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Ausführliche Beschreibung des Wassermann-Prinzips
Text von Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
Die Wassermann-Zeit,
das ist der mittlere Wintermonat; es ist jetzt tiefster Winter. Das Leben
hat sich in eine innere Welt zurückgezogen, Mutter Erde hat ein Make-up von
Schnee und Eis aufgelegt, sie zeigt uns die "kühle Schulter". Daher kann das
Wassermännische auch als sehr kalt empfunden werden; das Wort "cool" ist ein
Modewort des beginnenden Wassermann-Zeitalters. Es ist kein sonderlich
einladendes Szenarium, das sich dem Neuankömmling bietet; man scheint nicht
mit ihm gerechnet zu haben. Der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf geht,
ist vermutlich: da gehöre ich nicht her. Sicherlich würde er am liebsten auf
dem Absatz kehrt machen und sich mit dem wassermännischen Gruß "und tschüß!"
empfehlen. Der zweite Gedanke dürfte wohl sein: die es hier aushalten müssen
alle spinnen; mit denen verbindet mich rein gar nichts! In einem
Astrologieseminar sagte einmal die Leiterin: "Das Lebensgrundgefühl des
Wassermannes ist: ich bin anders als die andern!" Eine Teilnehmerin, deren
Sonne im Zeichen Wassermann stand, sagte wie aus der Pistole geschossen:
"Das trifft auf mich nicht zu!" Als echter Wassermann lasse ich mich nicht
festlegen, auch nicht auf's Anderssein; denn schließlich bin ich ja auch
diesbezüglich nocheinmal ganz anders.
Unter dem
Zeichen Steinbock war es Thema, der Unwirtlichkeit der Winterwelt zu
trotzen, ihr das Notwendige abzuringen und dabei bis an die äußerste Grenze
der eigenen Belastbarkeit zu gehen; man brauchte dazu die Härte und die
Zähigkeit eines Extrembergsteigers oder eines Marathonläufers. Wenn wir beim
Bild des Marathonläufers bleiben, so würde die Wassermann-Erfahrung jenseits
des toten Punktes liegen, wenn plötzlich alles ganz leicht wird, wenn alle
Körperschwere von einem abfällt und man wie von unsichtbaren Flügeln
getragen dahinschwebt. Es gibt kein Problem, und dennoch ist die Welt voller
Narren, die das (nicht vorhandene) Problem lösen wollen. Die Erfahrung des
Abhebens ist hier eine ganz wesentliche. Das Abheben ist das Abheben des
Vogels oder eines Flugzeugs, die Loslösung von Mutter Erde, die Überwindung
der Schwerkraft, es ist auch ein inneres "Über den Dingen Stehen", aber auch
das Verlassen des Bodens der Realität, das Verrücktwerden.
Uranus, der
Herrscher des Wassermann-Zeichens, wurde 1781 als erster der mit bloßem Auge
nicht mehr sichtbaren Planeten entdeckt. Er, der "Ver-rückte", stand
außerhalb des alten Weltbildes, das durch die Saturnbahn begrenzt wurde.
Saturn symbolisiert Grenze und Struktur, er ist der Herrscher über Raum und
Zeit. Die uranische Erfahrung liegt jenseits von Raum und Zeit. Uranus fragt
nicht danach, aus welcher Familie ich komme, zu welchem Volk ich gehöre oder
in welchem Zeitalter ich geboren bin; die uranische Frage lautet: wer bin
ich jenseits all dieser Prägungen? Es geht nicht darum, dem Leben einen Sinn
oder einen Wert zu geben, sondern um die Erkenntnis, dass das Leben an sich
schon sinnvoll und wertvoll ist. Ich muss keine Titel und keine Verdienste
erwerben, um jemand zu sein; es gilt ganz einfach: ich bin ich - nicht mehr
und nicht weniger und vor allem: nichts sonst.
Der Zweck des
Fliegens ist das Fliegen; in diese Worte könnte man die zentrale Aussage von
Richard Bach's Buch "Die Möwe Jonathan" zusammenfassen. Nicht umsonst wurde
dieses Werk als das Kultbuch unserer Zeit bezeichnet. Es enthält die
Botschaft des Wassermann-Zeichens: der Zweck des Lebens ist das Leben;
nichts sonst. Vergiss alle künstlich erzeugten Wichtigkeiten! Du bist frei!
Lebe Dein Leben! In einer Geschichte von Lao-tse kommt der Meister mit
seinen Schülern an einen Ort, an dem Holzfäller alle Bäume fällen bis auf
einen, der riesig groß mit seinen tausend Ästen mitten auf der Wiese steht.
Er sagt zu seinen Schülern, sie sollen hingehen und die Leute fragen, warum
sie diesen einen Baum nicht fällen. Sie bringen ihm alsbald die Antwort,
dass dieser Baum nicht gefällt werde, da er so schief und krumm gewachsen
sei, dass man sein Holz zu nichts verwenden könne, man könne nicht einmal
Feuer damit machen, da sein Rauch in den Augen brenne. Die Botschaft des
Meisters ist daraufhin: "Werdet wie dieser Baum, wachst krumm und schief;
denn wenn ihr glatt und gerade seid, dann wird man Euch zu Möbeln
verarbeiten!"
Auf einen
kurzen Nenner gebracht könnte man sagen: "Tauge nichts und freue Dich!"
Damit ist gemeint, dass ich mich nicht für das tauglich erweise, was meine
Eltern, meine Lehrer oder die Gesellschaft mit mir vorhaben, sondern meinem
inneren Plan folge; das heißt, wenn ich Baum bin, dann ist es meine Aufgabe
zu wachsen und für gute Luft zu sorgen und Schatten zu spenden und nicht,
gehobelt und geschliffen, als Sekretär das Zimmer irgendeines Ministers zu
zieren.
Das
Grimm‘sche Märchen "Hans im Glück" zeigt uns einen Helden, der dieser
Lebensdevise folgt. Nachdem Hans seinem Herrn sieben Jahre gedient hatte,
sprach er zu diesem: "Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich gerne
wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn." Der Herr ist mit
Hansens Diensten zufrieden gewesen und sein Lohn ist ein Stück Gold so groß
wie sein Kopf. Hans tauscht den Goldklumpen jedoch unterwegs gegen ein Pferd
ein, da es ihm dünkt, dass es wesentlich reizvoller sei zu reiten, als sich
mit dem Gold abzuschleppen. Nachdem ihn das Pferd jedoch einmal abgeworfen
hat, tauscht er es gegen eine Kuh, da er zu der Überzeugung gelangt ist,
dass es viel angenehmer sei, gemächlich hinter der Kuh herzutraben und dabei
noch jeden Tag Milch, Käse und Butter zu haben. Als er jedoch merkt, dass
die Kuh keine Milch mehr gibt, da sie schon zu alt ist, tauscht er sie gegen
ein junges Schwein. Kurz darauf trifft er einen mit einer Gans, der ihm
Angst einjagt, indem er ihm erzählt, dass in dem Dorf, von dem er gerade
komme, ein Schwein gestohlen worden sei. Auf Hansens Bitte ist der andere
bereit, die Gans für das Schwein zu geben. Im letzten Dorf, durch das Hans
auf seinem Weg zur Mutter muss, trifft er auf einen Scherenschleifer, der
ihn davon überzeugt, dass der Beruf eines Scherenschleifers das Nonplusultra
sei. Hans überlässt ihm daraufhin seine Gans für zwei Steine und zieht
vergnügten Herzens seiner Wege. Zu guter Letzt macht er bei einem Brunnen
Rast, legt die beiden Steine auf den Rand des Brunnens und, als er sie
versehentlich anstößt, fallen beide in den Brunnen. Nun springt Hans vor
Freude auf und dankt Gott, daß er ihn auch von dieser Last noch befreit
habe, ohne dass er sich Schuldgefühle machen müsse. Und das Märchen endet
mit den Worten: "Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun
fort, bis er daheim bei seiner Mutter war."
Hansens Glück
nachzuvollziehen fällt uns im allgemeinen nicht leicht, macht er doch von
Anfang bis Ende schlechte Geschäfte und lässt sich ständig übers Ohr hauen.
Wir schätzen eher einen Menschen glücklich, der es im Leben zu was gebracht
hat, der gewogen wird und nicht als zu leicht befunden. Hans jedoch ist
anders: er erleichtert sich am laufenden Band. Als er alles durchgebracht,
beziehungsweise verloren hat, ist er am glücklichsten, als wäre das sein
Ziel gewesen: endlich befreit zu sein von all dem Zeug! Wer schon einmal in
einer Situation war, in der er nichts mehr zu verlieren hatte, weiß, wie
befreiend das ist. So gesehen sind wir alle Gefangene; denn wenn wir auch
nicht viel zu verlieren haben, so haben wir immerhin noch unser Leben, und
das wollen wir auf alle Fälle so lange wie möglich behalten. Auch hier ist
Hans anders. Er freut sich auf 's Heimkommen zur Mutter, das ist sein Ziel,
und er verliert es nie aus den Augen. Gemeint ist natürlich Mutter Erde; in
die Geborgenheit ihres Schoßes kehrt er nach seiner lustigen Lebensreise
wieder zurück. Wer sollte ihn daran hindern? Was könnte ihm also schon viel
passieren, außer vielleicht ein paar unwesentlicher Missgeschicke? Hans ist
so ein rechter Wassermann-Vertreter; wie auf der Durchreise durch ein
fremdes Land, in dem man Urlaub macht, wandert er von Station zu Station,
verweilt dort wie in einem Hotel, in dem man für ein paar Tage absteigt, und
dann erfolgt der wassermännische Gruß: "Und tschüß!" So, das war's dann. So
geht er auch mit seinem Goldklumpen, seinem Pferd, seinem Schwein und seiner
Gans um. Wie gewonnen, so zerronnen - hier gehört ihm sowieso nichts, er ist
ja nur Gast.
Die
Wassermann-Thematik wird durch den Vogel symbolisiert; er ist eigentlich
nicht von hier, sondern ein Himmelsbewohner und das stimmt aber nicht. Und
damit sind wir mitten im Thema: "Mit dem stimmt doch was nicht, der hat doch
einen Vogel!" Solche oder ähnliche Einschätzungen muss man als Wassermann
gelegentlich auf sich ziehen, sonst stimmt wirklich was nicht. Ist es die
Aufgabe des Zwillings, die Welt in Atem zu halten und zu beleben, indem er
geistig rege immer wieder ein neues Argument in die Waagschale menschlicher
Wahrheitssuche wirft, und ist es gleichzeitig die Aufgabe von Waage, immer
wieder einen Ausgleich, eine Synthese zu bewerkstelligen, so fällt dem
Wassermann, dem zentralen Luftzeichen, die Aufgabe zu, die Antithese zu
formulieren, das Noch-nie-Dagewesene, das, was sich bisher keiner vorstellen
konnte, aus dem Luftreich des Geistes auf die Erde zu holen, so dass sich
immer wieder von neuem Unteres mit Oberem, Denkbares mit Undenkbarem
vermählen muss und kann.
Hierzu eine
Geschichte: Ein Indianer kommt auf einer seiner vielen Wanderungen an einer
Hühnerfarm vorbei. Zwischen den Hühnern entdeckt er einen Adler, der pickt
und scharrt wie ein Huhn. Er erkundigt sich deshalb bei dem Farmer, ob
dieser ihm das Tier verkaufen wolle. Der Mann erklärt ihm, dass er es
umsonst haben könne; er sei froh, es los zu sein, da es nur Futter fresse
und keine Eier lege. Der Indianer nimmt sodann das vermeintliche Huhn mit.
Unterwegs schließt er Freundschaft mit dem Hühneradler und erzählt ihm
Geschichten von den großen heiligen Vögeln seines Stammes. Der Indianer will
seinem Freund helfen, sich wieder daran zu erinnern, dass er ein Adler ist
und kein Huhn; dazu geht er mit ihm auf einen hohen Berg mit einem steilen
Abhang. Am Tag darauf ist es so weit, er schleudert den Hühneradler über dem
Steilhang in die Luft; dieser kann aber seine Flügel nicht bewegen und
stürzt in die Tiefe. Erst knapp über dem Boden breitet er endlich seine
Schwingen aus und fliegt. Der Indianer tanzt und lacht vor Freude und sein
Freund steigt zu ihm auf, um sich von ihm zu verabschieden; dabei streift er
mit einer Adlerschwinge fast sein Kopfhaar. Viele von uns leben wie Hühner,
obwohl sie eigentlich Adler sind.
Uranus
vermittelt dem Einzelnen, dass er viel mehr und vor allem auch ganz etwas
anderes ist, als das, was er zu sein glaubt, einerseits symbolisiert er die
Anbindung an das Göttliche, andererseits hebt er das Individuum aus dem
Alleinen heraus, macht es als Einzelwesen erfahrbar; er macht dem Menschen
deutlich, dass er einerseits von Gott kommt, andererseits aber auch getrennt
ist von Gott. Nach zwei Seiten hin erkennt der Mensch, was er nicht ist: er
gehört weder ganz ins Diesseits noch ganz ins jenseits: er ist ein
Ausgestoßener, ein Außenseiter, ein Zigeuner, ein Ausländer, überall fremd,
hier gehört er nicht hin und da nicht: ein Kind von Mutter Erde und Vater
Himmel. Aber der Uranus-Mensch fühlt sich mehr zum Himmel hingezogen zum
Ouranos, er ist eher ein Vatersohn oder eine Vatertochter. Wie der Urvater
Ouranos, der mit der Urmutter Gaia Kinder zeugte und sich dann aus dem Staub
machte, will der Wassermann-Mensch mit der irdischer Notwendigkeit und
Verantwortlichkeit nichts zu tun haben. Er ist wie der Mann in dem Witz zu
dem der Richter sagt: "Angeklagter, geben Sie zu, dass sie der Vater des
Kindes sind?" Er antwortet mit "ja!" Daraufhin der Richter: "Und was ist mit
den Alimenten?" "Ach," sagt er "da verlange ich nichts!"
Im Grunde
kann der Mann nichts dafür, dass die Frau fruchtbar ist; er hat das weder so
eingerichtet, noch fühlt er sich dafür verantwortlich. Das Weibliche, die
Materie bindet das Männliche, den Geist. Die Bindung an die Materie, ist die
Tragik des Wassermännischen; allein die Tatsache, einen Körper zu haben und
sich um dessen Bedürfnisse kümmern zu müssen ist für ihn die Vertreibung aus
dem Paradies (des rein Geistigen).
Zur
Wassermannproblematik:
Saturn
symbolisiert die Grenze von "soweit das Auge reicht"; diesseits von Saturn
bleibt alles im Rahmen, die "Dinge" sind offensichtlich und wir meinen, das
sei die Realität; wer diese Realität anerkennt bezeichnet sich gerne als
Realist, aber eigentlich ist er nur ein Halbrealist oder vielleicht auch ein
frommer Träumer; denn auch das Nichtoffensichtliche ist Teil der Realität.
Und das Nichtoffensichtliche, das Andere, das Fremde, das "Ver-rückte"
beginnt mir Uranus. Das Märchen "Die drei Federn", auf das anlässlich des
Tierkreiszeichens Krebs schon eingegangen worden ist, hat auch einen
uranischen Aspekt. Wenn die Lösung eines Problems nicht klar ersichtlich
ist, wenn nicht erkennbar ist, in welcher Richtung der Weg weiterführt, dann
versucht man sich daran zu orientieren, in welche Richtung der Wind des
Zeitgeistes weht, man wirft eine Feder in die Luft und überlässt die
Entscheidung dem sogenannten Zufall. Aber woher kommt das, was einem da
"zufällt". Gibt es nicht eben doch eine höhere Instanz, die solche "Zufälle"
arrangiert. Wir bekommen es mit dem zu tun, was C.G. Jung das Selbst nennt.
Da gibt es außerhalb unseres bewussten Ich jenes Zentrum, das uns aus der
Ferne steuert. Wir verhalten uns wie ferngesteuert, wir können unsere
Handlungen nicht mehr begründen; sie sind nicht mehr vernünftig, jenseits
von Saturn und jenseits von Merkur.
Die
Bezeichnung "Wassermann" irritiert den astrologischen Neuling oftmals in der
Hinsicht, dass man meint, es mit einem Wasserzeichen zu tun zu haben. In der
griechischen Mythologie, war es Ganymedes, der Mundschenk der Götter, der
später als das Tierkreiszeichen Wassermann an den Himmel versetzt wurde. Der
Planet Uranus ist ein Sendbote des Unbewussten also ein Botschafter der
Großen Mutter. Der Himmel sendet der Erde sein Wasser und macht sie dadurch
fruchtbar. Schlagartig wird alles anders: es mit anderen Augen sehen -
Mitstreiter können zu Gegnern werden. Hans im Glück: Rückkehr zur Mutter, um
wiedergeboren zu werden, der Weg durch die Tierkreiszeichen neigt sich
seinem Ende zu.
Eine
Ganzheit jenseits von Form und Struktur, jenseits von Saturn, eine Ganzheit,
die wie ein Blitz in unser Leben einbricht, es mit einem Schlag verändert.
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