
Zwilling
Es wurde bereits
aufgezeigt, dass die sich im Horoskop gegenüberliegenden Tierkreiszeichen
Gegensätze darstellen, die durch gegenseitige Integration ein größeres
Ganzes bilden, so wie die zwei Seiten einer Münze erst zusammengenommen die
Münze ergeben. Nun ist es aber auch so, dass die im Tierkreis
aufeinanderfolgenden Zeichen gegensätzlicher Natur sind: auf ein überwiegend
aktives Zeichen folgt jeweils ein weitgehend passives, so dass sich die
Energieverteilung im Tierkreis wie eine Sinuslinie zeigt; jedem Ausschlag
der Energiekurve in die eine Richtung folgt eine Reaktion in die jeweils
entgegengesetzte. Die Besonderheit des Zeichens Zwillinge ist es nun, dass
es als drittes im Bunde gleichzeitig das erste ist, das auf ein solches
Gegensatzpaar folgt. Eine Möglichkeit, dem Tierkreis zu begegnen, ist, ihn
von Anfang bis Ende schrittweise zu durchwandern und an jeder Station die
dort gestellte Aufgabe zu bewältigen.
Die
Problemstellung an der dritten Station dieses Parcours ist nun eine
zweifache: einerseits geht es darum, rückblickend zu erkennen, dass alles
mindestens zwei Seiten hat, und andererseits das Eigene, die dritte Seite
der Wahrheit noch hinzuzufügen. In anderen Worten: Konnte man dem
antreibenden Widder in gewisser Hinsicht das Wort 'Ja' zuordnen und dem
widerständigen Stier das 'Nein', so gehört zu Zwillinge das 'Jein'. War der
Widder IN diese Welt gekommen, um sie zu verändern, und der Stier VON dieser
Welt gekommen, um sie zu bewahren, so ist es die Aufgabe der Zwillinge,
dieses Treiben mit regem Interesse zu beobachten und zwischen den Parteien
zu vermitteln, sozusagen jedem recht zu geben und mit beiden ins Geschäft zu
kommen.
Dazu eine
kurze Geschichte: Ein Ratsuchender kommt zu einem Rabbi und fragt ihn:
"Rabbi, wie ist das eigentlich, leben wir das Leben mehr aus uns heraus oder
mehr in uns hinein?" Daraufhin antwortet ihm der Rabbi: "Wenn Du mich so
fragst, dann: ja!" Das ist die Zwillingsweisheit: beides ist richtig.
Noch eine
Geschichte: Ein alter weiser Meister liegt im Sterben, und seine Schüler
versammeln sich vor seinem Bett in der Hoffnung, noch eine letzte Botschaft
von ihm zu empfangen. Tatsächlich schlägt der Meister noch einmal seine
Augen auf und sagt mit matter Stimme: "Eines wollte ich Euch noch sagen,
bevor ich meinen Körper verlasse: Das Leben ist eine Tasse Tee." Und er
schließt die Augen wieder. Seine Jünger sind verzweifelt. Wenn das der
letzte Satz ihres weisen Meisters ist, so hat er doch bestimmt eine tiefe
Bedeutung. Wie soll ihr Leben in die richtige Bahn kommen, wenn sie diesen
Satz nicht richtig verstehen? Sie diskutieren sich die Köpfe heiß und finden
doch keine Antwort. In höchster Not gehen sie doch noch einmal zum
Sterbebett des Meisters und hoffen inbrünstig, er möge die Augen noch einmal
auftun und ihnen den Sinn dieses Satzes erklären. Und wirklich, er öffnet
noch einmal die Augen. Die Jünger fragen: "Meister, kannst Du uns bitte
erklären, was Du damit meinst, dass das Leben eine Tasse Tee sei?" Und der
Meister sagt mit ersterbender Stimme: "Dann ist das Leben eben keine Tasse
Tee."
In einer
ähnlichen Geschichte kommen Schüler jeden Morgen zu einem Meister, um zu
meditieren. Eines Tages finden sie den Meister, wie er auf dem Kopf stehend
meditiert. Als sie ihn fragen warum, entgegnet er: " Erst jetzt, da ich auf
dem Kopf stehe, leuchtet mir die Wahrheit in ihrer Ursprünglichkeit ins
Angesicht". Natürlich meditieren ab diesem Tag auch die Schüler auf dem
Kopf. Bis sie eines Tages den Meister wieder aufrecht sitzen sehen. "Aber Du
hast doch gesagt, dass man die Wahrheit nur sieht, wenn man auf dem Kopf
steht" konfrontieren sie ihren Meister. "Erst jetzt, da ich wieder aufrecht
sitze, leuchtet mir die Wahrheit in ihrer ursprünglichen Schönheit ins
Angesicht" antwortet er ihnen. Entrüstet wenden sich die Jünger von ihm ab
und erklären ihn für geistig verwirrt. Da sagt er zu ihnen: "Jede Aussage
über diese Welt ist genauso richtig, wie sie falsch ist." Danach sprach er
nie wieder.
Die Natur
unseres Denkens, die innere Logik unserer Sprache ist dualistisch. Wenn es
'hell' gibt muss es zwangsläufig auch 'dunkel' geben; im selben Augenblick,
in dem im menschlichen Bewusstsein 'das Gute' erscheint, hängt 'das Böse'
mit dran, wie ein siamesischer Zwillingsbruder oder wie die andere Seite
derselben Münze. Ein Gott, der nur gut ist, braucht einen Gegenspieler der
nur böse ist. Wenn ich erkenne, dass ich Deutscher bin und darin nur Gutes
sehen kann, wenn ich dem Deutschsein alles Gute zuschreibe und nichts Böses,
dann muss aber trotzdem irgendwo in der Welt das Böse sein: logischerweise
das Nichtdeutsche. Wenn es an irgendeinem Platz in der Welt Tag ist, dann
muss es an einer anderen Stelle zwangsläufig Nacht sein; so sieht unsere
äußere Wirklichkeit aus und offenbar auch die innere Wirklichkeit unseres
Bewusstseins: wenn ich irgendeine Sache als gut anerkenne, muss zwangsläufig
eine andere als das dazugehörende Böse erkannt werden.
Das Wort
Satan kommt aus dem Hebräischen und heißt soviel wie Widersacher.
Ursprünglich war auch er ein Gott; oft wird er mit Luzifer verglichen, dem
Lichtträger, der anstelle Gottes herrschen wollte und deshalb in die
Unterwelt verstoßen wurde. Indem wir ein Bewusstseinsprinzip als Gott
erkennen und ihm erlauben zu herrschen, versagen wir dadurch dem dazu
komplementären Prinzip die Herrschaft, es wird zum Widersacher.
Die Griechen
haben ihre Götterwelt versöhnlicher gestaltet, bei ihnen herrschte Zeus auf
dem Olymp und Hades in der Unterwelt. Interessant ist, dass die beiden
Brüder sind, Söhne des Saturn, der bekanntlich zwei Gesichter hat; das Bild
des alleinherrschenden strengen Gottes und das des gestürzten, zum
Widersacher gewordenen Gottes, sind in ihm vereint. Die griechische
Mythologie erlaubt es, zwischen den beiden Welten, der Oberwelt und der
Unterwelt, zu vermitteln. Die Aufgabe des Vermittlers übernimmt Hermes, der
mit seinem römischen Namen Merkur uns als Herrscher des Zeichens Zwillinge
bekannt ist. Aber es sind nicht zwei, sondern drei Welten, die Hermes
bereist; denn im Spannungsfeld der ersten beiden liegt die dritte, die
Menschenwelt. In der mythologischen Menschenwelt finden wir diese
Gegensatzproblematik der ungleichen Brüder durch viele berühmte
Zwillingspaare verkörpert. Die uns bekanntesten sind wohl Kain und Abel;
Kain der seinen Bruder Abel erschlägt, weil sein Opfer von Gott nicht
angenommen wird. Ein anderes Paar sind die griechischen Dioskuren, Castor
und Polydeukes. Polydeukes war ein Sohn des Zeus und unsterblich, während
Castor aufgrund seiner irdischen Abstammung sterblich war. Oft findet man
einen sterblichen und einen unsterblichen Zwilling, oft einen hellen und
einen dunklen, einen Licht- und einen Schattenbruder. Sie weisen auf die
Doppelnatur des Menschen hin: unsterbliche Seele, sterblicher Körper, und -
jeder Mensch hat neben Licht- auch Schattenpotentiale in sich. Metmann
bezeichnet die Dioskuren als die "seelenrettenden Zwillinge". Seiner Ansicht
nach wird der 'irdische Bruder', so wichtig er zunächst ist, zum inneren
Widersacher und muss ausgeschieden und sichtbar, d.h. bewusst gemacht
werden. Auch Jesus konnte oder wollte seine Mission nicht ohne die
Mitwirkung des Judas vollenden. So ist wohl jeder von uns zugleich ein
Bruder von Jesus, ein Sohn Gottes und zugleich ein Judas, ein vom Satan
geleiteter Verräter der eigenen Sache. Da die Bitte "führe mich nicht in
Versuchung!" nur heissen kann, dass man bereit ist, auf das Essen vom Baum
der Erkenntnis zu verzichten, bleibt dem wahrhaft Suchenden nur die
Alternative: "Führe mich in der Versuchung!".
Lassen Sie
uns nun zurückkehren an die dritte Position des Tierkreises. Von hier aus
werden sowohl die Stier- wie auch die Widder-Perspektive als Gesichter der
Wahrheit akzeptiert, die selber aber viel größer und allumfassend ist. Aus
astrologischer Sicht könnte man sagen: es gibt zwölf Gesichter der Wahrheit,
und jede Erkenntnis, die nicht aus allen zwölf Perspektiven beleuchtet und
als wahr erkannt worden ist, ist letztlich unvollständig und entspricht
daher nicht der vollen und ganzen Wahrheit. Zu wissen, dass kein Mensch im
Besitz der letztendlichen Wahrheit ist und vermutlich jemals sein wird, und
sie trotzdem unermüdlich zu suchen, das ist der Beitrag des
Zwillings-Zeichens. Durch die Manifestation der ersten beiden Zeichen ist
ein Zwiespalt entstanden, nämlich einesteils die Gewissheit, das Urfeuer,
den göttlichen Funken in sich zu tragen, also ein Sohn des Himmels zu sein
(Widder), und andererseits aber aus Erde gemacht, ein Erdensohn zu sein
(Stier). Diese Zweiheit, diese zwei Seelen in der Brust, führen nun im
Zeichen Zwillinge zu einem beständigen Ringen um die Wiedergewinnung der
Einheit.
Die
körperliche Entsprechung dazu finden wir im Vorgang der Atmung. Oskar Adler
vergleicht die Atmung mit dem dialektischen Prinzip: dabei entspricht das
Einatmen der These, das Ausatmen der Antithese und der darauffolgende kurze
Ruhepunkt der Synthese. Würde man es bei einem Atemzug belassen, wäre das
Leben reichlich kurz. Aber das Leben geht weiter und es muss erneut
eingeatmet werden, eine neue Erkenntnis scheint am geistigen Horizont auf,
eine neue These wird aufgestellt. So ist es Aufgabe des Zwillings-Menschen,
die Welt geistig in Atem zu halten. Nie kannst Du Dich auf Dauer für eine
Seite entscheiden, für Einatmen oder Ausatmen, immer wieder musst Du ein
inneres Ja finden zu beidem zum "Sowohl-als-auch". Und wenn Du jemals
glaubst, die Wahrheit gefunden zu haben, dann bist Du zum Narren geworden,
wenn Du zur Ruhe kommst und darin verharrst, dann bist Du als Zwilling tot.
Immer und überall begegnen uns hier die Symbolik und die Problematik der
Zahl ZWEI.
Kriyananda
betont, dass sich in diesem Monat die Pflanzen verzweigen. In der
menschlichen Entwicklung ist es die Zeit, in der der Geschlechtstrieb
erwacht und der junge Mensch erkennt, dass er entweder Mann oder Frau ist,
woraufhin er aus dem Paradies der Kindheit vertrieben wird.
In der Natur
drückt die bunte Frühlingswiese mit vielen Schmetterlingen die
Zwillingsenergie aus. Der Schmetterling an sich dient als Symboltier für
dieses Zeichen. Das fängt schon damit an, dass er uns in zweifacher Gestalt,
nämlich als das Erdentier Raupe und als das Himmelstier Schmetterling
begegnet, wobei das Raupendasein einen vorübergehenden, aber notwendigen
Überganszustand darstellt.
Die Zahl Zwei
liefert uns noch ein weiteres Leitmotiv für das Zwillings-Wesen: den
Zweifler. Er hat erkannt, dass alle Teilwahrheiten gleich gültig sind. Die
"Gleichgültigkeit" wird ihm zum Lebensprinzip und bestimmt sein Denken und
Handeln. Hier nun steht der Zwillings-Mensch an der entscheidenden
Weggabelung seines Lebens. Hier muss selbst er sich entscheiden, wie er das
Prinzip der Gleichgültigkeit zu leben gedenkt. Zwei Wege gibt es, zwei
Möglichkeiten diesen Begriff zu verstehen. Und hier ist nun seine
Intelligenz gefragt; denn das Göttliche offenbart sich dem Zwillingsmenschen
als Intelligenz. Bist Du als Zwilling in der Lage zu differenzieren zwischen
'gleich gültig' und 'gleichgültig'? Aber kühle Intelligenz allein rettet
Dich auch noch nicht. Wissen allein genügt nicht. Da wird die immense
Bedeutung der Integration des Gegenpols Schütze deutlich. Wenn Du absolut
nichts glauben kannst, wenn Du alles anzweifeln musst, wenn Dir alles
gleichgültig weil gleich gültig ist, so führt Dich dieser Weg unweigerlich
in die Verzweiflung. Das Zeichen Schütze symbolisiert eine unabdingbare
Gewissheit, die tief in der menschlichen Seele wurzelt: das Angebundensein
an die göttliche, an die höchste und tiefste Wahrheit über eine Art
geistiger Nabelschnur, über das Gewissen. Das führt uns zurück zur
biblischen Situation, zur Erkenntnis von Gut und Böse. Fragen wir - wie es
sich für den Zwilling in uns allen geziemt -, von dem Phänomen der
Erkenntnisfähigkeit des Menschen ausgehend nach der anderen Seite der
Wahrheit, so kommen wir zu deren Gegenpol, zur Offenbarung Gottes.
Oskar Adler
sagt dazu, dass jede Einheit, die sich offenbart, zur Dreiheit wird, und
zwar in dem Sinne, dass sich das Ureine im Prozess der Selbsterkenntnis, wie
in einen Spiegel blickend, in das Geschaute und in das Schauende spaltet,
aus der Eins entsteht die Zwei; da beides, Urbild und Spiegelbild, jedoch
dasselbe sind, werden sie in der Drei wieder zurückgeführt in die Einheit:
es entsteht die Identität des Offenbarten. Astrologisch gesehen entspricht
der Drei das Tierkreiszeichen Zwillinge. Aus dem Blickwinkel der Esoterik
kann man noch hinzufügen: aus der Zwei geboren, aber von der Eins gezeugt
und dahin zurückstrebend. Somit ist die wahre Suche des Zwillings-Menschen
kein zielloses Umherirren, sondern das Anpeilen eines weit entfernten
Zieles, welches gleichzeitig ursprünglich der Ausgangspunkt war. Dieser
Lebenshaltung kann natürlich jedes erreichbare Ziel, jedes erreichte
Nahziel, ähnlich dem Schmetterling, der sich auf einer Blüte niedergelassen
hat, nur als ein momentanes Verweilen gelten; denn alles in allem ist an
dieser Stelle des großen Kreises letztlich Suchen wichtiger als Finden.
Kollektiv
gesehen zeigt Zwilling die Möglichkeiten und Gefahren des menschlichen
Denkens auf. (Gott ist Intelligenz - sieh Dir nur die geniale Konstruktion
einer einfachen Blume an!). So sehr hier die Abneigung gegen Dogma,
Einseitigkeit und Gurus mit erhobenem Zeigefinger besteht, so stark wirkt
auch die Faszination durch die Möglichkeiten des menschlichen Geistes, des
menschlichen Gehirns. Zwillings-Weisheit ist, dass wir durch unsere
Denkmuster unsere tägliche Wirklichkeit immer wieder selbst erschaffen, dass
wir uns glücklich oder depressiv denken, erfolgreich oder erfolglos, krank
oder gesund. Viele moderne Therapieformen setzen an diesem Punkt an, betonen
die Wichtigkeit, negative Denkmuster aus dem inneren Computer zu entfernen
und durch neue zu ersetzen, die dem Leben dienen. Hermes-Merkur leiht uns
seine Fähigkeiten wie ein dienstbarer Geist; wie seine Erkenntnisse jedoch
verwertet werden, ist ihm egal - dazu braucht es das ethische
Schütze-Jupiter-Prinzip. Ein autonom gewordener Merkur kann Atombomben
erfinden, Babys aus der Retorte erzeugen, intelligente Kriege planen,
Wissenschaft ohne Herz und Liebe betreiben - und dabei ein
cool-unbeteiligter Beobachter bleiben. Hermes hat jedem der olympischen
Götter einschließlich sich selbst ein Opfer dargebracht, er hat aber auch
jedem etwas gestohlen. Das zeigt uns, dass er jeden einzelnen anerkannt und
dabei aber vor keinem Respekt gehabt hat. Hermes war respektlos, immer
wieder hat er durch seine unüberlegten Aktionen und Streiche die Ordnung
gestört und erst viel später konnte man oft erkennen, dass der ganze Klamauk
einem höheren Zweck gedient hatte. Hermes der Götterbote, der Vermittler,
der Seelenführer, der Gott der Magier, Diebe, Händler, Handwerker, Hermes
der Vielfältige, er erinnert an folgende scherzhafte Charakterisierung des
Zwillings-Typus: viele Berufe, keine feste Anstellung bzw. regelmäßige
Arbeit und meist gerade auf Fortbildung. Aufgrund seiner Lernbereitschaft
könnte man heute sicher noch etliche Titel anführen, einen aber auf alle
Fälle: Gott der Medien. Was wird da alles vermischt und verdreht und
durcheinandergebracht? Und doch muss sich derjenige, der seinen Zeigefinger
anklagend erhebt und sagt: "die schreiben nicht die Wahrheit!" die Frage
gefallen lassen: "Was ist denn die Wahrheit?".
Familien- und
Beziehungssystem
Ein
Familiensystem, in dem viel Zwillingsenergie vorhanden ist, trägt oft Züge
des "intellectual systems" oder auch des "irrelevant systems". Im ersteren
kann man sich eine Professorenfamilie vorstellen, in der sehr viel geredet,
diskutiert und argumentiert wird. Es ist sehr wichtig, wie klug jemand ist;
es ist viel geistige Nahrung vorhanden. Allerdings findet sich oft ein
Grundgefühl von Leere und Unlebendigkeit - es wird pausenlos ÜBER etwas
geredet, vernünftig und rational, aber Körper und Emotion verhungern dabei.
Das "irrelevant system" zeigt in besonderer Deutlichkeit eine Schattenseite
des Zwillingsmotivs auf: es ist ein System, das außerordentlich verwirrend
bis verrücktmachend ist, in dem keine Regeln erkennbar sind, außer dieser:
"Am End weiß keiner nix!" (Karl Valentin, Zwillings-Sonne).
Die Energie
in der idealtypischen Zwillings-Familie ist normalerweise
freundlich-kommunikativ, oft herrscht viel Trubel, wie auf dem Marktplatz
oder eine angenehme unverbindlich-leichte Cafehausatmosphäre. Im Gegensatz
zu Stier findet sich hier viel mehr Nomadentum; es gibt schließlich so viele
interessante Plätze auf der Welt, da sollte man sich nicht voreilig auf
einen Wohnsitz festlegen. In Beziehungen kann es passieren, dass "Lieben und
verlassen" eine häufige oder ständige Erfahrung ist. Man ist in der Liebe
kreativ und verspielt, dabei oft innerlich unbeteiligt. Sexualität ist hier
nicht die tiefe Leidenschaft, sondern Spiel und Komödie.
Als Frau
gerätst Du an die Männer vom Typ "puer aeternus", die inspirierenden,
interessanten, intellektuellen Männer, die oft aber Windbeutel sind,
abhauen, verlassen, sich aus der Verantwortung stehlen, vor allem, wenn sie
als Vater gefragt sind. Aber gib es zu: der brave, solide Ehemann, der Dir
sagt: "Komm in meine Doppelhaushälfte, ich werde ewig für Dich da sein und
will viele, viele Kinder mit Dir haben", interessiert Dich nicht die Bohne;
höchstens kurzfristig, wen Du jemanden brauchst, der Dir die Wunden des
Trennungsschmerzes leckt, oder wenn Du in der Lebensmitte Panik bekommst und
die Schmetterlingsflügel allmählich müde werden.
Als Mann bist
Du alles andere als der Vatertypus, der Burgen baut und Wurzeln garantiert.
Du bist der "ewige Jüngling", den es in die bunte Welt zieht, obwohl Du
natürlich auch als solcher durchaus in einer Beziehung oder in einer Familie
mit Kindern leben kannst. Trotzdem neigst Du mehr dazu auf geschwisterliche
und geistige Art mit Deinen Nächsten verbunden zu sein, als Dich als
verantwortlicher Fels zu profilieren. Wenn man Dich als Schmetterling liebt,
wirst Du Dein helles Gesicht zeigen: freundlich, kommunikativ, hilfsbereit,
auf angenehme Art erfrischend und meistens gut aufgelegt. Wenn man Dir aber
Blei in die Flügel packt, wird es Dir eng im Brustraum und Du wirst entweder
depressiv oder asthmatisch oder wirst zum Lügner und Betrüger, der alle
möglichen Verwirrspiele inszeniert, mit einer Vorliebe für
Dreiecksbeziehungen.
Die Sprache
ist hier von zentraler Bedeutung, es ist wichtig, über Liebe und Beziehung
auch sprechen zu können. Andererseits, so wichtig es ist, Probleme zu
diskutieren, auszusprechen, was einen verletzt oder wie man die Dinge haben
möchte, so machtlos ist die Sprache oft angesichts Deiner Gefühle. Manchmal
ist es einfach besser, still zu sein, sich in die Augen zu sehen und der
Wahrheit der Gefühle zu begegnen, ohne sie wegzudiskutieren. Der
Zwillings-Abwehrmechanismus hat viel zu tun mit Argumentieren und
Rationalisieren. Es macht oft tiefe Angst, den Logenplatz des coolen
Beobachters zu verlassen und ein betroffener Teilnehmer des Geschehens zu
werden, indem man in die Welt der eigenen Gefühle eintaucht. Das heißt
nicht, dass der Schmetterling zum Wassertier mutieren soll; ein
Schmetterling kann unter Wasser nicht überleben. Da aber jede Einseitigkeit
Konsequenzen unangenehmer Art hat, ist die Begegnung mit der Wirklichkeit
des Gefühls und auch mit der Weisheit des Körpers, der bekanntlich nie lügt,
unumgänglich. Sonst wächst die Gefahr, besonders natürlich bei Männern, dass
der Puer, der den Boden nicht berühren will, irgendwann unsanft abstürzt,
sei es durch materiellen Bankrott, durch Krankheit, im Extremfall durch
Todesbegegnungen.
M. v. Franz
hat in ihrem Buch "Der ewige Jüngling" viel zu diesem Thema geschrieben -
vor allem Lufttypen dürften sich von ihren Ausführungen betroffen fühlen.
Auch im Ödipus-Mythos gibt es eine Stelle, an der das Thema und die Gefahr
des Zwillings- bzw. Luftmenschen spürbar ist: Ödipus löst bekanntlich das
Rätsel der Sphinx und kehrt als gefeierter Sieger in Theben ein; doch dann
nimmt das Schicksal seinen Lauf: er heiratet, wie im Orakel vorausgesagt,
seine Mutter.
Helmut
Remmler meint dazu in seinem Buch über die Sphinx: Ödipus hat ihr Rätsel nur
INTELLEKTUELL gelöst, er hat sich nicht mit dem WESEN der dunklen Mutter,
das die Sphinx verkörpert, auseinandergesetzt. Deshalb fiel er regressiv in
den Schoß der Mutter zurück. Das erinnert an viele Psychologen, die
zentnerweise Literatur im Kopf haben, stets bereit sich selbst und andere zu
analysieren und dabei an der lebendigen Wirklichkeit vorbeigehen, kühl wie
ihr Metallkoffer, klug, aber ohne Herz. Wer sich aber in
gedanklich-theoretischen Höhenflügen so weit von der Mutter Erde wegbewegen
muss, der hat oft ein tiefes, ungelöstes Mutterproblem, wie auch Ödipus, der
ja ein unerwünschtes Kind war, über dessen Wiege schon das dunkle Orakel
schwebte. Solche im Urvertrauen gestörte Kinder müssen später oft unheimlich
klug (Betonung auf unheimlich) werden, um dadurch vermeintliche Sicherheit
in der Welt zu finden.
Die dunkle
Seite von Beziehungen, in denen Zwillings-Energie stark beteiligt ist, egal
ob auf der Eltern-Kind-Ebene oder auf der Partnerschaftsebene, ist
verwirrende Strukturlosigkeit, Bodenlosigkeit bzw. Doppelbödigkeit in jeder
Hinsicht, zynische Trickster-Spiele, Lüge und Betrug oder kalte
Intellektualität, unter der sich ein Gefühl von Leere, Nichtigkeit,
Belanglosigkeit verbirgt. Auch das Thema der "double-binds", der doppelten
Botschaften ist hier, symbolisch gesehen am ehesten zuhause. Diese spielen
nachgewiesenermaßen in der Entstehungsgeschichte von Schizophrenie eine
wichtige Rolle. Die bekannteste und vielleicht wichtigste Erscheinungsform
der double-binds ist die Widersprüchlichkeit verbaler und nonverbaler
Botschaften. Wenn jemand mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern und leeren
Augen sagt: "Mir geht es fantastisch", so ist das ebenso verrücktmachend,
wie wenn jemand mit blitzenden Augen, geballten Fäusten und
zusammengepressten Lippen sagt: "Ich weiß gar nicht, was Du hast, ich bin
überhaupt nicht wütend". Darüber hinaus gibt es rein verbale double-binds,
in denen jemand im ersten Satz etwas sagt, das er im zweiten wieder
zurücknimmt: "Ich möchte wirklich, dass Du selbständig wirst, aber frag mich
bitte, bevor Du das Haus verläßt".
Weiterhin
gibt es rein nonverbale double-binds; wenn Dich z.B. jemand umarmt und dabei
den Hintern ganz weit wegstreckt. Sein Oberkörper sagt dann: ich möchte Dir
ganz nah sein; sein Unterleib sagt aber: komm mir ja nicht zu nahe! Nicht
jedes Kind wird in einer verrückten Familie verrückt, aber gerade
Zwillings-Kinder sind für Krankheiten, die mit "schizo" (d.h. gespalten)
beginnen, besonders disponiert. Die dunkle Zwillings-Energie kann alles
zerreden, ohne Ergebnis. Als Gegenüber bekommst Du schnell das Gefühl: nie
mach ich's richtig! Ein Zwillingswitz: Eine Frau schenkt ihrem Mann zum
Geburtstag zwei Krawatten. Da er ihr eine Freude machen will, zieht er am
nächsten Morgen zum Frühstück eine davon an. Sie mustert ihn und fragt: "die
andere gefällt Dir wohl nicht?"
Therapie
Die körperliche Entsprechung des Themas Zwillinge sind die Atemorgane.
Unterdrückte Zwillings-Energie äußerst sich auf somatischer Ebene oft als
Enge im Brustraum, als das Gefühl "ich bekomm keine Luft mehr". Um eventuell
ungelebter Zwillings-Energie auf die Sprünge zu helfen, ist der Weg über die
Atemarbeit naheliegend. Sei es durch tiefgehende Arbeit wie Rebirthing oder
durch sanftere Meditationstechniken, die auf richtiges Atmen den Schwerpunkt
legen. Therapeutische Verfahren, die dem Wort viel Platz einräumen, oder
Methoden, wie z.B. "positives Denken", die an unseren Gedankenmustern
ansetzen, kommen der Zwillings-Art sehr entgegen und sind gerade deswegen
hier oft weniger hilfreich und wertvoll, als in anderen Fällen; denn sie
geben dem gewandten und listenreichen Zwilling viele Möglichkeiten zum
Tricksen und zum Abhauen. "Silence is the answer" heißt eine wunderschöne
Meditationsmusik von G. Deuter. Auf der Rückseite der Platte steht folgender
Satz: "Jedes Wort ist eine Bitte um Rückkehr in die Stille". Wer sich mit
Meditation beschäftigt, weiß, wie schwer es ist, den inneren Quatschkopf zum
Schweigen zu bringen und welche Rolle die Atmung dabei spielt. Hier findet
man auch den Therapeutenkiller in Form des Ja-aber-Klienten, der letztlich
zig Therapeuten ausprobiert, um ihnen dann nachzuweisen, dass sie auch nicht
die Wahrheit besitzen. Oder sie bleiben in gesprächsorientierten Therapien
immer Beobachter. Oder sie lassen verschiedene Therapien parallel laufen,
spielen die Therapeuten gegeneinander aus - und innen drin wird bei dem
ganzen Zirkus die Leere immer größer.
Die Sprache
und der Kopf sind sowohl der Segen, als auch der Fluch des Zwillings. Ein
häufig auftauchendes Motiv sind, wie schon erwähnt, Dreiecksbeziehungen. Das
kann für alle Seiten quälend und nervtötend zugleich sein, da, konsequent im
Sinne der Zwillingsidee gedacht, eine Entscheidung hier gegen die Berufung
der Eigenart wäre. Hans Jellouschek hat ein ausgezeichnetes Buch (Semele,
Zeus und Hera) über dieses Thema geschrieben. Auch das Bekenntnis zu einem
Menschen oder zu was auch immer ist stets ambivalent. Heirate oder heirate
nicht, Du wirst beides bereuen - dieser Satz lässt sich auch auf andere
Gebiete anwenden. Oft kommen zwillingsbetonte Menschen zur Beratung oder
gehen in Therapie mit Entscheidungsproblemen. Einem Schmetterling wirft man
nicht vor, dass er sich nicht für eine bestimmte Blume entscheidet. Es ist
einfach schön, ihm zuzusehen, wie er fliegt und Buntheit und Leichtigkeit in
die Welt bringt. Keiner wirft dem Schmetterling Oberflächlichkeit vor, weil
sein Zuhause die Luft ist. Aber wie viele Menschen-Schmetterlinge laufen mit
Schuld- und Verzweiflungsgefühlen herum? "Ich müsste mich
entscheiden...jetzt bin ich schon 30 (40, 50, 60, ...) Jahre alt und weiß
immer noch nicht ...".
Wenn Du Dich
als Zwilling akzeptierst, dass Du eben als Schmetterling und nicht als Kuh
geboren bist, und dass das das Schlechteste und Beste ist, was Du hast, dann
tust Du Dir und dem Kosmos bestimmt einen größeren Gefallen, als wenn Du
nach einer Eindeutigkeit schreist, die gar nicht Dein Thema ist, und die Du,
falls Du sie von Dir forderst, bewusst oder unbewusst sowieso hintertreibst.
Oft hilft es in unentschiedenen Lebenssituationen nur, die Spannung einfach
auszuhalten, im Konflikt zu bleiben, bis der "gute Moment", bei den Griechen
"Kairos" genannt, auftaucht, und sich das Problem so oder so löst.
Zu schnelle
Entscheidungen dagegen, sei es auf Druck der Umwelt oder von einem
schlechten Gewissen provoziert, haben oft einen Umschlag in den Gegenpol zur
Folge, einen Boykott der erzwungenen Einseitigkeit. Wenn Du Dich dagegen
bewusst bekennst zu dem Zigeuner, zu der Zigeunerin in Dir, zu Deiner Freude
an Spiel und Komödie, zur Energie Deines "hilfreichen Tieres", des
Schmetterlings, wird die Welt durch Dich ein wenig verrückter, bunter und
lebendiger werden. Das Problem ist nicht, dass Du dich nicht entscheiden
kannst, sondern, dass Du eine Entscheidung von Dir forderst. Du kannst Dich
sehr wohl zum Hier und Jetzt einer Lebenssituation bekennen, in dem vollen
Bewusstsein, dass es sich immer um ein vorläufiges Bekenntnis handelt. Sei
ein aufrichtiger Odysseus und lebe Deine 'Erkenne-Dich-Selbst-Odyssee' mit
aller Dir gegebenen Neugier und: nimm Dich bloß nicht zu ernst! Bhagwan
(Zwillings-Aszendent) gibt die Botschaft: "Sei Dir selbst ein Witz!". Warum
muss Leben immer ernst und schwer sein, damit jemand als erwachsen und reif
betrachtet wird? Die Welt als ein Gedanke Gottes, als Werk eines Dichters,
als große Schule, in der es viel zu erkennen, zu lernen und zu lehren gibt,
das ist das Zwillings-Gesicht der Existenz. Am Ende Deines Zwillings-Lebens
wird Dich jemand fragen: "Was hast Du gelernt? Was waren auf Deiner
lebenslangen Suche Deine wichtigsten Erkenntnisse?"
Sonne in Zwillinge
Bist Du mit
Sonnenstand Zwillinge geboren, dann ist Dein innerer König und Vater ein
freundlicher und kluger Herrscher, der sein Reich mit Weisheit und Geschick
regiert. Er braucht keine Armee, da er freundschaftlichen Kontakt zu den
Nachbarkönigen pflegt und im Zweifelsfall immer bereit zum Dialog ist. Als
Kind mit Zwillings-Sonne brauchst Du den Vater als Freund und Lehrer, aber
nicht als Guru, sondern als Gesprächspartner, dem man auch widersprechen
darf. Väter, die Kindern den Mund verbieten, keine Bereitschaft zum Dialog
zeigen, sind für diese Kinder schlimm, und werden von diesen in ihrer
dogmatischen Art oft auch als dumm empfunden - das aber sollte der Vater
eines Zwillings-Sonnen-Kindes niemals sein; denn durch die Zwillings-Brille
besehen, wird die Menschenwelt in 'klug' und 'dumm' eingeteilt, und als
dummer Mensch hast Du bei Zwilling vorn vorneherein verspielt. Denk- und
Redeverbot, die "Halt-die-Luft-an!" - Botschaft sind hier besonders
problematische Themen. Diese Kinder sind ja nicht primär "Vatermörder", aber
man wird doch mal nachfragen und widersprechen dürfen!
Schlimm ist
auch, wenn in der Familie Geistiges abgewertet wird. Das ist manchmal das
Problem des Luftkindes in der Arbeiterfamilie: "Willst wohl was Besseres
sein? Hast keine Lust, Dir die Hände schmutzig zu machen?" Dabei geht's doch
nur darum, dass das Kind einfach neugierig auf die Welt ist und wissen will,
dass hier wirklich eine große Bereitschaft und ein innerer Drang zum Lernen
da sind.
Wenn Du als
Frau Zwillings-Sonne hast, eignest Du Dich nach klassischem
patriarchalischem Muster für die Rolle der Frau Geheimrat, der Frau
Professor, die zum mehr oder weniger klugen Mann aufschaut. Nun ist ja
nichts Schlechtes dabei, einen klugen Mann zu haben, wenn frau das eigene
Denken, den inneren klugen König nicht vergisst. Viele Frauen mit
Zwillings-Sonne tippen ihrem Mann die Manuskripte, statt selbst zu
schreiben, und geben sich zu schnell mit der Rolle der Gehilfin und
Sekretärin zufrieden; vor allem, wenn keine Mutter existierte, die Vorbild
war für eine individuierte, geistige Frau.
Der
Zwillings-König kann und soll natürlich auch in der Frau leben als
schöpferische geistige Energie, als Mittler und Lehrer. Meist findet aber
zunächst eine Projektion auf äußere Väter und Männer statt. Als Zwilling,
Mann oder Frau, betrachtest Du das Leben als Schule und es geht darum, das
zu werden, was der Vater schon ist oder was er optimalerweise für Dich hätte
sein sollen: ein kluger und gebildeter Mensch, der viele Geschichten über
das Leben zu erzählen weiß und der sein eigenes Leben mit Hilfe seines
Verstandes meistert.
Ein
Zwillings-Held im Märchen ist das Tapfere Schneiderlein, ein typischer
Vertreter des Trickster-Archetyps, der seinen Weg geht, indem er seinen Kopf
gebraucht, mit List und Tricks, nicht mit roher Gewalt. Das Schneiderlein
wirft Steine auf die Riesen, sodass sie sich gegenseitig umbringen, lässt
das Einhorn in den Baum laufen und sperrt die Wildsau in die Kapelle. So
pfiffig diese Tricks auch sein mögen, so sehr offenbaren sie auch die
Problematik des typischen Zwillings: Er wagt es nicht, sich mit den
emotionalen Riesenenergien in sich direkt zu konfrontieren und stellt sich
auch den Energien des wilden marsischen Mannes (Einhorn) und der wilden Frau
(Wildsau) nicht wirklich. Zusehen, wie andere, die man vorher provoziert
hat, sich die Köpfe einschlagen, ausweichen oder abhauen, das sind
Zwillings-Waffen, wirksam und fragwürdig zugleich. So wirft dieses kleine
Schneiderlein einen Riesenschatten.
Von Hermes
wird berichtet, dass es ihm, als er gerade einen Tag alt war, in seiner
Wiege zu langweilig wurde, und er sich davonmachte, um seinem Bruder Apollon
die Rinderherde zu stehlen. Dem Apollon gegenüber hat er die Rolle des
kleinen Bruders und unter anderem symbolisiert er auch das "göttliche Kind"
in uns allen. Hermes entspricht auch der Figur des Tricksters und des
indianischen Coyote. Laut C.G. Jung ist der Trickster, den er mit dem
Schatten gleichsetzt, ein lebendig gebliebenes Relikt eines früheren
unbewussteren und naiveren Bewusstseinszustandes der Menschheit. Dem Hermes,
dem Trickster, dem Schatten haftet etwas Inferiores, etwas Koboldhaftes,
etwas Naives an. Er erinnert an ein widerspenstiges Kind. Diese naive
Widerspenstigkeit und Respektlosigkeit kennzeichnet in gewisser Hinsicht das
Zwillingswesen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie dem geistig wachen
noch unverbogenem Zwillings-Kind die Eltern, wenn sie wie dressierte Hamster
ihre tägliche Runde treten, manchmal als dumme Riesen erscheinen mögen; und
wie der erwachsene Zwillings-Mensch, dessen inneres Kind trotz aller
Erziehungsmaßnahmen noch frischen Geist atmet, durch die Riesenwichtigkeiten
und -bedeutsamkeiten und Riesenzeigefinger der Gesellschaft zu bösen
Streichen provoziert wird. Wenn es um die Ganzwerdung, um die Integration
des Gegenpols geht, so ist das Zeichen, das dem Sonnenstand gegenüber liegt,
dasjenige, das im Dunkeln ist und ins Licht des Bewußtseins geholt werden
muss. In diesem Falle ist das ganze etwas verdreht und daher verrücktmachend;
denn das Zwillings-Zeichen, das man in gewisser Hinsicht als das "Zeichen
des Schattens" benennen könnte, liegt im Licht und das Schütze-Zeichen, das
man auch das "Zeichen des Lichts" rufen könnte, liegt im Dunkeln; verdrehte
Welt! Aber was hatten wir geglaubt, dass uns erwartet, wenn wir uns auf die
Doppelbödigkeit der Zwillings-Realität einlassen? Wer ist also der Schatten
von wem? Man muss alles mehrmals umdrehen, und wie man es auch dreht und
wendet ... Wir sitzen in der Zwillings-Falle: der Verstand hat sich sein
eigenes Gefängnis gebaut. Da hilft nur ein Trick: nicht nur das Schlechte im
Guten (Zwilling) zu sehen, sondern auch das Gute im Schlechten (Schütze).
In einer
Geschichte von Khalil Gibran findet ein Priester auf dem Heimweg den
todwunden Teufel. Der bittet ihn: "Nimm mich mit zu Dir und hilf mir, sonst
muss ich sterben". Der Priester freut sich. Auf diese Gelegenheit hat er ja
schon lange gewartet. "Endlich sind wir Dich los, Du Plage der Menschheit!
Ich werde Dir auf keinen Fall helfen!" bedeutet er jenem. Dann entspinnt
sich ein Gespräch zwischen den beiden, in dessen Verlauf der Teufel den
Priester davon überzeugt, dass dieser ohne ihn gar keine Daseinsberechtigung
mehr hätte. Kurz und gut: der Priester nimmt den Teufel mit nach Hause und
pflegt ihn liebevoll gesund.
Es gibt
zahlreiche Märchen und Geschichten, in denen zwei völlig ungleiche Helden
oder Heldinnen die Hauptrolle spielen, die aber bei aller Verschiedenheit
letztlich zusammengehören, wobei man den einen als Schatten des jeweils
anderen betrachten kann. Zum Beispiel im Märchen "Die beiden Wanderer" der
finster-pessimistische Schuster und der heiter-optimistische Schneider, im
Märchen von Frau Holle Goldmarie und Pechmarie oder in Hermann Hesses
"Narziss und Goldmund" der strenge, asketische Geistesmensch Narziß und der
lebenslustige irdische Goldmund. In der wunderschönen Geschichte "Der
Gaukler Pamphalon" beschreibt Nikolai Leskow solch ein ungleiches Paar: der
strenge, asketische "gute Mensch ..." verlässt seine Heimatstadt, die ihm
nur als Sündenpfuhl erscheint, geht in die Einsamkeit und lebt jahrelang als
Eremit in einer Felsenhöhle. Und doch findet er nicht den Seelenfrieden, den
er sucht. Eines Tages hört er eine Stimme, die ihm sagt: "Gehe nach Damaskus
und suche den Pamphalon". Nach anfänglichem Zögern, gehorcht er dieser
(inneren) Stimme und macht sich auf den Weg. In Damaskus angekommen muss er
zu seinem Entsetzen feststellen, dass dieser Pamphalon ein Gaukler ist, der
auf den Festen der Reichen und in den Hurenhäusern seine Kunststücke
vorführt. Doch hat der Gaukler ein gutes, liebevolles Herz; er ist der
einzige, der den verwahrlosten alten Mann aufzunehmen bereit ist. In vielen
Gesprächen kommen sich die ungleichen Männer näher, lernen einander lieben,
und am Ende der Geschichte gehen beide miteinander ins Licht ein.
Das persische
Märchen "Die schlaue Ileane" zeigt eine Heldin, die ihren Königssohn ein ums
andere Mal austrickst, dadurch aber seiner Rache und Gewalt entgeht. Am Ende
heiratet sie ihn als selbständige, kluge Frau, nicht als demütiges Hascherl.
Zwilling will uns lehren, IN der Polarität zu leben, die eigene
Widersprüchlichkeit zu akzeptieren, den Zweifel "darzuleben", wie Oskar
Adler sich ausdrückt. 'Nur gute', 'nur edle', 'nur sanfte' Menschen sind
gefährlich und gefährdet; denn irgendwo im Keller der Psyche wartet der
Gegenpol. Immer klug sein wollen ist dumm, immer stark sein müssen, ist
schwach; Menschen ohne Schatten sind unvollständig. Die lebendige
Auseinandersetzung mit dem inneren Gegenspieler macht das Leben erstens
spannender; denn der Schatten verwickelt Dich ins Leben (C.G. Jung), und
zweitens einfach menschlicher. Wenn Du am Ende Deines Lebens oder vielleicht
jetzt, am Ende dieses Textes, mit Sokrates darin übereinstimmst: "ich weiß,
dass ich nichts weiß!", dann hast Du für diesmal Deine Zwillings-Lektion
gelernt.
Text von
Günther Staimer, Dozent der Riemann-Schule
|
|