
Waage
Die
Tag-und-Nachtgleiche im Herbst markiert den Eintritt der Sonne in das
Zeichen Waage. Es ist die Mitte des astrologischen Jahres, die helle
Jahreshälfte ist vorüber, die dunkle Zeit beginnt. Für einen Augenblick ist
alles im Gleichgewicht. Die im Meer versinkende Sonne bringt die Qualität
dieses Augenblicks zum Ausdruck: halb ist sie noch in dieser Welt und halb
schon in der anderen; daher dient sie als Grundlage für das Waagesymbol.
Waage ist das einzige Tierkreiszeichen, das nicht durch ein Lebewesen, durch
Mensch oder Tier, symbolisch dargestellt wird. Waage symbolisiert etwas rein
Geistiges, den Zustand der Ausgeglichenheit, der Integration, der Ganzheit,
der ganzen Wahrheit.
Unter
Widder wurde ein "da bin ich" in eine Welt der Tat geboren, ein "ich will",
das mit dem Ziel in die Welt hinauszog, am Ende von sich sagen zu können:
"ich kam, ich sah, ich siegte!"
Waage könnte
nun als das Zeichen einer zweiten Geburt, einer Geburt in die Welt des
Geistes angesehen werden; dabei wird das alte "ich" in das Neue integriert
und was geboren wird, ist das WIR. Aus der Sicht des Waage-Prinzips gibt es
kein isoliertes "ich", das sich als solches erkennen und manifestieren kann.
Es gibt immer nur ein "ich" in Verbindung mit einem "Du". Daher macht es für
den Waage-Menschen wenig Sinn, zu sagen "ich will"; es geht vielmehr immer
um die Frage: was wollen WIR? Natürlich gibt es auch Waage-Vertreter, die
sich für ein Single-Dasein entschieden haben, aber auch in diesem Falle
steht man einem WIR gegenüber. "Zwei Seelen wohnen in meiner Brust" könnte
dieser Mensch, der dem Zwillings-Menschen artverwandt ist, von sich sagen -
und die Beziehung dieser beiden Seelen zueinander bestimmt sein Leben. Wann
immer es eine Entscheidung zu treffen gilt, beginnt in ihm ein endloser
Disput der beiden, ein ständiges Für und Wider. Wenn man einen stark
waagebetonten Freund hat und lädt ihn für Sonntag zum Segeln ein, dann wird
man viele Einerseits und Andrerseits zu hören bekommen und lange nicht
wissen, ob er nun mitfährt oder nicht. Andere verlagern den inneren Disput
lieber nach außen in eine Beziehung. Da bekommt man dann auf die Frage
"fährst Du mit?" die Antwort: "das muss ich erst noch mit meiner Frau
besprechen, ob WIR mitfahren oder nicht. Aus dem Geist der Waage weiß man,
dass jede Einseitigkeit, jeder einsam gefasste Beschluss in der Welt auf den
Widerstand der nicht berücksichtigten Partei, des nicht berücksichtigten
Prinzips stoßen wird und, dass es Ärger oder gar Kampf und Krieg geben wird.
Um das zu vermeiden wählt man den Weg der Diplomatie und berücksichtigt die
Gegenseite von vorneherein mit.
Wie schon an
früherer Stelle angedeutet, kann man die Wanderung der Sonne durch die
Tierkreiszeichen als Weg der schrittweisen Bewusstwerdung des Menschen
ansehen. Wenn wir nun nochmals diesen Blickwinkel einnehmen wollen, dann
erinnern wir uns, dass im Venus-Zeichen Stier von einem Paradies die Rede
war, das auf dem Einssein und der tiefen Verbundenheit von Mensch und Mutter
Erde beruhte. Der geistig erwachende, fragende und zweifelnde Mensch fiel
jedoch im Zeichen Zwillinge aus diesem Paradies (der Einheit von Mutter und
Kind) heraus in eine Welt der Gegensätze. Im Venus-Zeichen Waage geht es nun
darum, diese missliche Situation zu bereinigen und durch die Vereinigung der
Gegensätze das Paradies auf einer höheren, einer geistigen Ebene
wiederzugewinnen. Waage ist ein kreatives, ein schöpferisches Zeichen. Es
ist das Zeichen der Künstler und der Philosophen, der Kulturschaffenden; als
ginge es hier darum, die Welt, die der Liebe Gottes entsprungen ist, ein
zweites Mal zu erschaffen, diesmal aus der Liebe des Menschen; denn niemand
kann etwas Wertvolles schaffen ohne Liebe. Es ist hier nicht die versorgende
Mutterliebe und auch nicht die bestärkende Vaterliebe gemeint, wie sie uns
in den Zeichen Krebs und Löwe begegnet ist; sondern Liebe als die alles
verbindende Kraft in unserem Kosmos. Liebe als die Kraft der Anziehung, die
unsere Welt zusammenhält. Aber auch Liebe als Selbstliebe, als Kraft zur
Ablösung, zur Trennung und zur Individuation. Beide Kräfte zusammengenommen,
die Physiker bezeichnen sie als Schwerkraft und Fliehkraft, gewährleisten
als eine Art Fähigkeit zur bezogenen Distanz die Harmonie der Lebenskreise.
Diese Art von Liebe ist absolut, zu ihr gibt es keinen Gegensatz; denn sie
ist das Produkt der Integration zweier Gegensätze.
An dieser
Stelle sei auch an Harmonia, die griechische Göttin der Harmonie erinnert;
sie war die Tochter des Kriegsgottes Ares und der Liebesgöttin Aphrodite.
Empedokles bezeichnet Liebe und Kampf als die wichtigsten Kräfte in der
Welt; Ares trennt, was Aphrodite vereint und umgekehrt. Hans Jellouschek
spricht von dem "Bedürfnis nach Bindung und dem Bedürfnis nach Autonomie.
Das Bedürfnis nach Bindung strebt die Vereinigung an, das Bedürfnis nach
Autonomie die Trennung". Diese Liebe, die hier gemeint ist, ist kein Gefühl.
Im Beispiel der kosmischen Harmonie können wir dahinter einen göttlichen
Willen vermuten, eine Entscheidung allerhöchster Art, dass die Dinge so sein
sollen, wie sie sind. Übersetzt auf den Menschen heißt das, dass Liebe ein
Willensakt ist und kein Geschenk, dass man sich entscheiden kann zu lieben
oder nicht zu lieben. Wenn ich mich zu absoluter Liebe entschlossen habe,
dann hängt meine Liebe nicht mehr von irgendwelchen Wenns und Abers ab.
Waage symbolisiert den Willen zur Versöhnung, die Bereitschaft zur
Integration des ganz anderen. Den Vorgang, diese bessere Welt herzustellen,
den Zustand des Ausgleichs und der Harmonie zu bewerkstelligen kann man als
Erwägung bezeichnen: die einzelnen Fakten, Argumente, Notwendigkeiten und
Bedürfnisse werden solange gegeneinander abgewogen, bis sich der Zustand des
Gleichgewichts eingestellt hat. Und wenn das Ergebnis alle zufrieden stellt,
wenn es dem Auge des Betrachters gefällt, dann ist die Welt wieder um ein
Stück schöner und wirklicher geworden.
Nach der
Auffassung von Oskar Adler sind Schönheit und Wahrheit zwei Gesichter ein
und desselben: was sich in der materiellen Welt als Schönheit dartut,
erscheint in der geistigen als Wahrheit - oder wie es ein
Naturwissenschaftler einmal ausgedrückt hat: mathematische Gleichungen, die
große wahre Zusammenhänge ausdrücken, sind keine hässlichen Ungeheuer, man
erkennt sie an ihrer ästhetischen Form. Alles, was wahr ist, ist auch schön
und alles, was schön ist ist auch wahr, könnte man sagen. Was kompliziert,
undurchschaubar und unästhetisch ist, hat seine wahre Form noch nicht
gefunden, sie muss erst noch herausgearbeitet werden, so wie der Bildhauer,
die Statue im Felsbrocken als Möglichkeit sichtet und sie dann
herausmeißelt.
Um sich in
die Seele des Waage-Prinzips einzufühlen, kann man sich zur Zeit des
Sonnenuntergangs ans Meer setzen oder die Stimmung der Natur im ersten
Herbstmonat nachspüren: die Harmonie der Farben, die milde klare Herbstluft,
aber auch die Wehmut des Abschieds gehören hierher. Die
Herbst-Tagundnachtgleiche ist der Zeitpunkt der Heiligen Hochzeit, der
Versöhnung des Urgegensatzes, mag er benannt werden mit Yin und Yang,
weiblich - männlich, hell - dunkel oder wie auch immer. Ging es bei Jungfrau
um Ordnung und um die Dimension nützlich - unnütz, so geht es hier um
Harmonie und um die Dimension schön - hässlich.
Das zeigt
auch die Organentsprechung: das Waage-Organ sind die Nieren; diese reinigen,
entgiften das Blut. Entsprechend ist die Funktion des Waage-Menschen im
kosmischen Körper definierbar. Seine Aufgabe ist es, die Welt zu reinigen
und zu entgiften, aber nicht unter dem Aspekt der Gesundheit und der
Funktionstüchtigkeit wie bei Jungfrau, sondern, um sie zu verschönern. Die
Wert- und Zielsetzung in den Erdzeichen ist immer eine praktische, während
sie in den Luftzeichen eine ideelle ist. Ein Schönheitsideal zu
verwirklichen, ein schöner Mensch zu werden, in Harmonie mit sich und seiner
Umgebung, im Einklang mit den harmonikalen Gesetzen des Universums zu leben,
das ist das Ziel. Die äußere Seite davon ist durch den Ästheten
repräsentiert, mit feinem Gefühl für das, was Harmonie schafft und, was sie
stört. Die innere Entsprechung ist die Heiterkeit des Weisen, die aus einem
tiefen Wissen um kosmische Harmonie kommt, die Gelassenheit eines
wohlwollenden Betrachters des Weltgeschehens.
Das zentrale
Waage-Motiv im Märchen ist die Hochzeit. Am Anfang der Geschichte findet
sich immer ein Ungleichgewicht, eine Mangelsituation, die im Laufe des
Märchens korrigiert werden muss. Fehlt etwa am Anfang das Weibliche oder ist
es unterrepräsentiert, so hat das Konsequenzen für den Verlauf der
Geschichte. Der schon anlässlich Widder und Löwe besprochene Königssohn
wächst offensichtlich mutterlos auf; am Anfang ist nur vom Vater die Rede.
Auf eine reale Lebenssituation übersetzt, bedeutet das nicht unbedingt das
wirkliche Fehlen der Mutter; sie muss nicht gestorben sein oder die Familie
verlassen haben. Es kann auch die psychische Situation einer einseitig
männlich-patriarchalen Familie gemeint sein, in der das Weibliche einfach
nicht erwähnenswert ist, da in ihr ohnehin nur der Vater das Sagen hat. In
dieser Welt tritt die Frau dann nur als Haushälterin oder Kindererzieherin
in Erscheinung; wer sie darüber hinaus als Person sonst noch ist, muss ihr
selbst und ihren Kindern zwangsläufig verborgen bleiben. Wenn Weibliches so
verachtet und reduziert wird, ist männliche Hybris ("ich kann alles, wozu
ich Lust habe") die logische Konsequenz - und dieses Ungleichgewicht muss im
Laufe des Märchens behoben werden. So muss der Held durch die
Schwarzmondphase der Blendung, muss Demut und Akzeptieren lernen, um reif
für die Hochzeit zu werden.
Eine Frau,
die in einer vergleichbaren Ausgangssituation lebt, ist die Heldin im
Blaubart-Märchen. Auch hier findet sich anfangs ein totales männliches
Übergewicht: Vater, drei Söhne, keine Mutter, nur eine einzige Tochter. Die
Tochter, ohne Unterstützung und Vorbild seitens einer weiblichen
Identifikationsfigur, ist am Anfang nur Opfer, läßt sich den väterlichen
Willen aufzwingen und heiratet den Blaubart, vor dem sie sich so fürchtet.
Auch nach der Hochzeit bleibt sie lange in der
Kaninchen-vor-der-Schlange-Haltung und ist sich ihrer eigenen Stärke nicht
bewusst. Insofern ist es logisch, dass sie ihre (inneren) Brüder, ihre
eigenen männlichen Wesensanteile, rufen muss, um nicht unter die Räder bzw.
unter das Messer des Blaubarts zu kommen. Dieser Blaubart wiederum ist das
Paradebeispiel einseitiger Männlichkeit; in seiner geheimen (Herzens-)Kammer
sind die getöteten Frauen, seine getöteten weiblichen Energien, sprich:
Gefühle. Diese fürchtet der Nur-Mann so sehr, dass er sie tief in seinem
Innern töten muss. Und: wer die innere Frau tötet, tötet zwangsläufig auch
die äußere. Dieser Mann wird zeitlebens Angst vor der Gefühlsweisheit und
Gefühlsintensität der Frau haben, und bei aller Sehnsucht nach dem
Aufschmelzen des versteinerten Herzens, wird er jede wirklich tiefe
Begegnung vermeiden oder: im schlimmsten Fall spürt er nicht einmal mehr
diese Sehnsucht. Als Frau ist man nur allzu oft mit solchen Blaubärten
konfrontiert, gefühllos-verschlossenen Vätern, distanziert-intellektuellen
Männern, die alles wissen und nichts spüren oder man ist im Extremfall sogar
offener Gewalt ausgesetzt. Wenn man sich in dieser einseitig männlichen Welt
nicht damit zufrieden geben will, ein "Mangelwesen" mit "Penisneid" (Sigmund
Freud) zu sein, das sich der patriarchalen Herrschaft wie ein Opferlamm zu
beugen hat, dann muss man, wie diese Märchenheldin, das Messer gebrauchen
lernen, auch wenn man damit zunächst zur Rachegöttin wird. Im Gegensatz zum
Königssohn, dessen Lektion Demut heißt, muss diese Heldin aufstehen und sich
ihrer Kraft und Würde bewusst werden. Nun endet dieses Märchen eben nicht
mit der Hochzeit; die Heldin kehrt mit dem (Erfahrungs-) Schatz des
Blaubarts nach Hause zurück. Ein Bräutigam ist noch nicht in Sicht.
Sicherlich braucht sie nicht um jeden Preis einen Mann, hat sie doch
innerlich Hochzeit gefeiert, ihre männlichen und weiblichen Energien
gleichermaßen entdeckt und versöhnt.
Kollektiv
gesehen rufen immer mehr Frauen nach ihren inneren Brüdern; Männer reagieren
oft verunsichert und ängstlich oder mit Terror. Der "neue Mann" ist zwar
nicht mehr unsichtbar, aber noch etwas unscharf in seinen Konturen; außerdem
zeitlich den Frauen gegenüber etwas im Rückstand.
Welchen Weg
der Mann gehen muss, um zur Liebe zu finden, zeigt Hans Jellouschek in
seiner Interpretation des russischen Märchens "Die Froschprinzessin".
Während der stolze, kühne Zarensohn Iwan durch ein Jammertal geht, nachdem
ihn seine Wassilissa verlassen hat, und er sich erst nach drei Jahren Weinen
um die verlorene Beziehung ermannt und sich auf den Weg macht, geht sie den
umgekehrten Weg. Sie wird von dem verachteten, unscheinbaren Fröschlein
wieder zu dem, was sie wirklich ist: Wassilissa, die Allweise, schöner als
Sonne, Mond und Sterne. Aber bleiben wir beim Zarensohn; wieviele von uns
Männern müssten solche Tränen vergießen! Vielleicht ist die Frau, die wir
nicht lieben konnten, weil unsere Angst vor der inneren Frau zu groß war,
nicht als Schwan davongeflogen, wie Wassilissa im Märchen; vielleicht ist
sie geblieben, weil sie glaubte, keine andere Wahl zu haben. Und trotzdem
haben wir sie innerlich schon lange verloren, und wenn wir ehrlich sind,
wissen wir das auch. Es ist ein schwacher Trost, wenn man eine Frau
vielleicht noch unterdrücken kann, weil man selbst derjenige ist, der die
Kohle verdient, und weil man zudem auch noch der körperlich Stärkere ist -
mit Liebe hat das nichts zu tun. Nach Jellouscheks Ansicht hat der "Weg als
Paar" eine "religiöse Dimension", und es ist eine Illusion, zu glauben, dass
das Eine das Andere auf die Dauer besiegen oder beherrschen kann.
Die
Paarbeziehung ist eine irdische Entsprechung der Waage-Dimension und, "da
alle Gegensätze voneinander abhängen, kann ihr Konflikt niemals den totalen
Sieg einer Seite bringen, sondern wird immer eine Manifestation des
Zusammenspiels beider Seiten sein". Wenn nicht Gott dem HERRN seine
Vollständigkeit wiedergegeben wird, indem die versunkene matriarchale Göttin
ihre Gleichwertigkeit wiedererlangt, sieht es düster aus für unseren
Planeten; die Hochzeit der beiden ist eine absolute Notwendigkeit geworden.
Allein die Vermutung, dass gewisse irdische Institutionen eine Hochzeit der
beiden höchsten Gottheiten niemals erlauben würden, weist auf den Größenwahn
und den Irrwitz patriarchalen Denkens hin. Das Tierkreiszeichen Waage will
uns lehren, unsere Einseitigkeit zu erkennen und zu korrigieren -
individuell wie auch kollektiv.
Ein
Waage-Vertreter ist der Held in dem skandinavischen Märchen "Vom Burschen,
der die Tochter der Mutter im Winkel freien wollte". Statt, wie seine Mutter
ihm rät, arbeiten zu gehen, will er sich lieber auf Brautschau begeben. Wie
er so tanzend und springend seinen Weg geht, fällt er auf einmal in ein
finsteres Rattenloch, und das dreimal hintereinander. Dort ist eine Ratte
mit einem Schlüsselbund am Schwanz, die ihn jedes Mal freundlich begrüßt und
ihm die baldige Hochzeit in Aussicht stellt. Obwohl dieses Tier ihm so
widerlich ist, sagt er nichts und sieht sich die Situation einfach an. Als
die Ratte sich zum Schluss erwartungsgemäß in die Prinzessin verwandelt, hat
er sie dadurch erlöst, dass er immer wieder zu ihr kam und nie widersprochen
hatte. Der Held hat in der äußeren Welt keinen Feind besiegt oder einen
Knoten gelöst oder durchtrennt, seine Leistung bestand darin, eine innere
Spannung solange auszuhalten, bis sich der Knoten löste. Der Waage-Held ist
nicht auf Arbeit aus, sondern auf Beziehung und in manchen aussichtslos
erscheinenden Situationen genügt es, die Beziehung nicht zu verlassen, in
der Spannung zum Gegenüber zu bleiben, bis die Verwandlung, die Integration,
die Transformation oder wie immer man es nennen möchte geschieht.
Interessant ist, dass der Held in die Welt der Ratte hinab muss, in das
Reich des Abscheulichen und Bösen also (in manchen Märchen wird der Teufel
bezeichnet als der Herr der Ratten und der Mäuse), aber auch dort verliert
er niemals die Haltung des freundlichen Beobachters. Diese Welt gilt es
anzunehmen, zu akzeptieren als die Kehrseite des Guten und Schönen; nur so
können die helle und die dunkle Welt versöhnt werden - eine notwendige
Voraussetzung für vollständige Beziehung! Man bekommt die Prinzessin eben
nur, wenn man auch die Ratte akzeptiert. Lichte Gefühle und Rattengefühle
machen die Ganzheit einer Beziehung aus; auf die Dauer bekommt man nur
beides oder gar nichts. Hier nun hat sich das tiefe Geheimnis dieses
Tierkreisabschnitts offenbart. Sicher haben alle Waage-Vertreter die
Tendenz, das Schöne zu lieben und das Hässliche zu verabscheuen, die
Harmonie zu fördern und den Streit zu vermeiden, das Gemeinsame zu betonen
und das Trennende charmant zu umgehen! Aber diese Haltung schließt den
Gegenpol Widder aus. Diese Haltung bringt zwar den Wunsch nach einer
schöneren und friedlicheren Welt zum Ausdruck, gleichzeitig hält sie aber
durch die AUSGRENZUNG der Widderweisheit gefangen in der Welt der Gegensätze
und der Kriege. Die wahre kosmische Aufgabe des Waage-Menschen ist es, die
Welt so zu akzeptieren und zu lieben, wie sie ist - nicht so, wie sie uns
erscheint, sondern so wie Gott sie gemacht hat - und Gut und Böse, Krieg und
Frieden in Balance zu halten; das rechte Maß zu finden und es zu
verwirklichen. Waage ist das Zeichen der LIEBE und diese Liebe meint
INTEGRATION; nichts, absolut nichts darf ausgegrenzt werden. Nur das
Zusammenspiel ALLER Kräfte kann im Endeffekt die schöne, harmonische und
heile Welt bewirken, die nicht nur der Waage-Mensch sich so sehr wünscht.
Im
griechischen Mythos ist Paris, der Hirtenjunge, ein Waage-Vertreter.
Aufgrund seiner Schönheit wird er zum Schiedsrichter berufen, um den Streit
der Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite zu entscheiden, den Eris, die
Göttin der Zwietracht, verursacht hat. Diese warf nämlich in die Tafelrunde
der Götter einen Apfel mit der Aufschrift "Der Schönsten". Paris soll nun
bestimmen, welcher der drei Göttinnen der Apfel zusteht. Jeder Waage-Mensch
kann nachempfinden, wie ihm dabei zumute gewesen sein muss. Er versucht es
zuerst mit einem beliebten Waage-Trick: "Ihr seid alle drei gleich schön!"
sagt er nämlich. Damit geben sich die Göttinnen jedoch nicht zufrieden; der
Gegenpol Widder, das Zeichen der Entscheidung, muss integriert werden.
Schließlich wählt er Aphrodite; diese hatte ihm nämlich als Belohnung die
schönste Frau der Welt versprochen, während ihm Athene und Hera Kriegsglück
bzw. Reichtum in Aussicht gestellt hatten, was einen Waage-Vertreter
vergleichsweise weniger reizt, als Aphrodites Angebot. Welche Konsequenzen
diese Entscheidung hatte, weiß man: durch den Raub der schönen Helena wurde
der gigantische Trojanische Krieg ausgelöst.
Diese
Geschichte macht die Entscheidungsangst des Waage-Menschen verständlich: es
ist, als wüsste man, dass aus jeder Entscheidung ein Trojanischer Krieg
entstehen kann; daher sagt man lieber "sowohl als auch" als "entweder-oder".
Waage soll Getrenntes versöhnen, verbindlich und nicht trennend wirken. Dass
auch das Schwert des Widders zur kosmischen Harmonie gehört, ist eine
schmerzhafte Erkenntnis, der man nur allzu gerne ausweichen würde. Aber:
auch Streiten kann verbinden, Nichtstreiten kann trennen. Wird der
Widder-Gegenpol nicht einbezogen, entsteht tote, gläserne
Weichspülerharmonie. Wird auch er eingeladen, kann sich ein lebendiges
Gleichgewicht von Schwert und Harfe entwickeln. Als letztes Beispiel eines
Waage-Vertreters sei noch Teiresias, der blinde Seher genannt. Von ihm wird
berichtet, er habe ein halbes Leben als Frau und die andere Hälfte als Mann
zugebracht. In beiden Welten zuhause zu sein, das ist die Aufgabe des
Waage-Menschen, egal, ob man als Frau oder als Mann geboren ist.
Familiensystem und
Beziehungsmodell
In der
Waage-Familie regiert eine freundlich-akzeptierende Energie, die ein
selbstverständliches Wir-Gefühl zur Folge hat; hier ist jedes
Familienmitglied willkommen, eingeladen in den Kreis; auch das schwarze
Schaf der Familie! Geselligkeit und Kultur sind vorhanden, im Salon gehen
Künstler und Schriftsteller ein und aus oder es schauen zwischendurch
einfach nette Menschen auf eine Tasse Tee vorbei. Schöngeistige und
künstlerische Aktivitäten werden gefördert, ein erotisches Parfum liegt in
der Luft. Hier werden Beziehungen nach außen bejaht, die heranwachsenden
Söhne und Töchter dürfen ruhig einmal länger ausbleiben, wenn ein Tanzfest
gerade so schön ist. Geld wird nicht nur für Nützliches, sondern vor allem
auch für die schönen Dinge des Lebens ausgegeben; in keiner Familie blühen
die Blumen im Fenster so lange wie hier. Auseinandersetzungen werden
zivilisiert geführt und das Versöhnungsangebot ist immer spürbar; niemand
wird aus der Gemeinschaft verstoßen. Eros und Aphrodite beschützen diese
Familie, die ihre Kinder als liebesfähige, gerechte Menschen auf die
erotische Lebensspur entlässt. Die dunkle Seite des ganzen ist das, was man
in der Familientherapie als Beschönigungssystem (placating-system)
bezeichnet, in dem sozialer Anpassungsdruck individuelle Entfaltung
verhindert; nur nicht negativ auffallen! Hier wird auch dann noch gelächelt,
wenn "die Kacke längst am Dampfen ist"; denn Form ist in diesem System
wichtiger als Inhalt: "Du kannst alles sagen, aber bitte nicht in diesem
Ton!" Blutleere Harmonie, umgeben von immer weißen Tischtüchern, eingepackt
in feine Klamotten und desinteressierte Verbindlichkeit - "Ach wirklich?
Erzählen Sie doch! Ist ja INTERESSANT! - ergeben ein Bild harmonischer
Belanglosigkeit. Störende (marsische) Elemente werden naserümpfend
beschlechtachtet, direkte Auseinandersetzung oder Stellungnahme wird
grundsätzlich vermieden; Verniedlichung und Bagatellisierung - alles halb so
wild! - machen den Konfliktelefanten zur Mücke. Statt Aphrodite regiert hier
Freiherr von Knigge (Waage-Sonne). Ist es nicht schööön bei uns? Wehe Du
merkst nicht, wie gut es Dir hier geht! Das Beziehungsmodell aus Waage-Sicht
ist die harmonische, schöne Verbindung zweier freundlicher Menschen,
getragen von der Sehnsucht nach Ergänzung durch das Du. Geteiltes Leid ist
halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude; liebevolle Begegnung
macht dieses Leben überhaupt erst lebenswert.
Eine
kollektive Erscheinungsform war die Hippiebewegung: "flower power" und "make
love not war" drücken die venusische Sehnsucht genauso aus, wie "Imagine"
von John Lennon (Waage-Sonne). Für alle Menschen ist Beziehung ein zentrales
Lebensthema, so stellt sie für die stark Löwe-geprägten zum Beispiel eine
Möglichkeit dar, das Fest des Lebens gemeinsam zu feiern oder bedeutet den
Jungfrau-Menschen unter anderem eine bewährte und funktionierende Variante
der Daseinsbewältigung. Im Zeichen Waage ist der Zweck der Beziehung die
Beziehung; hier geht es um Beziehung an sich, Beziehung ist hier wichtigstes
Ziel und höchster Zweck. Beziehung aus Waage-Sicht ist leicht und doch
spannend; Puer aeternus und Hetäre verführen, erregen und beflügeln sich
gegenseitig, dabei ist man auch in ständigem Kontakt zu den schönen Dingen
ringsherum: Man versäumt es nicht, sich attraktiv herzurichten, elegant zu
kleiden, ein paar Blumen zu besorgen. Ein gemeinsamer Theaterbesuch oder ein
Abendessen zu Zweit bei Kerzenlicht und leiser Musik in einem ausgewählten
Restaurant, das hält die Beziehung lebendig. Die Zweiheit bleibt bewusst,
niemals geht einer der beiden Pole verloren, es gibt ein Berühren, aber kein
Verschmelzen, niemals geht die Spannung verloren. Ein "Du gehörst mir" oder
"ich gehör Dir" gibt es nicht. Es gibt ein Bekenntnis zur Beziehung, aber
keine Treueschwüre. Alles ist ungeheuer spannend und aufregend; denn immer
wieder gilt es den Einklang herzustellen. Man hat Aphrodite auch als die
Göttin des kurzen Moments bezeichnet, der den Sterblichen das Leben in
seiner ganzen Tiefe erfassen lässt. Diese Augenblicke kann man nicht
konservieren, man kann nur voll und ganz im Augenblick leben und der
erotischen Lebensspur folgend von Augenblick zu Augenblick offen sein für
immer wieder neue Begegnungen und Berührungen.
Die
Schattenseite dieser Beziehungsform ist die Fassadenbeziehung, in der die
äußere Form das Wichtigste ist, um jeden Preis gewahrt werden muss: Manieren
und Kleidung sind vom Feinsten und am Gesellschaftsleben und an der
Kulturszene nimmt man selbstverständlich teil. Aber innen ist die Beziehung
tot; man war nicht in der Lage sich den in jeder Beziehung natürlicherweise
auftretenden Konflikten zu stellen und sie zu bewältigen.
Anregungen für
Beratung und Therapie
Bei
waagebetonten Menschen, in waagebetonten Familien und Beziehungen scheint
nach außen hin oft alles bestens zu sein, und man ist dann ganz überrascht,
wenn plötzlich bei einem Mitglied des familiären oder partnerschaftlichen
Beziehungsgefüges unübersehbar zutage tritt, dass mit dieser Person
irgendetwas nicht stimmt. Meist hat man es mit einem Symptomträger zu tun;
diese Person kommuniziert nach außen, dass das ganze System krank ist,
obwohl der "unauffällige" Partner oder die übrigen "problemfreien"
Familienmitglieder immer noch überzeugt sind, dass bei ihnen alles in
Ordnung ist. In diesen Fällen ist es zweckmäßig zu einer Familien- oder
Paartherapie zu raten, falls es den anderen Beteiligten gelingt, ihren
Anteil an der Gesamtproblematik zu erkennen. Der Segen der Waage-Energie:
die Bereitschaft und Fähigkeit Harmonie zu schaffen; ist nämlich von einem
Fluch begleitet: der Weigerung, das "Unschöne" zu sehen, geschweige denn, es
an sich selbst zu akzeptieren.
Waagebetonte
Kinder sind überaus abhängig von elterlichem Wohlwollen und familiärer
Akzeptanz. Sie wollen gefallen und zeigen daher eine große Bereitschaft,
alle "unschönen" Eigenschaften, wie Wut und Egoismus zu unterdrücken. Man
erlebt dann sehr angenehme, höfliche, angepasste Kinder, denen jedoch
jegliche Spontaneität und Lebenslust abhanden gekommen sind. Später erlebt
man dann Erwachsene, die immer lächeln, nicht stören, mit denen es keine
Probleme gibt, die gute Miene zu jedem bösen Spiel machen, denen das Wort
"nein" ebenso fremd ist, wie das Wort "ich" oder gar "ich will". Sie haben
schon früh gelernt, sich irgendwie durchzulavieren, ohne wirklich Farbe zu
bekennen, sind zum bequemen Mitläufer geworden. Wut ist ihnen genauso fremd
wie es Tränen sind, dafür hat sich auf ihrem Gesicht ein nichtssagendes
Dauerlächeln etabliert. Dahinter steht eine tiefe Angst, negativ
aufzufallen, nicht dazuzugehören, Sympathie zu verlieren; diese Angst macht
sie käuflich. "Eigentlich", "vielleicht", "irgendwie", "mal sehen" sind ihre
Lieblingsworte. Diese Menschen sind im Herzen zutiefst einsam; denn zu einer
echten Beziehung fehlen ihnen der Mut und das Selbstvertrauen. Waage-Kinder
sind von früh an besonders empfindsam für die familiäre Atmosphäre. Sie
haben ein großes Bedürfnis nach Harmonie und, wenn ihre Eltern in offener
oder verdeckter Feindschaft miteinander leben, dann wirft das für diese
Kinder Riesenprobleme auf: sie werden zu sogenannten Sandwichkindern, die
als kleine Diplomaten und Vermittler ständig bemüht sind, die häusliche
Atmosphäre zu entgiften. Dabei sind sie ständig hin- und hergerissen
zwischen Vater und Mutter; machen sie's dem einen Elternteil recht, dann
verderben sie es sich gerade mit dem anderen. Aber auch, wenn beide
Elternteile bemüht sind, die Kinder nicht unter ihrem Konflikt leiden zu
lassen, so reagiert das waagebetonte Kind, vor allem, wenn der Mond im
Zeichen Waage steht, trotzdem auf die subtile Spannung und nimmt sie auf,
als könnte es das System dadurch entlasten. Viele von diesen Kindern
entwickeln sich zu Bettnässern, da sie den ganzen Tag über unter einer
extremen Spannung stehen, die sich dann erst im Schlaf löst. Aber auch für
alles andere, was einem an die Nieren geht, sind Waage-Menschen besonders
anfällig. Neben den Nieren ist auch die Haut eine körperliche Entsprechung
des Waage-Themas. Über die Haut treten wir in Kontakt und Beziehung zu
unserer Umwelt. Schon als Kind ist man hier ein besonders erotisches Wesen,
das sehr sensibel auf die Art und Weise reagiert, wie es berührt wird. Die
Haut ist empfindlich und reagiert sofort bei Kontaktproblemen. Hautprobleme
aller Art sind in der Wurzel oft Berührungsprobleme, auch Abwehrreaktionen
gegen überfürsorgliche Mütter. Waage-Menschen wollen und brauchen viel
Beziehung und liebevollen Kontakt, aber sie wollen nicht vereinnahmt werden.
Hautprobleme können auch Abgrenzungs- und Distanzprobleme sein.
Sonne in Waage
Bei
Sonnenstand Waage entsteht das Bild eines freundlichen, gerechten Königs,
der sich als Sachwalter kosmischer Harmonie auf Erden begreift. Seine
Autorität gründet in dem Wissen um das RECHTE MASS, seine salomonische
Weisheit und Diplomatie sind das Geheimnis seiner Popularität; er wird
geliebt, nicht gefürchtet. Von seinem Land gehen keine Kriege aus, das
kulturelle Leben ist reichhaltig und vielfältig; Künstler und Philosophen
sind höher geachtet, als hochdekorierte Kriegshelden. In diesem Reich gibt
es keine Ausgrenzung oder Feindbilder, hier herrscht Milde, nicht Strenge;
das Gemeinschaftsgefühl ist stärker, als das Konkurrenzdenken. In dieser
Oase ist friedliches Zusammenleben keine Utopie: Mann und Frau, Schwarz und
Weiß, Mensch und Tier, Himmel und Erde existieren in liebevoller Ergänzung.
Der Atem des Eros ist überall; er macht Dich schwerelos und beschwingt. In
dieser Welt, in dieser Energie bist Du als Waage-Mensch zuhause. Bei diesem
Sonnenstand ist es Deine Aufgabe, diese Energie als Deine wahre innere
Kraftquelle zu entdecken und sie als Ausdruck Deiner Herzensweisheit in der
Welt zu leben. Zunächst jedoch sollen Dein Vater und später andere
väterliche Leitfiguren diesem Bild entsprechen. Du bist von Deiner
Bereitschaft her ein freundlicher Sohn oder eine freundliche Tochter. Du
möchtest gerne "wir beide" sagen und empfinden; Du bist kein Vatermörder.
Mit ihm zusammen in der Herbstsonne spazieren gehen und dabei über die Welt
philosophieren... mit ihm bei einem Glas Wein auf der Terrasse eines
toskanischen Landhauses sitzen und im Gefühl wortloser Verbundenheit die im
Meer versinkende Sonne betrachten...mit ihm eine Kunstausstellung
besuchen...oder einfach schöne Stunden in der Gemeinschaft angenehmer
Menschen zu verbringen, das ist Dein Herzensanliegen. Du wirst Deinem Vater
vieles verzeihen; Versöhnlichkeit mit dem väterlichen Erbe fällt Dir
leichter als anderen, da die Augen, mit denen Du den Vater anblickst,
wohlwollend sind. Und: welcher Vater freut sich nicht über diesen Blick?
Dadurch MACHST DU Deinen Vater zu einem freundlichen Vater.
Als Tochter
wirst Du gerne mit ihm flirten, vor allem, wenn er so ein charmant-galanter
Mann ist, wie Du ihn Dir wünschst. Andernteils wirst vielleicht gerade Du es
sein, die diese Seite in ihm anspricht und zum Leben erweckt. Du wirst
freudestrahlend den Walzer am Tanzstundenabschiedsball mit ihm tanzen und
Dich von ihm als stolze aber freundliche Prinzessin in die Gesellschaft
einführen lassen. Die erotische Qualität Eurer Beziehung ist nicht
dunkel-inzestuös, sondern spielerisch leicht und einfach schön. Auch in
späteren Männerbeziehungen wirst Du eine Affinität zum freundlichen puer
aeternus haben, zum heiteren Lebenskünstler, zum Partner mit Geist und
Kultur. Er soll etwas von der Leichtigkeit des Seins verstehen und mit Dir
die Blumen am Rande des Lebensweges pflücken. Erwarte aber all das nicht nur
und nicht zu sehr vom Partner. Du selbst hast die Kraft und die Aufgabe, die
Welt um Dich herum zu verschönern; Eros will durch Dich leben! Ob Mann oder
Frau, Du wirst Dir selbst die Frage stellen: "Bin ich ein schöner, ein
friedlicher, ein ausgeglichener Mensch?" Sicher wirst Du diese Frage nicht
immer mit "ja" beantworten können, aber Du wirst die innere Gewissheit
spüren, dass es Deine Aufgabe ist, die Welt ein Stück schöner, friedlicher
und ausgeglichener zu machen. Daher lautet Dein Auftrag nicht, für das
Schöne und Gute einzutreten, sondern das Schöne und Gute mit dem Hässlichen
und Bösen zu versöhnen. Es ist nicht deine Aufgabe, die Harmonie zu
bewahren, sondern die Ganzheit herzustellen; denn das Bedürfnis nach
Harmonie entspringt dem "ich" und kümmert sich wenig um das "Du"; es
akzeptiert nur ein "Du", das keine Probleme macht, mehr oder weniger eine
Bestätigung des "ich" ist. Aber Du bist nicht hier um zu beweisen oder Dir
bestätigen zu lassen, dass Du gut, schön und gerecht bist; Du musst vielmehr
erkennen: "Was Du nicht bist, bist Du auch!" Wenn Du immer nur ausgeglichen
bist und nie in Schwung kommst, wozu braucht es dich dann als Waage. Ein
Langweiler mehr? "Die Waage ist das Sinnbild des Gleichgewichts oder des
Ausgleichs. Ob dieses Gleichgewicht einen labilen Stillstand oder ein tiefes
Absinken und Emporsteigen bedeutet, hängt von der Schwungweite des Einzelnen
ab". Fragen an Dich aus dem Geiste des Waage-Prinzips sind: Worin liegt
Deine Einseitigkeit? Wo ist Deine innere Harmonie gestört? Auf welche
Waagschale musst Du künftig mehr Gewicht legen: auf die Schwert- oder auf
die Harfenschale, auf die Arbeits- oder auf die Spielschale? Bist Du zur
inneren Hochzeit bereit?
Text von
Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
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