nicht so ist. Wir haben verlernt auszulassen,
loszulassen, wir können nicht Abschied nehmen, nicht sterben. Uns kann nicht
viel passieren: der Inflation beugen wir durch den Besitz mehrer Immobilien
vor und einen Atomkrieg überleben wir im eigenen Keller, der zum Schutzraum
umgebaut worden ist. Das ist die größte Armut, die dieser Planet je erlebt
hat.
Der wahre Reichtum ist die aus unerschöpflichen Quellen strömende, sich ans
Dasein verschwendende Lebensenergie. Da Geld ein irdisches Symbol dieser
Energie ist, ist es der Auftrag eines recht verstandenen Stierprinzips,
dieses zum Wohle des Ganzen im Fluss zu halten und es nicht aus Angst oder
Habgier zu horten. Hierzu eine Geschichte: Ein König geht auf Reisen und
gibt jedem seiner drei Söhne einen Sack mit Blumensamen. Er sagt: "Wer mir
diesen Sack bis zu meiner Rückkehr am besten verwahrt, soll meinen Thron
erben!" Der erste Sohn sperrt die Samen in eine Kiste und verschließt sie
mit einem schweren Schloss. Als der König nach langer Zeit zurückkehrt, sind
die Samen in der Kiste längst vermodert. Der zweite Sohn verkauft die Samen
auf dem Markt und bewahrt das Geld auf. Als der König den dritten Sohn nach
dem Verbleib der Blumensamen fragt, deutet dieser nur aus dem Fenster: dort
ist eine riesige bunte Blumenwiese. Jeder von uns hat so einen Sack
Blumensamen als natürliche 'Talente' mit auf den Weg bekommen. Worin besteht
Dein Reichtum? Wie gehst Du damit um? Das ist die Frage, die Stier an Dich
stellt. Bist Du ein seelen- und lebloser Materialist, hältst Du es mit totem
Besitz, todsicheren konservativen Lebenskonzepten; verkaufst Du Deine
Talente auf dem Marktplatz - oder streust Du Deine Talente-Samen aus, so
dass um Dich herum alles wachsen und blühen kann? Wie geizig bist Du mit
Dir?
Der dunkle Stier-Aspekt lebt in einseitig materialistischen Werten, in
lebensfeindlichen Sicherheitskonzepten, die noch dazu gefährlich sind, da
sie die Illusion vermitteln, man könne den Stier-Gegenpol Skorpion aus dem
Kosmos aussperren. Und Skorpion hat mit dem Gesetz des 'Stirb-und-werde' zu
tun, will uns lehren, durch Annehmen der Vergänglichkeit ein reicheres und
intensiveres Leben im Hier und Jetzt zu führen. Wie der Widder ohne
Integration des Waage-Gegenpols beziehungslos bleiben muss, so bleibt der
Stier ohne Ergänzung durch skorpionische Weisheit ein unlebendiger
Bunkerbauer. "Wovor Du Angst hast, daran wirst Du sterben!" ist ein weiser
Satz der Indianer. Aus Angst und Sicherheitsbedürfnis haben wir inzwischen
so viele Waffen auf der Welt, dass dieses Rüstungspotential todsicher
geworden ist. Was ist sicher? Was trägt mich wirklich? Wo finde ich meine
Wurzeln? Das sind Fragen aus dem Geiste des Stier-Prinzips, die nicht für
stierbetonte Menschen reserviert sind.
Es ist natürlich legitim, die Wurzeln zunächst in 'irdischen Burgen' zu
suchen. Das eigene Haus, die feste Beziehung, das Bankkonto. Karl Marx
(Sonne und Mond im Stier) hat die Bedeutsamkeit materieller Bedingungen für
unser Bewusstsein beschrieben. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein", war
seine These. Völlig richtig. Aber der Satz ist umkehrbar: Das Bewusstsein
bestimmt das Sein. In Antwort auf Karl Marx ist das oft genauso plausibel
belegt worden. Dass Marx als Stier sein Hauptwerk 'Das Kapital' nennt, ist
übrigens eine schöne symbolische Entsprechung.
Das Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" zeigt, dass Wurzeln auch im
Glauben, im Geistigen existieren können. Und: die Mutter Erde trägt Dich
überall. Wer den Bezug zu ihr sucht und pflegt, kann ein Gefühl von
Zugehörigkeit und Aufgehobensein geschenkt bekommen, das ihn die täglichen
Bedrohungen und Unkalkulierbarkeiten besser aushalten lässt. Und, als letzte
wichtige Stier-Botschaft: Bewohne Deinen Körper! Dieses Gefühl, mit beiden
Beinen auf der Erde zu stehen, geerdet zu sein, schafft Unabhängigkeit und
innere Stärke. Individuell wie kollektiv wirft Stier die Frage nach unserem
Bezug zur Mutter Erde auf. Dass wir dabei sind, einen kollektiven Muttermord
zu begehen, ist eine Konsequenz der Verachtung weiblicher Werte im
Patriarchat. Die ökologische Bewegung, die Suche der Frauen nach ihren
matriarchalen Wurzeln, die Suche der Männer nach ihrer verlorenen Seele, wir
können nur hoffen, dass diese Bewegung genug Kraft bekommt.
Familiensystem
Ist Stierenergie in einer Familie stark vertreten, so ist normalerweise ein
fruchtbarer Mutterboden gegeben, auf dem sich die jungen Kinder-Pflanzen
entfalten können. Ein Bauernhof inmitten fruchtbaren Landes, mit vielen
Tieren, vollen Vorratskammern und Scheunen, Obstgarten und einer
kinderreichen Familie, die ihn bewohnt. Ein fester Familienverband, in dem
sich der Einzelne zugehörig fühlen kann, geborgen, genährt und sicher wie in
einer Burg. Die Menschen sind im Umgang miteinander einfach, natürlich,
ehrlich und ohne Tricks. Auch versteht man hier zu feiern, die Feste hier
sind berühmt bis berüchtigt, Rotwein und Bier gibt es reichlich aus
Steinkrügen und Büffelhörnern. Die dunkle Seite der Stier-Burg: Ihre Mauern
schützen nicht nur, sie können auch einsperren und ersticken. Du bekommst
alles, solange Du innerhalb der Burg bleibst; wenn Du gehst, bist Du in
jedem Sinne draußen. Solange Du die Glaubenssätze, Werte, Denkmuster der
Burgherrscher übernimmst, d.h., solange Du SOHN oder TOCHTER bleibst, ist
alles gut; wenn Du einer von ihnen bist! Wenn Du Dich individuierst, Dich in
Handeln und Denken aus Sohn- oder Tochtermentalität befreist, bekommst Du
nichts mehr, bist geächtet als Abtrünniger, als Verräter, bist für die
Familie gestorben. Im besten Falle bekommst Du die Rolle des verlorenen
Sohnes oder der verlorenen Tochter, d.h., falls Du Dich eines Besseren
besinnst, kannst Du jederzeit zurückkehren, wieder der Alte werden...- oder
ist das der schlechteste Fall? - eine Frage der Persektive. Stierbetonte
Kinder sind freundlich und gutmütig, aber in allen Dingen sehr langsam. Sie
verarbeiten neue Eindrücke sehr gründlich, daher brauchen sie auch etwas
länger dafür. Man sollte sie so wenig wie möglich antreiben, da ihnen sonst,
um ihre Eigenart zu bewahren, nur Widerstand und Trotz als Antwort bleiben,
eine Haltung, aus der sie dann aus eigner Kraft oft nicht mehr herausfinden.
Beziehungsmodell
Das Beziehungsmodell, das sich aus dem Geiste des Stierprinzips formulieren
lässt, ist die nährende, reiche, sinnliche Beziehung, in der Dionysos seinen
festen Platz hat. Metmann bezeichnet ihn als Urbild und als höchste
Entwicklungsform dieser Mythensphäre. Er meint: " Wer aber von jedem etwas
in sich trägt, von der Gnade des himmlischen Rausches und von der dunklen
Gier des lustbesessenen Fleisches, der wird, je nach der Vorherrschaft des
einen oder des anderen in seinem Innern, ein dionysischer Auflockerer
seelischer Verhärtungen, ein meisterhafter Wecker schlummernder
Genussfähigkeiten und Retter verschütteter Instinkte werden, oder: ein
sturer Sammler irdischer Reichtümer und Lüste, ein sinnlicher Genießer und
brutaler Schwelger".
Auch die tragfähige, dauerhafte Beziehung gehört hierher. Gemäß den
Jungschen Strukturformen der männlichen und weiblichen Psyche würde man hier
von der Vater-Mutter-Beziehung sprechen. Miteinander eine Burg bauen,
Familie haben, vielleicht aufs Land ziehen; die Liebe will hier geerdet
werden und dauerhafte Früchte tragen. Um das glückliche Paar herum soll
alles blühen und wachsen, der Eros sorgt dafür. Eine Schattenseite dieses
Modells ist die materialistische Konsumhaltung. Liebe kann hier käuflich
werden: die gute Partie - suche aus Paritätsgründen gutsituierten Partner,
bin selber nicht unvermögend - , die Pelz- und Juwelenbeziehung, die
Perversion der Reichen mit Kaviar- und Hummerexzessen. Die erotische Energie
wird zur Geldgeilheit, zum Kauf- und Konsumrausch. Auch Sex wird dann ohne
Beteiligung des Herzens konsumiert. Auf dem Beziehungsmarkt verkauft man
sich so teuer wie möglich: der Mann mit seinem Porscheschwanzauto, die Frau
trägt wie üblich ihren Körper zu Markte, und jeder hat eine panische Angst
vor dem Alter oder vor dem Konkurs, vor der Zeit, wo er nichts mehr zu
verkaufen hat. Was bei Widder die nackte Potenz ist, kann hier zur betuchten
Potenz werden. Ein weiterer Schattenaspekt hat mit Verschlingen und
Festhalten zu tun: "Ich liebe Dich, solange Du mir gehörst". Wenn Du einen
Schritt aus der Beziehungsburg unternimmst, bekommst Du nichts mehr, kein
Gefühl und keinen Pfennig. So kann die versteinerte Sicherheitsbeziehung
entstehen, die prächtige kalte Ehe: " und eigentlich wären sie ganz
glücklich gewesen, wenn nicht ...". So ist das oft, wenn man alles hat: das
Haus abbezahlt, Polster auf der Bank, Farbfernseher sowieso - es fehlt nur
lebendige Liebesenergie. Und die kann nur fließen, wenn auch das Nein in der
Liebe, wenn Trennung und Sich-Loslassen in der Beziehung Platz hat.
Oft wird hier aus Verlustangst bewusst oder unbewusst die Entwicklung des
Partners torpediert. Vor allem feuer- und luftbetonte Partner fühlen sich
durch Stierenergie oft erstickt. Die Lösung des Problems kann nur durch
Einbeziehung des skorpionischen Gegenpols gelingen: "Was Du festhalten
willst, wirst Du verlieren - was Du loslässt, wirst Du bekommen" sagt Laotse.
Aber: gesagt ist das leicht, danach zu leben ist eine andere Sache. Was Dir
als Stier an Dein Herz gewachsen ist, wird dort für immer bleiben, wie einem
Baum die inneren Jahresringe bleiben. Was zu Deiner Lebensgeschichte gehört,
bleibt Dein innerer Besitz, Dein Erfahrungsschatz, ob Du das willst oder
nicht.
Also, wie der Psychotherapeut Jens Corssen (Sonne im Stier) sagt: "Ändere
Dich nie, aber lebe trotzdem die Fülle des Moments!" Geh davon aus, dass
jeder Abschied für Dich ein Tod ist, dass der Erdboden Dir unter den Füßen
entzogen wird, dass Du lange, lange Zeit dafür brauchst und ebenso lange, um
Dich auf etwas Neues wirklich einzulassen. Das ist Deine Schwäche sowie auch
Deine Weisheit. Sei geduldig und versöhnlich mit Dir, zwinge Dich nicht zu
einem schnelleren Lebenstempo, als innerlich stimmig. Vertraue auf das
innere Wachstumsgesetz und dessen göttlichen Zeitplan. In dieser unruhigen
Zeit, in der niemand mehr "Zeit hat" oder sich Zeit nimmt, ist gerade Deine
Langsamkeit weise und heilend. Wie der Indianer sich nach seiner ersten
Autofahrt auf den Boden setzt, um zu warten, bis seine Seele nachgekommen
ist, wie Buddha (Stier-Sonne) unter einem Baume sitzend in der Meditation
tiefen Frieden und Ruhe erfährt, so ist auch Deine Weisheit die des
Stillhaltens, des Innehaltens: die Weisheit der Katze, die stundenlang am
Ofen oder in der Sonne liegen kann, ohne sich deswegen Vorwürfe zu machen.
Wenn ein Stier-Paar sich von den Göttern etwas wünschen dürfte, dann würden
sie es vielleicht ähnlich machen wie Philemon und Baukis. Ihnen hatte
Dionysos einen Wunsch gewährt, und sie hatten sich gewünscht, ihm, dem
Stier-Gott als Priester zu dienen und zur selben Stunde sterben zu dürfen,
da keiner ohne den anderen leben wollte: "Als sie eines Tages vor dem
Heiligtum standen, sah Philemon mit wachsendem Staunen, wie seine Gattin in
eine Linde, mit reichem Laub geschmückt, verwandelt wurde, während er vor
ihren Augen als Eiche erstand. Sie konnten noch liebevolle Worte miteinander
flüstern, ehe ihr Mund verstummte. Doch die Zweige berührten sich, und die
Blätter lispelten im Winde, als sprächen sie weiterhin miteinander". Und
wenn sie nicht gestorben sind ...
Therapie
Körperlich gehört zum Stier der gesamte orale Bereich: Kehle, Kehlkopf,
Schlund, der Schlund als Wächter über alles, was diesen passieren will. Ein
Stierproblem ist, dass dieser Schlund oft zur Einbahnstraße wird, dass er
zuviel schluckt: zuviel isst, zuviel trinkt und vor allem zuviel Wut
hinunterschluckt. Oft fehlt ihm ein Ventil und er gerät von innen her immer
mehr unter Druck, bis er schließlich aus irgendeinem nichtigen Anlass
explodiert und blindwütig alles zerstört und vernichtet, was zufällig gerade
in seiner Nähe ist. Dem muss eine therapeutische Behandlung Rechnung tragen:
viele Stiere sitzen auf einem Vulkan von gestauter Wut, vor allem
geschluckter Wut. Die zugeschnürte Kehle, die Tatsache, dass der Stier nicht
rechtzeitig seine Stimme erhebt, sozusagen einen Warnschrei loslässt, ist
oft das Hauptproblem; dieses gepaart mit einem Hang zur Passivität, zur
Hörigkeit und zur Unterwürfigkeit. Teils überlegt er sich, ob es ihm wichtig
genug ist, etwas zu sagen, ob es überhaupt lohnt, teils traut er sich aus
angeborener Autoritätsfurcht oder aus Angst vor dem Verlassenwerden nicht.
Zudem ist er langsam und schwerfällig, so dass ihm die Wut oft erst
hochsteigt, wenn die auslösende Situation schon lange vorübergegangen ist.
Daher ist es wichtig, dass er lernt, den Mund aufzumachen und zwar
rechtzeitig. Stundenlanges Toben und Brüllen kann notwendig sein, um alte
Wuthalden abzubauen.
Besonders der Stier-Mann, der nicht wie der Widder zum Heldendasein berufen
ist, dessen Mannwerdung sich vielmehr über das Erlernen einer weiblichen
Lebenshaltung vollzieht, wird darüber oft zum Gefangenen der Rolle des
Muttersohnes, was mit viel Schmerz, Demütigung und aufkeimendem Hass
verbunden ist. Metmann schreibt: "Denn das dionysische Wüten ist das
naivste, aber auch rücksichtsloseste Mittel zur Befreiung der männlichen
Instinkte aus der ehrfurchtsvollen Befangenheit knabenhafter Liebe". Auch
die Schultern gehören zum Stier, er ist sehr tragfähig, braucht auch ein
gewisses Maß an Belastung, um sich zu spüren, lässt sich aber häufig viel zu
viel aufladen. Weiterhin der Hals und der Nacken, die Halsstarrigkeit und
die Hartnäckigkeit sind bekannte Stiereigenschaften.
Der Stier schleppt meist viel Bedrückendes und Belastendes mit sich herum,
Eltern- und Lehrerbotschaften sitzen ihm im Nacken und bestimmen sein Leben.
Er ist eher introvertiert und neigt dazu die Aggression gegen sich selbst zu
richten. Er glaubt, dass der Mensch sich sowieso nicht ändern kann, und
falls er die Möglichkeit einer Änderung akzeptiert, dann unter der
Voraussetzung, dass der andere sich ändern muss und nicht er. Er klebt an
Beziehungen, lebt oft in Beziehungen, die schon seit Jahren tot sind. Das
Trennungsproblem, das Thema Loslassen ist in der Therapie immer wieder das
zentrale. Wichtig ist, dass der Therapeut zuverlässig ist, dass er sein
Vertrauen gewinnt und dass er ihm Zeit lässt. Wenn man ihn drängt, dann
blockiert er und es geht gar nichts mehr. Gesprächstherapie, nondirektives
Arbeiten, Spiegeln, sind Methoden auf die er anspricht. Wo viel Wut im
Körper gespeichert ist, wo der Klient in einem schier undurchdringlichen
Körperpanzer eingemauert zu sein scheint, da ist Bioenergetik äußerst
hilfreich. Der Therapeut oder Erzieher muss auch wissen, dass der Stier zur
Scheinanpassung tendiert, d.h.: damit man ihm seine Ruhe lässt, tut er nach
außen so als ob, aber in ihm ändert sich in Wirklichkeit nichts. Der Stier
als Therapeut ist sehr belastbar, solide, geduldig und ein guter Taktiker.
Sonne im Stier
Hast Du die Sonne im Zeichen Stier, so ist Dein innerer König ein
matriarchaler König; seine Kraft und Weisheit bekommt er durch die Anbindung
an die Erdmutter, ihren Reichtum und ihre Gesetze. Er kennt die Naturgesetze
und regiert in Einklang mit ihnen. In seinem Reich herrschen Fruchtbarkeit
und Wachstum. Er ist der Typus des sorgenden Vaters, sorgt aber auch für
feste Strukturen und Regeln im Reich. Söhne wie Töchter mit Stier-Sonne
suchen diese Qualitäten zunächst im Vater. Dieser soll verlässlich,
mütterlich-nährend, er soll einfach DA sein. Da Väter aber meist nicht DA
sind, sondern 'wichtigeres' als Kinder im Kopf haben, bleibt meist viel
ungestillte Sehnsucht nach Berührung, Schutz, Aufgefangenwerden,
Gehaltenwerden. Viele Stier-Töchter wiederholen das Modell später in
Beziehungen: Männer, die nie da sind. Ist der leibliche Vater jedoch da, hat
er tatsächlich die ersehnten mütterlich-nährenden Energien, wirst Du ein
liebevoller, treuer Sohn oder eine ebensolche Tochter werden. Hier ist es in
Ordnung, in der Burg des Vaters zu bleiben, seine Werte, seine Botschaften
müssen nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden; man kann auch den
Betrieb des Vaters übernehmen, dasselbe studieren wie er oder in dieselbe
Partei eintreten, ohne seelischen Schaden zu nehmen. Das väterliche Erbe,
sei es geistig, seelisch oder materiell, soll hier geachtet und bewahrt
werden; oft bekommst Du vom Vater hier den Sack mit Blumensamen, erbst
'Talente' von ihm. Jedoch darfst Du auch hier nicht ewig Sohn oder Tochter
bleiben. Bestenfalls dient Dir der Vater als Vorbild für das, was Du in
Deinem Herzen selber werden willst.
Der größte Reichtum, den Du geschenkt bekommen hast, bist Du selbst. "Was Du
ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen" sagt Goethe. Solange
Du Kind Deiner Eltern bist und nach ihren Vorstellungen und Werten lebst,
bist Du nicht Sachwalter Deiner selbst, hast Du Dein Erbe noch nicht
wirklich angetreten. Als Mann mit diesem Sonnenstand ist es wichtig, dieser
reiche, nährende König zu werden, die Talent-Blumensamen auf die Erde zu
streuen, in Deinem Lebensbereich für Fruchtbarkeit und Wachstum zu sorgen -
sei es als Bauer, Schäfer, Förster, Bankier oder in jedem anderen Beruf,
wichtig ist, dass durch Dich etwas wächst. Auch als Frau ist dieser König
mit seinen speziellen Kräften in Dir. Meist wirst Du ihn aber zunächst im
Mann suchen. Der Mann, der trägt, nährt, verwöhnt, Dir eine Burg baut. Der
Mann, der Vater Deiner Kinder ist, soll ein erdverbundener Vatertypus sein,
kein Luftikus. Die Treue zum leiblichen Vater ist hier oft groß, aber nicht
mit der inzestuösen Energie des skorpionisch-plutonischen Prinzips getränkt.
Vom Vater verlassene Stiertöchter reagieren oft mit tiefer Bindungsangst,
wie überhaupt entwurzelte Stiere das tun, nach dem Motto: "drum prüfe ewig,
wer sich bindet!" Wer weiß, wie weh Trennung tut, und wie lange Abschied
dauert, wie träge die Energie des Herzens ist, kann nicht so leicht nach dem
Prinzip von 'Versuch und Irrtum' leben, wie die schnelle Widderenergie das
ermöglicht. Ob Mann oder Frau, mit Sonne im Zeichen Stier wirst Du in
Herzensentscheidungen - nicht unbedingt auch in anderen Bereichen Deines
Wesens - langsam und bedächtig sein. Bevor Du das Schwert gebrauchst,
vergeht lange, lange Zeit. Dann hat die Entscheidung aber den Charakter von
Endgültigkeit, Du bist dann nicht mehr bestechlich. Weil Du um das
Schwerwiegende solcher Entscheidungen weißt, triffst Du sie oft nur im
äußersten Notfall, wenn Du schon viel ertragen hast - oder Du triffst sie
nie und hoffst, irgendetwas von außen möge doch bitte passieren. Als Stier
weißt oder ahnst Du, dass alles zu seiner Zeit kommt, also ist es oft
richtig zu warten; Du musst aber auch wissen, dass die Gelegenheit ungenutzt
vorübergeht, wenn Du zur rechten Zeit nicht handelst und hoffst ein anderer
würde es für Dich tun.
Im Märchen "Der gastliche Kalbskopf" ist der Held der Geschichte ein
verwöhnter Muttersohn, der immer zuerst ans Essen denkt. Er begegnet in
einem Waldhaus einem sprechenden Kalbskopf, der in einer Wiege liegt.
"Schade, dass selbiger nicht gebraten ist" denkt der Bursche nur. Er wird in
diesem Haus bekocht und bedient; als Ausgleich muss er dem Kalbskopf
Geschichten über die äußere Welt erzählen. Am Ende des Märchens heißt ihn
der Kalbskopf, eine Axt aus der Küche zu holen und ihn abzudecken. Was sieht
er? Der Kalbskopf mündet in einen hässlichen, armdicken Schlangenleib - und
diesen muss er mit einem Hieb abtrennen. Das fällt ihm enorm schwer, da er
den freundlichen Kalbskopf sehr liebgewonnen hat. Er tut's dann doch, und
das Kalbskopfgesicht verwandelt sich in das einer wunderschönen Frau. Ein
deutliches Bild dafür, dass im oralen Paradies immer auch eine Schlange
wohnt - die Schlange des regressiven Sogs der Mutterbindung. Der männliche
Stier-Held muss, tut es auch noch so weh, den mütterlichen
Verwöhnungsdrachen töten, sonst wird er nie zum Mann und kann natürlich auch
seine Prinzessin nicht erlösen. Die Bereitschaft, den Kalbskopf zu töten,
die Bereitschaft, Abschied zu nehmen vom geschenkten Paradies, das Ja zum
Ende, die Integration des Gegenpols Skorpion ist die Voraussetzung für die
zweite Geburt des Stier-Helden, für die Geburt zum selbstverantwortlichen,
vollständigen Erwachsenen. Und doch ist der positive Mutterkomplex dieses
Helden eine Voraussetzung für den im ganzen eher sanften Entwicklungsweg.
Mit dem Urvertrauen des genährten Sohnes geht Entwicklung eben fließender,
friedlicher. Am Ende der Geschichte lebt der Held mit seiner Prinzessin ein
friedliches, ruhiges, einfaches Leben in der Natur. Auch das entspricht der
Sehnsucht der Stierseele.
Im Märchen "Das Erdkühlein" - man beachte, dass sowohl Kuh als auch Erde die
nährende Urmutter symbolisieren - wohnt die Heldin ebenfalls lange im Wald
bei diesem seltsamen Tier. Auch diese Heldin muss sich irgendwann schweren
Herzens von dem freundlichen Tier trennen, um sich zu entwickeln. Durch ihre
positive Anbindung an die Urmutter gehorcht ihr der Apfelbaum, der die
Früchte trägt, die den Königssohn heilen. Während ihre dunklen Schwestern
nicht an die Früchte gelangen können, da der Baum sie ihnen nicht geben mag,
kann die Heldin mühelos die Früchte pflücken; der Baum neigt seine Äste zu
ihr.
Gewisse Ähnlichkeit damit gibt es bei Aschenputtel. Hildegunde Wöller, die
dieses Märchen interpretiert hat, beschreibt die bösen Schwestern
Aschenputtels als die herzlose, materialistische Haltung der Frau, die sich
den männlich-patriarchalen Werten unterworfen hat. Zu diesen Frauen neigt
sich der Baum des Eros und der Sinnlichkeit niemals wirklich. Da hilft kein
Nerz. Aschenputtel hat die Verbindung zur Mutter im Himmel, zur Großen
Göttin, nie verloren, sie pflanzte schließlich den Haselnussbaum auf dem
Grab der Mutter. Die Frage des Stiers an Dich als Frau ist: Hast Du Deinen
Baum gepflanzt? Suchst Du nach dem Anschluss an die matriarchale Weisheit
oder hast Du ihn längst verloren, bist zur Stiefschwester geworden, die sich
an die Werte der Männergesellschaft verkauft?
In der griechischen Mythologie enthält die Geschichte von König Minos und
seinem Minotaurus stimmige Stier-Motive. Das Unglück nimmt hier seinen Lauf,
als Minos den weißen Stier nicht, wie versprochen, dem Poseidon opfert,
sondern dafür einen Stier aus seiner Herde nimmt. Gier und
Nicht-Loslassen-Können, Haben- und Verschlingenwollen um jeden Preis sind
Schattenseiten des Stierprinzips, trefflich durch den Minotaurus
symbolisiert. In anderen Worten: Das Geschenk der Urmutter an den
Stier-Menschen ist die Lebenslust, die Fähigkeit zu genießen, ein inneres
Schlaraffenland. So unbewegt und unbeweglich der Stier nach außen wirken
mag, in ihm toben die rauschendsten Feste. Der Teufel erscheint und versucht
ihn in der Gestalt der Gier. Das Lustreich seiner Sinnlichkeit wird ihm zur
Falle, zum Labyrinth tausendfachen Verlangens, in dem der Minotaurus ohne
Achtung, ohne Ehrfurcht alles ihm Begegnende gierig verschlingt. Das Ringen
mit diesem urmächtigen Gegner wird zur entscheidenden Kraftprobe. Wer ist
stärker? Gewinnt der lebenspendende Geist oder der lebenverschlingende
Trieb? Die Urgewalten des Weiblichen, die gebärende und die verschlingende
Mutter ringen im Herzen dieses Menschen um die Vorherrschaft.
Im Märchen "Hans mein Igel" finden sich Hinweise für den Entwicklungsweg
eines Kindes, das daheim keinen nährenden, sondern einen steinigen Erdboden
vorfindet. "Wie ein abgelehntes Kind sein Glück findet" heißt der
Untertitel, den Ingrid Riedel ihrer Interpretation gab. Das abgelehnte
Igelkind - "wenn er doch nur stürbe" sagte sein Vater - geht für lange Zeit
in den Wald, sitzt jahrelang auf einem Baum und spielt auf seinem Dudelsack
die schönste Musik. Die Beziehung zur Großen Mutter Natur, die Entdeckung
seiner inneren Seelenmusik befähigen ihn, seinen Weg zu machen, seine
Prinzessin zu finden. Am Schluss kann er sogar seine Igelhaut ablegen, die
stachelig-mißtrauische Lebenshaltung des ungeliebten Kindes. Eltern, die
gerne voller Stolz feststellen, was ihr Kind im Vergleich zu anderen schon
alles kann, wollen im Grunde ihres Herzens kein Stier-Kind. Da müssen viele
kleine Stiere sich in Igel verwandeln, um nicht zertreten zu werden.
Schlussbetrachtung
In seinem Buch "Triffst Du Buddha unterwegs" berichtet Sheldon B. Kopp von
einem Traum, in dem er - längst ein bekannter, geschätzter Therapeut - vor
einer Gesellschaft sprechen soll und sich völlig fremd, unsicher und
ängstlich fühlt. Und er schließt daraus: ich kann der berühmteste Therapeut
aller Zeiten werden, Bestseller in Hülle und Fülle schreiben - und doch
werde ich mich in bestimmten Standardsituationen genauso hilflos und fehl am
Platz fühlen, wie ich mich schon als Kind immer gefühlt habe. Das trifft
natürlich auf uns alle zu, wir tragen das Kind, das wir einmal waren, in
uns, wie der Baum seine Jahresringe. Die Sonne im Stier wird Dir dies jedoch
in besonderer Weise bewusst machen. Also: Vergiss nicht ... ! |