Widder
Ein Blick auf die Jahreszeit,
in der die Sonne im Tierkreisabschnitt Widder verweilt. Es ist die Zeit, in
der viele alte Kulturen die Geburt des neuen Jahres feierten. Die Sonne
beginnt diesen Abschnitt ihrer Jahreswanderung zum Zeitpunkt der
Frühjahrstagundnachtgleiche. Von da an sind die Tage länger als die Nächte,
es ist der Sieg des hellen Prinzips über das dunkle. Überall in der Natur
fängt es an zu treiben und zu sprießen . Das neue Leben bahnt sich seinen
Weg. Nichts kann es aufhalten. Nachdem sich die Lebenskräfte im Schoße der
Jahresnacht erneuert haben, kommt es nun zu einem radikalen Abschied von
diesem mütterlichen Prinzip, zu einem Neubeginn, zur Geburt. Widder ist das
Zeichen der Geburt, der Geburt des neuen, unschuldigen Lebens. Dies drückt
sich auch im gebräuchlichen Widder-Symbol aus, das aus der Man-Rune
entstanden ist, die einem Y gleicht. Sie bedeutet soviel wie Geburt, Osten,
Frühling und stellt einen Menschen dar, der beide Arme in die Höhe streckt;
man könnte sich vorstellen, dass er gerade der warmen Geborgenheit und dem
Traumzustand des nächtlichen Lagers entschlüpft ist, und sich nun dem neuen
Tag entgegenstreckt.
Man kann hier
sehr gut erkennen, wie sich die Symbolik ständig wiederholt, wie es immer
wieder um dasselbe geht: der Geborgenheit des Mutterschoßes folgt die
Geburt, der Winterruhe der Erdmutter das Frühlingserwachen, der Nachtruhe
des Menschen die Morgendämmerung des neuen Tages. Als tatenfreudiger Widder
springst Du beim ersten Sonnenstrahl aus dem Bett und forschst nicht nach
den Träumen der Nacht. Widder ist geschichtslos, ist sich keiner
Vergangenheit bewusst, alles was vorher war liegt im Dunkel des Vergessens.
Rücksichtslos drängt das neue Leben mit dem Kopf voran in die Welt. Obwohl
die Mutter bei der Geburt verletzt im Extremfall gar getötet wird, ist sich
das Neugeborene bei seinem Tun keiner Schuld bewusst, es ist unschuldig.
Manchmal vernichtet das Neue das Alte, ohne es zu wollen; es musste
beseitigt werden, weil es der Zukunft im Wege stand. 'Aries' ist der
lateinische Ausdruck für Widder, 'aries' hieß auch der Sturmbock, ein
riesiger Balken, mit dem man gegen die Tore der zu erobernden Festung
anrannte bis sie nachgaben, bis sie den Weg freigaben. Mit dem Kopf durch
die Wand! Hindernisse sind da um überwunden zu werden. Der Widder sucht den
Kampf um des Kampfes willen. "Wer ist der Stärkere, wer setzt sich durch?"
das ist das Einzige, was hier wirklich interessiert. Hauptsache es rührt
sich was, Hauptsache es kommt etwas in Bewegung, nur kein Stillstand. Das
ist die Grundregel bei jeder Geburt: es muss etwas weitergehen; denn stecken
bleiben, nicht weiterkommen, ist in dieser Situation lebensbedrohlich.
In diesem
Tierkreisabschnitt ist das Leben gleich einer Kette von aufeinanderfolgenden
Geburten, von Aufbrüchen, von Neuanfängen. Immer nach vorne schauen! Wer
blickt zurück auf den Winter, wenn das Frühjahr anbricht, wenn der Sommer
vor einem liegt? Welches Baby blickt zurück in das Dunkel des Geburtskanals,
wenn es das Licht der Welt erblickt hat? Die Geburt ist der entscheidende
Augenblick; ab jetzt hat das junge Leben einen Lebensauftrag, wiedergegeben
im Geburtshoroskop, das die Zeitqualität des Augenblicks der Ent-Scheidung
festhält wie in einer Momentaufnahme. Aus der Perspektive des
Widder-Zeichens ist die zentrale Lebensaufgabe, immer wieder die
Entscheidung zu suchen, keinen Konflikt zu scheuen, keiner
Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen: das Schwert aus der Scheide ziehen
und kämpfen und die Entscheidung herbeiführen, ob nun Sieg oder Niederlage,
beides ist besser als ein fauler Kompromiss. So gibt das Zeichen Widder die
Gewähr dafür, dass das Leben nicht einschläft, dass nichts beim Alten
bleibt, dass auf jedes Heute ein Morgen folgt. Es ist wie ein andauernder
innerer Befehl zu handeln, aktiv zu sein, voranzuschreiten und dabei nie
zurückzuschauen, keine falsche Rücksicht zu nehmen. Das wäre als würde ein
Kind auf die Geburt verzichten, um die Mutter zu schonen. Wäre diese
rücksichtslose Kraft nicht, dieser unbeugsame Wille, voranzuschreiten -
alles Leben wäre längst erlahmt und im ewigen Todesschlaf versunken. Wenn
nun aber die Kraft des Widders die tragende in Deinem Leben ist, wenn Du
einer bist wie Parzival, dann erinnert Dich die Geburt eines jeden neuen
Tages an dieses Urerlebnis Deiner ersten Geburt und täglich heißt es: brich
auf!
So brach
Parzival im Knabenalter auf und folgte seiner Vision, Ritter zu werden, und
er blickte sich nicht um, als seine Mutter Herzeleide vor Kummer tot
zusammenbrach. Immer wieder gilt es eine Mutter, einen mütterlichen Bereich,
der einen geschützt und genährt hat, damit man groß und kräftig genug werden
konnte, um dem Abenteuer des Lebens begegnen zu können, zu verlassen und
keine falsche Rücksicht zu nehmen, nicht aus Undankbarkeit, sondern weil
eine innere Stimme es befiehlt. Und Parzival weiß weder seine Herkunft noch
seinen Namen.
Der Aufbruch
des Widders geschieht nicht in der Form wie zum Beispiel ein Jungfrau-Mensch
das machen würde, gut geplant, perfekt organisiert und mit allen wichtigen
Informationen versehen, sondern spontan im naiven Vertrauen auf die innere
Stimme. "Unwissenheit ist die Mutter aller Abenteuer" belehrt die Comicfigur
'Hägar der Schreckliche' seinen Sohn, der gerade wieder einmal seiner
Lieblingsbeschäftigung, dem Bücherlesen, nachgeht. Nicht lange zaudern und
überlegen: Schicksal entsteht und entscheidet sich durch Handeln. "Wär ich
besonnen, hieß ich nicht der Tell" lässt Schiller seinen Helden verkünden.
Die Unbesonnenheit ist die Stärke wie auch die Schwäche dieses Zeichens.
Auch die Unbelehrbarkeit ist hier zu Hause. Als echter Widder kannst Du Dir
fünfmal den Kopf an derselben Wand anrennen und beim sechsten Mal probierst
Du es wieder. Es hätte ja sein können, dass die Wand diesmal nachgibt. Als
vorsichtige Jungfrau würdest Du Dir bei solch unklugem Verhalten die Haare
raufen. Aber es gibt auch eine Lebensweisheit, die besagt: "du steigst
niemals zweimal in denselben Fluss". Im Zen-Buddhismus unterscheidet man
zwischen Expertengeist und Anfängergeist. Die weise Botschaft in der Haltung
des Anfängergeistes ist: tue alles, als würdest Du es zum ersten Mal tun,
nur so bist Du für eine neue Erfahrung offen. Wenn Du dem Leben mit der
Haltung "das weiß ich schon, das kenn ich schon" begegnest, dann bist Du ein
Gefangener Deiner bisherigen Erfahrungen und sie werden sich für Dich endlos
wiederholen.
"Viel
wissen macht alt" sagt die russische Baba Jaga im Märchen von Wassilissa.
Widder ist aber das Zeichen der ewigen Jugend, hier bist Du im besten Falle
auch mit siebzig noch ein unbeschriebenes Blatt, hier kannst Du Dir mit
achtzig noch ein Motorrad kaufen, auch wenn alle Dir davon abraten. Was
kümmern Dich alle weisen und gut gemeinten Ratschläge, wenn Du eines haben
willst. Hier bist Du am letzten Tage Deines Lebens noch bereit, eine neue
Erfahrung zu machen. Hier kannst Du als alter Mann immer noch staunen, hier
kannst Du Dich als alte Frau immer noch wundern, hier bist Du auf eine gute
Art Kind geblieben: das Leben kann Dich noch beeindrucken. In diesem Sinne
sind sicher auch die Worte von Jesus zu verstehen, wenn er sagt: "Werdet wie
die Kinder!".
Muß 'Hägar
der Schreckliche' als Repräsentant des Prinzips hier erwähnt werden? Hätte
man nicht eine Schublade höher greifen können? Aber nein! Die unterste, die
erste Schublade ist schon die richtige. Widder ist das erste Zeichen. Der
lateinische Ausdruck für 'erster' ist 'primus' und da steckt auch 'primitiv'
mit drinnen. Hägar als der primitive wilde Mann ist mit seiner Art von
Weisheit und Dummheit ein hervorragender Widder-Repräsentant. Warum? Denken
wir mal an den Herrscher dieses Tierkreiszeichens, an Ares, den römischen
Mars. Von ihm sagt Metmann: "Ares aber braucht keinen Lebenssinn und kein
Geheimnis zu entdecken; denn er ist selbst eine Urkraft des Lebens...und
daher göttlich. Leben und Kultur bedürfen ihrer und müssen sich gegen ihr
blindes Walten schützen". In anderen Worten: Ares/Mars symbolisiert die
ungebändigte, unzivilisierte wilde Urkraft des Menschentieres; wer sie nicht
hat, ist nicht wirklich zeugungsfähig, wer sie nicht zähmen kann, wird zum
Zerstörer. Darum hast Du da, wo Du Widder bist, den Auftrag, diese Kraft in
Dir zu entdecken; hast Du sie aber erst einmal freigesetzt, dann darfst Du
ihr nicht freien Lauf lassen, sondern musst sie einbinden in das Netz Deiner
seelischen Funktionen, so wie das Hephaistos, der Gott der Schmiede, mit
Ares gemacht hat. Ares war jedoch nicht allein im Netz des Hephaistos
gefangen, sondern zusammen mit Aphrodite/Venus.
Dieser
Umstand gibt uns einen Hinweis auf ein tiefes Geheimnis: einer der ganz
großen Lebensaufträge, die jeder Tierkreisabschnitt beinhaltet, ist die
Integration des Gegenzeichens. Die rohe männliche Urkraft, symbolisiert
durch Widder und dessen Regenten Mars muss sich öffnen für das weibliche
Prinzip, symbolisiert durch das Zeichen Waage und dessen Herrscherin Venus,
sie muss kultiviert werden. Man denke an dieser Stelle auch an Darwins
Theorie, die besagt, dass der Kampf ums Dasein, die Existenz bestimme und
dass der Stärkere überlebe. Zu dieser Ansicht würde man gelangen,
betrachtete man das Leben allein durch die Widder-Brille - eine
Teilwahrheit; denn setzte man die Waage-Brille auf, so würde man mit Lamarck
übereinstimmen, der zeigt, dass nicht das stärkere, sondern das angepasstere
Tier überlebt- der andere Teil der Wahrheit. Die Polarität von Kampf und
Anpassung, von Krieg und Frieden, Trennung und Versöhnung, Schwert und Harfe
gehört nun einmal zum Leben, und wenn ich, aus welchen Gründen auch immer,
einen dieser Pole abspalte, dann wird er destruktiv. So sehr Gandhis
Philosophie der Gewaltlosigkeit sicher eine tiefe Sehnsucht in uns allen
berührt (Gandhi war Waage-Sonne), so folgerichtig ist, dass gerade er durch
Gewalt starb. Bhagwan meinte zu diesem Thema: alle kämpfen wir für das Gute
und gegen das Böse. Folge ist, dass es immer weiter Kampf gibt! Er stellte
dem romantischen Konzept der Gewaltlosigkeit das der Transformation
gegenüber. In vielen Encounter-Gruppen ließ er Gewalt und Sex total
durchleben, aber nicht, um einer permanenten Orgie zu frönen, sondern um
Energie zu transformieren. Die meisten von uns wissen, wie man sich nach
einem ordentlichen Wutanfall oder nach einer heißen Liebesnacht fühlt: frei
und leicht, ohne die geringste destruktive Energie. Wir alle wissen, wie wir
uns fühlen, wenn wir auf unterdrückter Wut und Sexualität hocken bleiben:
giftig-gierig, neidisch, destruktiv. Insofern will Widder uns lehren, die
ursprüngliche, primitive, wilde Seite unseres Wesens mitleben zu lassen, sie
als eine Seite unseres inneren Kosmos zu akzeptieren. Je mehr ich dazu
bereit bin, desto geringer wird die Gefahr echter Destruktivität oder
Gewalt. Zurück zu Mars und seinen irdischen Vertretern: die Forderung nach
Integration des Weiblichen stellt den Helden vor ernsthafte Schwierigkeiten.
Wie sehen diese aus?
Es gibt ein
skandinavisches Märchen mit dem Titel "Der Bursche, der sich vor nichts
fürchtete". Diese Überschrift deutet schon an, dass es sich hier um einen
Helden vom Typus Widder handelt: ein junger Mann ist es, der sein Dorf
verlassen muss, weil er vor nichts Angst hat. Nachdem er die wildesten
Abenteuer bestanden hat, gelangt er in den Besitz einer Zaubersalbe, mit
deren Hilfe man abgeschlagene Köpfe wieder aufsetzen kann. Weil ihm und
seinen Kumpanen offenbar langweilig ist, schlagen sie sich zum Zeitvertreib
gegenseitig die Köpfe ab und setzen sie sich dann wieder auf. Da passiert
es: sie schlagen auch dem Burschen das Haupt ab und setzen es ihm
versehentlich verkehrt herum wieder auf. In diesem Moment, als er zum ersten
Mal sein Hinterteil sieht, überkommt ihn das Grauen. Ein makabres, aber
wunderbares Bild. Als Widder-Held lebte dieser Bursche mit dem
frühlingshaften Unsterblichkeitsgefühl. Dunkelheit, Schmerz und Tod
existieren ja zunächst nicht im jugendlichen Lebensgefühl. Sein Mut war im
Grunde nur Naivität, weil echte Tapferkeit das Bewusstsein der Gefahr
voraussetzt. Auch das ehrfurchtslose 'Stirb-und-werde-Spiel' kann er nur
spielen, weil er sich seiner Sterblichkeit noch nicht bewusst ist. Dieses
Bewusstsein bekommt er, als er zum ersten Mal sein Hinterteil sieht, das für
die Ausscheidung der toten Lebensschlacke zuständig ist: da erkennt er die
Vergänglichkeit seines Körpers; plötzlich bekommt er Rücksicht ins Reich der
Mutter, aus dem wir kommen und in das wir im Tode alle zurückkehren; die 'Mater-ielle'
Realität wird offenbar, der Traum der Unsterblichkeit zerplatzt; "Scheiße!"
.
Im
parallelen Grimmschen Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu
lernen" lernt der Held das Gruseln, als ihm nachts eine Magd eine Schüssel
voll Wasser mit Fischen darin übers Gesicht gießt; vorher hat auch er alle
möglichen Abenteuer bestanden. Was ist daran so furchterregend? Das sind
alles weibliche Symbole: die Nacht als Reich der 'Dunklen Mutter', die
Schüssel natürlich, die etwas aufnehmen, empfangen kann, das weibliche
Gefühlselement Wasser, das Bett, in dem man geboren wird, aber auch stirbt,
und die Magd - ach wär's doch nur ein Riese gewesen, dann hätte man als Held
schon gewusst, was zu tun ist. Hier offenbart sich die tiefe Angst des
männlichen Helden vor der Großen Mutter, vor allem natürlich der
Todesmutter. Aber es ist natürlich auch die Angst vor dem Weiblichen
schlechthin, vor allem vor den eigenen weiblichen Anteilen, vor den eigenen
'schwachen', gefühlvollen, mitleidsfähigen Seiten; denn der Held hat vor
nichts Angst, außer davor, kein Held zu sein.
Welche
Probleme der Widder-Held mit dem Weiblichen hat, zeigt auch die Geschichte
von den Argonauten und ihrem Anführer, Iason. Mit Hilfe von Medea raubt er
das goldene Vlies, ein Widderfell, betrügt sie jedoch anschließend und
fordert durch seine Undankbarkeit ihre Rache heraus. Sie tötet die
gemeinsamen Kinder; er endet als gebrochener Mann. Wie ist das Problem nun
zu lösen?
In einem
anderen Märchen der Brüder Grimm, es heißt "Der Königssohn, der sich vor
nichts fürchtet", zieht der Held mit der Einstellung "ich kann alles, wozu
ich Lust habe" ins Leben hinaus. Nach bestandenen Abenteuern, wird er jedoch
im Verlauf der Geschichte von einem Riesen seines Augenlichts beraubt. Der
zuerst nur Extrovertierte kann die Welt nicht mehr erobern, er muss den
Blick auf die innere Wirklichkeit richten, er muss 'einsichtig' werden. Der
Verlust des Augenlichts wird oft auch als symbolische Andeutung einer
Kastration verstanden; man kann sich auch vorstellen, dass dem Königssohn
seine männliche Potenz abhanden gekommen ist - vorübergehend; denn später
bekommt er sein Augenlicht zurück. Es bedarf anscheinend einer Phase der
Hilflosigkeit, um den Nur-Mann aus seinem Macho-Dasein zu befreien.
Jedenfalls vollzieht sich im Königssohn eine Wandlung und er ist somit
gerüstet, sein 'größtes Abenteuer' zu bestehen. Es geht darum, eine
verwunschene Prinzessin, die ganz schwarz ist, zu erlösen; offenbar seine
Anima, seine eigenen weiblichen Anteile, die von geheimer Zaubermacht ins
Dunkel des Unbewussten gebannt worden sind. "Drei Nächte musst Du in dem
großen Saal des verwünschten Schlosses zubringen, aber es darf keine Furcht
in Dein Herz kommen. Wenn sie Dich auf das Ärgste quälen und Du hältst es
aus, ohne einen Laut von Dir zu geben, so bin ich erlöst;..." instruiert die
Königstochter ihren Retter. Nicht kämpfen und ruhmreich siegen, sondern
stillhalten und leiden wird auf einmal von ihm verlangt. Er muss seine
passive, leidensbereite Seite entdecken. "Ich will's mit Gottes Hilfe
versuchen" antwortet der Prinz. Dieser Widder hat's geschafft: Vom
übermütigen "ich kann alles, wozu ich Lust habe" bis zum demütigen "ich
will's mit Gottes Hilfe versuchen" hat er sein Wesen gespannt und damit die
Einseitigkeit überwunden; der verwunschene weibliche Anteil wird erlöst und
er wird ein vollständiger Mensch: die 'Heilige Hochzeit' kann stattfinden.
Am Ende
bleibt die Erkenntnis, dass man das Leben nicht erobern kann, sondern nur
annehmen; und gerade dieses Annehmen erfordert den ganzen Mann, den ganzen
Mut; so bestehen die wirklichen Helden nicht bei Olympia oder auf den
Gipfeln des Himalaja ihre Abenteuer, sondern von Tag zu Tag im Lebensalltag.
Und das Abenteuer, das das größte Risiko beinhaltet und den meisten Mut
abverlangt, ist immer noch das Abenteuer der Liebe, womit jetzt nicht
Verliebtsein und Schwärmerei gemeint ist; aber dazu dann mehr bei der
Besprechung des Tierkreiszeichens Waage.
Familiensystem
Allgemein kann man sagen: ist Widderenergie in einer Familie stark
repräsentiert, so ist eine recht lebendige Angelegenheit zu erwarten. Meist
ein bewegtes Familienschicksal mit viel Abschied, Trennung, Wechsel von Ort
oder/und Anzahl der Familienmitglieder. Die helle Seite des Systems ist
Offenheit, Direktheit und Klarheit im Umgang miteinander, die Möglichkeit,
sich auseinanderzusetzen oder zu streiten, ohne dass gleich die Welt
zusammenbricht, aber auch das kameradschaftliche Zusammenhalten bei
Bedrohung von außen. Die dunkle Seite ist, dass hier oft sehr viel Energie
in Machtkämpfe investiert wird nach dem Motto: Wer ist stärker? Wer hat
recht? Wer bestimmt? Das in der Familientherapie sogenannte "blaming system",
das Beschuldigungssystem findet man hier oft. In diesem System wird viel
geredet, aber kaum zugehört. Wenn etwas schief geht, ist grundsätzlich ein
anderer schuld, Sündenböcke werden benötigt und oft gibt es offene
Feindschaft zwischen einzelnen Familienmitgliedern und Koalitionen (z.B.
Mutter und Sohn gegen den 'bösen' Vater) oder offene Gewalt.
Beziehungsmodell
Wenn man über Beziehung spricht müssen im Horoskop neben Sonne und Mond vor
allem auch Mars und Venus beachtet werden. Auch zu diesem Thema hier ein
paar allgemeine Betrachtungen zu einer Beziehung in der viel Widder-Energie
vorhanden ist. Mann-Frau-Beziehungen sind natürlich geprägt durch das
Erlebnis des ersten Mannes und der ersten Frau in unserem Leben, durch
unsere Eltern. Insofern spielen die im letzten Abschnitt besprochenen Themen
auch in die Partnerschaft herein. Es ist für uns alle eine lebenslange
Aufgabe, unseren Partner aus dem Muster unserer Vater-/Mutter-Erfahrung zu
befreien. Gerade deswegen ist es wichtig, dass ein jeder sein ureigenes
inneres Beziehungsmotiv versteht, seine ureigene männlich-weibliche Energie
jenseits dessen, was er/sie von den Eltern vorgelebt bekam. In der Jungschen
Psychologie gibt es die verschiedenen Strukturen der Urform von Mann und
Frau: Held, Weiser, Vater, Ewiger Jüngling und Amazone, Mediale, Mutter,
Hetäre. Das stimmige Beziehungsmodell aus Widdersicht ist das von Held und
Amazone.
Der
Psychotherapeut Helmut Remmler zeichnet davon folgendes Bild: Sie (Held und
Amazone) reiten auf zwei Pferden nebeneinander her, auf ein fernes Ziel zu
und sehen sich dabei nicht an. Gemeinsame Aufgaben, Ziele, Abenteuer
verbinden die beiden, nicht das Interesse an der Psyche des Partners.
Miteinander ein Geschäft aufziehen, eine Weltreise machen oder einfach viel
unternehmen, das ist hier wichtig. Der helle Aspekt der Widder-Beziehung ist
die ewig junge, spannend-abenteuerliche Beziehung, in der Streit das Salz
der Liebe ist. Das 'Nein in der Liebe' (Schellenbaum) hat genauso Platz wie
der Satz "Liebe ist Trennung" (H. Remmler). Auch Wolf und Wildsau dürfen
mitleben, es ist Platz für den wilden Mann und die wilde Frau, unschuldige
Lust an der Sexualität ist angesagt, nicht deren Mystifizierung oder
Verklärung. Man kann denselben Partner immer wieder neu entdecken - oder
gehen, wenn die Lebendigkeit aus der Beziehung verschwunden ist; man kann
sich mit großer Begeisterung immer wieder neu verlieben. Hauptsache: Leben
in der Bude, das hält jung! Die dunkle Seite dieses Modells hat mit
Machtkampf und negativer Rücksichtslosigkeit zu tun: ich liebe Dich, solange
Du tust, was ich will. Wer Du für Dich bist, ist mir egal. Widder an sich
hat es mit dem Weg zum Du nicht gerade leicht; es handelt sich ja um das ICH
WILL! Widder sagt 'wir' und meint 'ich'. Und wenn der andere nicht bereit
ist, Meine Definition von Liebe und Beziehung zu akzeptieren, ist er dumm,
böswillig oder er liebt mich einfach nicht. Beziehung an sich ist eine
Quelle von Ohnmacht: ich kann niemanden zwingen, mich zu lieben. "Lieb mich
gefälligst!" nützt nichts.
Um diesem
Ohnmachtsgefühl nicht zu begegnen, ist oft jedes Mittel recht:
Unterdrückung, Willkür, Kontrolle, Schuldzuweisung. Diesem Schatten-Widder
geht es nur gut, wenn es dem anderen schlecht geht, und er bricht zusammen,
wenn der Partner sich ohne seine Erlaubnis entwickelt. Der Mann wird dann
zum typischen Herrscher, der im Grunde ein Schwächling ist und gerade
deshalb soviel Kontrolle über die Frau braucht; als Frau wirst Du den Mann
klein machen, demütigen, kastrieren. Ein Problem ist oft der Satz: "Sei
stark, aber ich lasse es nicht zu". Als Widder achte ich Dich nur, wenn Du
stark bist, aber Du darfst ja nicht stärker sein als ich. Oder: "lass Dir
nichts gefallen - außer von mir". All das kann zu der berühmt-berüchtigten
Streitehe führen nach dem Motto: gemeinsam sind wir unausstehlich.
Eine wahre
Geschichte: Eines abends kam ein riesenhafter Bauarbeiter zur Eheberatung.
Ohne Gruß begann er folgendermaßen: Sie sind doch Eheberater. Gestern ist
mir meine Frau davongelaufen. Wo kriege ich so schnell wie möglich eine neue
her? Es stellte sich heraus, dass es bereits seine dritte gescheiterte Ehe
war, immerhin war der Mann erst fünfundzwanzig und Widder. Er ließ sich
überzeugen, dass es doch wichtig sei, sich zunächst einmal anzusehen, warum
die letzte Beziehung gescheitert war und vereinbarte einen Termin, zu dem er
dann auch kam. Er blieb zehn Minuten, dann stand er auf und ging; bevor er
die Tür hinter sich zuknallte kommentierte er die Bemühungen der Beraterin:
" Sie mit ihrem Gesäusel!"
Noch ein
Beispiel: Eine Widder-Frau kam samt ihrem Ehemann zur Eheberatung. Sie war
eine starke, strahlende Frau und sie ging keinem Streit aus dem Weg. Das war
einer der kritischen Punkte der Beziehung. Ihr Mann (Sonne in Krebs) hielt
es kaum aus, wenn sie auf einer Party sich sofort mit jemandem anzulegen
versuchte. Seine Beschwichtigungsversuche machten den Tiger in ihr natürlich
nur noch wütender. Ihre Vorstellung von Solidarität drückte sie ihrem
Ehemann gegenüber in einer Sitzung wörtlich so aus: "Pass auf! Wenn ich mit
jemandem streite, musst Du bedingungslos zu mir stehen. Wenn ich zum
Beispiel sage, dieser Vorhang ist grün - sie deutete auf einen gelben
Vorhang - dann ist er für Dich auch grün. Hast Du das verstanden?"
Es ist klar,
dass es hier nicht unbedingt um Objektivität geht - aber, wenn Du einen
unkastrierten Widder zum Partner oder Freund hast, wird er zu Dir stehen,
auch wenn Du nicht immer im Recht bist. Und: hier werden eindeutige
Bekenntnisse gefordert und gegeben, für wie lange auch immer. Wenn Du Dir
die Weisheit des Widders zu eigen machst, dann lebst Du Beziehungen, die
brennen, die gespeist sind vom Urfeuer; dann magst Du es heiß. Deine
Weisheit ist die Unvernunft; Du kannst im Moment leben und beherrschst die
hohe Kunst des Vergessens. Du wirst Dich hüten vor Beziehungen, in denen
keine Vision mehr lebt und musst bereit sein, im Namen neuen Lebens das
trennende Schwert zu gebrauchen. Dein Lebenswille wird Dir nicht gestatten,
in toten Beziehungen zu bleiben und am Ende Deines Daseins bitter auf ein
ungelebtes Leben zurückzuschauen. Wer soll etwas ändern, wenn nicht Du?
Wann, wenn nicht jetzt? Wie viel Zeit hast Du noch? Diese Fragen legt Dir
das Urbild Widder ans Herz - und: Versöhnung mit diesem Prinzip heißt, Dir
diese Fragen täglich zu stellen. Du bist die Ursache Deines Elends; und: Du
erschaffst Deine Wirklichkeit täglich neu! Du hast die Wahl, Opfer oder
Schöpfer zu sein - also spar Dir alle Ausreden!
Therapie
Körperlich entsprechen dem Widder der Kopf und die Zähne. Widderprobleme
bestehen darin, dass man entweder blind-rücksichtslos oder
selbstverleugnend-rücksichtsvoll ist, also entweder man ist ein Beißer und
rennt sich an allem, was man nicht über den Haufen rennen kann, den Kopf an
und beißt sich im Endeffekt an der Welt die Zähne aus oder man hat eine
Beißhemmung, bis die Zähne, die man nicht gebrauchen kann, krank werden und
ausfallen oder einem die nicht gelebte Aggression von außen begegnet in Form
des Bohrers oder der Spritze des Zahnarztes. Die Beißer sind der leichtere
Fall; denn im Grunde geht es nur darum, etwas zu finden, eine Aufgabe, eine
Herausforderung, an der sie ihren Biss erproben können.
Gesellschaftlich bedingt hat man es meistens mit dem schwierigeren Fall, mit
den Gehemmten zu tun; denn in der preußisch-deutschen Erziehung war es bis
vor kurzem üblich dem Kind den Willen zu brechen. In Pädagogiklehrbüchern
unserer Großeltern war als schlimmste und unbedingt zu beseitigende
Eigenschaft des Kindes der Eigenwille genannt. Was dieses pädagogische
Konzept für Widder-Kinder bedeutet ist offensichtlich: Sei nicht, was Du
bist! Auf ein anderes Problem weist Jutta Voss in ihrem Buch "Das
Schwarzmond-Tabu" hin. Sie berichtet, dass in matriarchaler Zeit überall auf
der Erde eine Wildsau-Göttin existierte, als Symbol für die vollmächtige
Weiblichkeit, die auch ihre wilde, animalische, hexenhafte Energie bejaht
und lebt. Sie weist nach, wie der patriarchale Mann mit Hilfe seiner
Gottesbilder diese Wildsau allmählich in ein Marzipanschweinchen verwandelt
hat; die von ihm gefürchtete Hexenseite wurde verbrannt. Von dieser
jahrhundertealten Verteufelung der Hexen- und Wildsauenergie sind,
astrologisch gesehen, besonders widder- und skorpionbetonte Frauen
betroffen, da in ihnen dieser wilde, dunkle Aspekt der Weiblichkeit am
meisten nach Ausdruck verlangt.
So gibt es
viele 'Amazonen-Horoskope', vor allem aus unserer Eltern- und
Großelternzeit, von deren Besitzerinnen die Söhne und Töchter nur in den
seltensten Fällen von starken und wilden Frauen berichten; sehr oft dagegen
von kranken, depressiven, unzufriedenen Frauen, bei denen sich die Wildsau
höchstens noch im Kopf als Migräne austobt. Das Tragische dabei ist, dass
diese von ihrer wilden Energie abgeschnittenen Mütter natürlich auch keine
Identifikationsfigur für ihre Amazonentochter abgaben.
Das Thema
fast aller Widder, die einen Therapeuten aufsuchen, ist die Befreiung
marsischer Energien. Der gefangene Wolf, die gezähmte Wildsau wollen ihr
Lebensrecht einfordern. Deshalb genügt hier nicht eine gesprächsorientierte,
analytische Arbeit welcher Provenienz auch immer: es macht den Wolf nicht
lebendiger, wenn er weiß, warum er gefangen ist! Um gefangene marsische
Energien zu befreien, ist Arbeit mit dem Körper , die Bewegung und Aktion
benutzt, naheliegend. Bioenergetik, Energiearbeit, Encounter, usw. bieten
sich an. Der gefangene Wolf sitzt bioenergetisch gesehen oft im Kiefer,
gehalten durch enorme Verspannungen dort (evtl. nächtliches Zähneknirschen)
oder im Schulter-Arm-Syndrom (Zuschlagen wollen und nicht dürfen), ganz
allgemein in Lähmungserscheinungen und in der Depression. Den Wolf zu
integrieren heißt: Arbeit mit Aggression ist unerlässlich. Das Gesagte
verdeutlicht, warum es einem 'bravgemachten' Widder wenig bringt, wenn er
sich wiederum, wie gewohnt, artig auf die Couch des Analytikers legt. Oft
gibt es in der Therapie Tempoprobleme nach dem Motto: Nun bin ich schon
dreimal hier gewesen und noch immer hat sich nichts verändert! Ich muss mir
einen neuen Therapeuten oder eine neue Therapieform suchen! Dieses Problem
hat natürlich umgekehrt auch der Widder-Therapeut, wenn sein Klient es wagen
sollte, nicht umgehend gesund zu werden. Der typische Widder-Therapeut kann
gut Prozesse in Gang bringen, etwas anreißen, schwer aber länger dauernde
Prozesse begleiten oder gar Durststrecken und Regressionsphasen.
Grundsätzlich geht der Widder davon aus, niemanden zu brauchen, es notfalls
und auch sonst alleine zu schaffen. Er lässt sich nicht gerne helfen, gute
Ratschläge oder Arbeitsaufträge erteilen. Er/sie kommt eher in Therapie, um
neue Seiten an sich zu entdecken und ungenutztes Potential freizulegen.
Sonne in
Widder
Die Sonne symbolisiert im Horoskop zunächst einmal den leiblichen Vater bzw.
die Person, die diese Rolle übernommen hat. Welche Art von Vater wäre der
Wunschvater eines Kindes mit Widder-Sonne? Der Vater müsste natürlich im
Herzen jung, stark und mutig sein, ein Held, ein Krieger, ein Pionier, ein
Eroberer, er müsste irgendwo der Erste sein, der Beste, der Chef, derjenige,
der das Sagen hat. Und das Kind sieht den Vater durch diese Brille, auch
wenn seine Realität eine andere ist, wenn er vielleicht nur ein kleiner
Angestellter ist, in den Augen des Kindes ist er der Größte. Er sollte das
Kind mit auf die Jagd nehmen, hohe Berge mit ihm besteigen, mit ihm
hinausgehen in die wilde, abenteuerliche Welt da draußen. Wenn dieses Kind
den Vater als schwach oder krank erlebt, wenn er ein vom Schicksal
Gebrochener ist oder wenn er konfliktscheu ist, kein klares Gegenüber
bietet, sich drückt oder herausredet, wenn er vor dem Chef zu Kreuze kriecht
oder sich von der Frau unterdrücken lässt oder wenn er ein ängstlicher "Paß-auf-Vater"
ist, der dem Kind die Lust und den Mut auf das Lebensabenteuer erstickt,
dann bricht eine Welt zusammen. Der junge Mensch kann sich dann nicht als
Kind an der Seite des starken Mannes erleben, hat im Außen kein Vorbild für
das, was sich in ihm entfalten will. Tief im Herzen wird der/die
Heranwachsende den Vater für seine Schwäche verachten und wird nur schwer
einen Zugang finden zum Väterlichen in sich selbst und draußen in der Welt
oder er/sie zeigt Verständnis für den Vater und opfert dadurch seine
Eigenart; denn hier gilt in ganz besonderem Maße: Verständnis ist der
Trostpreis fürs (geopferte)Leben.
Ist ein
starker Vater da, so muss es zwangsläufig dann zum Konflikt kommen, wenn das
Kind die eigenen Widderqualitäten, den starken Mann in sich entdeckt. Als
Widder musst Du Dich auf Deinem Wege der Selbstwerdung vom Vater trennen,
musst Du Deinen Willen gegen seinen setzen, Dein Ich gegen seines.
Irgendwann stellt sich die Frage: wessen Wille geschieht? Wer hat das Sagen?
Wenn das Kind Glück hat, dann stellt sich der Vater dieser
Auseinandersetzung. Schwierig wird es, wenn der Vater neben sich nicht noch
jemand Starken dulden will. Dann können ganze Lebenskonzepte widderbetonter
Kinder davon bestimmt sein, 'es ihm zu beweisen', ihn zu übertrumpfen.
Obwohl Du es mit dieser Haltung im Leben nicht gerade leicht haben wirst, da
sie ja automatisch auf alle Vaterstellvertreter wie Lehrer, Chefs, bei
Frauen der Ehemann, Polizisten und Autoritäten aller Art übertragen wird,
ist sie für eine Zeitlang, bis maximal zur Lebensmitte, durchaus normal und
akzeptabel. Spätestens dann müssten sich der Widder-Held und die
Widder-Amazone bewusst machen, dass sie in dieser Rivalitätshaltung abhängig
vom Vater bleiben und noch nicht reif dafür sind, selber in der Gesellschaft
eine Vaterrolle, eine Führungsrolle zu übernehmen. Im Gegenteil: man
definiert sich gegen das väterliche Prinzip; der Professor kann nicht recht
haben, weil er der Professor ist; als Frau bekämpfst Du Dein Leben lang
Männer, weil sie Männer sind. Es besteht die Gefahr, sich zu Tode zu siegen
und lebenslang in einer unversöhnlichen Stolz- und Trotzhaltung zu
verbleiben, was letztlich einsam und verbittert macht.
Der Vater,
den dieses Kind braucht, müsste im Idealfall selbst ein echter Widder sein,
seine Freude an der Herausforderung des kleinen Kriegers oder der kleinen
Kriegerin haben und den herangewachsenen Spross zur rechten Zeit aus dem
Nest werfen; denn als Widder darfst Du kein braver Vatersohn, keine brave
Vatertochter bleiben. Und das bedeutet in den meisten Fällen, das Zuhause zu
verlassen und sein eigenes Glück in der Welt suchen, nicht das der Eltern.
Wenn ein Märchen etwa mit den folgenden Worten beginnt: "Einem Königssohn
gefiel es nicht mehr in seines Vaters Haus ..." dann weißt Du schon, hier
hast Du einen Feuer-Helden vor Dir, also Widder oder die verwandten Zeichen
Löwe und Schütze. Es kann sich natürlich auch um einen geistigen Auszug
handeln: Sohn oder Tochter wählen dann Lehre oder Studienfach oder
politische Heimat konträr zum Vater. Oder ein psychischer Auszug: Ich bin
als Mann, als Frau ganz anders als Du mich haben willst, Vater, auch wenn
ich dabei Deinen Segen verliere. Als Mann mit dieser Sonne kannst Du nicht
in der Armee des Vaters dienen, da musst Du selbst zum Heerführer werden, da
kannst Du oft nicht als Juniorchef in der Firma des Vaters bleiben, sondern
musst Deine eigene Firma gründen, selber Chef werden und vor allem, das ist
ganz wichtig: es aus eigener Kraft schaffen, nicht irgendwo Nachfolger sein,
Zweiter, sondern Erster, selbst etwas aus der Wiege heben.
Der
selbsteröffnete kleine Kiosk ist symbolisch von weit größerer Bedeutung, als
die vom Vater übernommene Firma mit zehntausend Angestellten. Irgendwann
kann dann die Rückkehr ins Vaterhaus, in die väterliche Firma, etc. und eine
Versöhnung stattfinden, aber nicht auf der Ebene 'verlorener Sohn oder
verlorene Tochter kehrt heim', sondern auf einer Erwachsenenebene, von Mann
zu Mann, bzw. von Frau zu Mann.
Als Frau mit
dieser Sonne, bist Du zunächst einmal eine Vatertochter: Du bewunderst den
'Großen Mann'. Und später wirst Du dieses innere Vaterbild auf den Mann
übertragen, den Du heiraten möchtest, der der Vater Deiner Kinder werden
soll. Beziehungsweise wirst Du dir Deinen Mann nach diesem inneren Bilde
aussuchen. Es werden die Unverzagten, die Draufgänger sein, an deren Seite
Du Dich als Frau vorstellen könntest. Aber im Grunde möchtest Du selbst die
Hosen anhaben. Wahrscheinlich hast Du als Mädchen schon lieber mit den Buben
herumgetobt, als zu Hause mit Puppen gespielt. Irgendwann, meist so zwischen
dreißig und vierzig, ist es angesagt, dass Du aufhörst, Deinem Mann die
Rolle des "Chefs" zu überlassen, dass Du anfängst, selbst zu bestimmen, wer
Du bist und was Du tust. " Tu, was Du willst!" ist die Botschaft des Kosmos
an Dich, aber nicht im Sinne von verantwortungs- und rücksichtslosem
Handeln, sondern Du sollst auf Deine innere Stimme hören, Du sollst Dir klar
darüber werden, was Du wirklich willst, was Dir das Wichtigste ist; das
sollst Du tun, ganzherzig, ohne 'wenn und aber', ohne falsche Rücksicht; das
ist der göttliche Auftrag dieses Zeichens: werde, was Du bist - und ob Mann
oder Frau, ohne Kampf wird das nicht gehen. Beide, Mann und Frau, müssen
ihren Umgang mit dem wilden Mann finden, mit dem Ungeheuer. Als Widder-Mann
erscheinst Du selbst der Welt als so ein Ungeheuer, als Widder-Frau begegnet
es Dir zunächst einmal in der Gestalt des Mannes.
Im Märchen
"La belle et la bete" ist diese Situation treffend dargestellt. Die Heldin
muss lange Zeit in einem Schloss mit einem Ungeheuer verbringen. Nach
anfänglich großer Angst gewinnt sie das Scheusal allmählich lieb, weil sie
dessen gutes Herz spürt. Am Ende hält sie das sterbende Ungeheuer in ihren
Armen und ist aufrichtig bereit, es zu heiraten; in diesem Moment verwandelt
es sich in den Prinzen. "Alles an Dir ist etwas wert, wenn Du es nur
besitzt" sagt Sheldon B. Kopp. Wenn Du Dich einer ungeheuerlichen Seite
Deines Wesens gegenübersiehst, so freunde Dich mit ihr an, damit sie sich
verwandeln kann. Das braucht Mut und viel Zeit - es ist ein langes Märchen.
Zusammenfassung und Ausblick
Dein Bild des Vaters ist das des Erneuerers des Pioniers: Im Laufe Deines
Lebens sollst Du erkennen, dass diese Variante des Väterlichen als Leitbild
in Dir existiert, dass dies Dein Anteil am Vater-Archetyp ist, nicht der
Deines Vaters: Deine Aufgabe im Leben ist es, ein Erneuerer zu sein. Aber im
tiefsten Sinne nicht nur ein Erneuerer draußen in der Welt, sondern auch ein
Erneuerer in Dir. Darum genügt es Parzival nicht, König Arthur, sein inneres
väterliches Leitbild, gefunden zu haben und Ritter in seiner Tafelrunde
geworden zu sein; die innere Stimme drängt ihn voranzuschreiten und den
Heiligen Graal zu suchen und dessen König zu erlösen. Als Ritter der
Tafelrunde hat Parzival sein Ich gefunden und in der Welt definiert. Der
Gral ist aber ein Symbol für das Selbst. Auf dem Wege zur Selbstfindung muss
dieses Ich überwunden bzw. geopfert werden. So kommt es zu einem Kampf
zwischen Parzival und seinem Doppelgänger Gauvain, ohne dass Parzival sein
Gegenüber zunächst erkennt. Nach dem Kampf bemerkt Parzival: "Ich habe gegen
mich selbst gekämpft". Und Gauvain antwortet ihm: "Du hast Dich selbst
besiegt". Gauvain ist nur Held, er ist der ideale Ritter, Parzival aber
ringt um seine menschliche Ganzheit, darum muss der Anteil seiner
Persönlichkeit, der durch Gauvain symbolisiert ist, überwunden werden. Diese
Szene erinnert auch an den Königssohn, der nächtens von den Teufeln, also
von quälenden Aspekten seiner Seele, gemartert wird, und ihnen zu
widerstehen hat, damit das verwunschene Weibliche erlöst werden kann. Als
Parzival die Graalsburg zum ersten Mal betreten hatte, vergaß er, die Frage
nach dem Graal zu stellen. Ein Eremit erklärt ihm später, dass er die Frage
nicht stellen konnte, weil er am Tode seiner Mutter schuld sei.
Die Tragik
des Helden ist, dass er nicht unschuldig bleiben kann. Um seinen
Lebensauftrag zu erfüllen, musste er die Mutter verlassen und gleichzeitig
ist er dadurch schuldig geworden an ihrem Tod. Marie Luise von Franz meint
dazu: "Der Tod der Mutter dürfte daher symbolisch aufzufassen sein als 'Tod
der Seele', d.h. als ein völliger Verlust des Kontaktes mit dem Unbewussten
... Indem Parzival nicht nach dem Graal fragte, versteht er sich nun selber
nicht mehr und ist von der Quelle des eigenen Innern abgeschnitten".
Um das
Eigene, das was neu geboren werden will und soll, zu bewirken, musst Du als
Widder oft das trennende Schwert benutzen: die Nabelschnur zur Mutter muss
immer wieder durchtrennt werden, aber so wie unser Leib von der Mutter kommt
und in den Schoß von Mutter Erde zurückkehrt, so muss auch der wollende
Geist den Weg zurück zur eigenen Quelle finden und sich wieder mit der
fühlenden Seele vereinen, nur so wird Ganzheit erreicht; erst jetzt hat der
Held/die Amazone seine/ihre Aufgabe erfüllt.
Text von
Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
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